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Im Imperialen China verdeutlichte der sogenannte “Kotau” die ganze Wucht der beabsichtigten Erniedrigung: Untertanen mussten sich vor dem Herrscher auf den Boden werfen und die Stirn exakt neun Mal auf den Untergrund aufschlagen. Nun das dürfte US-Präsident George W. Bush, den man in China verächtlich “Kleiner Bush” nennt, im sino-amerikanischen Showdown um den US-Spionageflieger und dessen auf Hainan gestrandeten 24-köpfigen Crew wohl erspart bleiben. Doch die KP-Führung in Peking ließ keinen Zweifel offen: Je mehr die US-Reaktion einem Kotau – einer allumfassenden Entschuldigung – gleicht, desto zufriedener werden chinesische Nationalisten sein. “Die Lösung liegt wohl in den Händen eines Übersetzers”, sagte Ex-Aussenamtssprecher James Rubin: Man muss Worte finden, die in englisch und chinesisch den Spagat zwischen dem “Bedauern, ohne sich zu entschuldigen” überbrücken.

Bereits in Woche Zwei hatte der “standoff” für Experten kaum vorstellbaren Schaden zwischen der 281-Millionen-Einwohner-Supermacht USA und dem aufstrebenden 1,3-Milliarden-Einwohner-Riesenreich in Fernost angerichtet. Fast hilflos wird nun auf beiden Seiten des Pazifiks gefragt: Wie konnte sich ein schlichter Unfall – dem Zusammenstoß des Hightech-Spionagefliegers “EP-3E Aries II” mit einem chinesischen F-8-Kampfjet am 1. April – zum internationalen Zwischenfall und der schlimmsten Krise zwischen den Staaten seit der irrtümlichen Bombardierung von Chinas Belgrad-Botschaft während des Kosovokrieges 1999 ausweiten? Zum einen schrillen die Alarmglocken wegen der internationalen Unerfahrenheit des US-Präsidenten – samt eines gefährlichen Machtkampfes zwischen Kalten Kriegern rund um Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Realisten rund um Außenminister Colin Powell. Zum anderen verhinderte auch der Machtkampf zwischen Chinas Staatspräsidenten Jaing Zemin und Hardlinern innerhalb der “Volksbefreiungsarmee” eine schnelle Lösung des Vorfalls.

Bush hatte die Chinesen mit seiner anfänglichen Kalter-Krieg-Rhetorik, die er salopp auch gegenüber Rußland einsetzt, völlig vor den Kopf gestossen. Eine Chronologie der ersten Tage durch das US-Magazin “Newsweek” zeigt einen US-Prösidenten, der das explosive Potential das Crashes nicht erkannte – und auch von seinem engsten Beraterstab falsch beraten wurde. Bush erfuhr von dem Zwischenfall Samstag abends beim Dinner in Camp David mit seiner nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Niemand dachte ernsthaft, dass sich der “Unfall” in eine Geiselkrise verwandeln könnte. Bush kehrte frührer nach Washington zurück – nicht wegen den gestrandeten Piloten in China, sondern weil schlechtes Wetter sein geplantes Freizeitprogramm zunichte machte. Am Montag nahm sich sein Sprecher Ari Fleischer einen Urlaubstag. Bush, anstatt auf der von seinem Vorgänger Bill Clinton ins Leben gerufenen “Hotline” direkt mit Präsident Jiang Zemin die Lage zu entspannen, verlangte mit drohendem Unterton das sofortige Herausrücken von Crew und Fluggerät. Diese “Arroganz” hätte den Konflikt erst richtig ausgelöst, sind sich Sinologen inzwischen einig.

So gerne Bush persönlich die einfache Schwarz-Weiß-Welt des Kalten Krieges aufleben lassen will, so schnell wird er jetzt von der Realität des vernetzten und interagierenden Global Village eingeholt. Mit umgerechnet 1.400 Milliarden ist die Volksrepublik der viertgrößte Handelspartner, von McDonalds-Filialen in Shanghai bis mit chinesischen Drachen verzierten Jumbos des Paketdienstes U.P.S.. China hält 140 Milliarden Dollar an Devisen, dessen Verkauf die internationalen Finanzmärkte kurzfristig ins Chaos stürzen könnte. „Und China hat bisher mit Geschick beweisen, wie sehr es europäische und amerikanische Konzerne notfalls gegeneinander ausspielen kann.

Nachdem Bush in den ersten vier Tagen seine beste Chance vertan hatte, den Konflikt rasch zu beenden und sich wieder seinen Lieblingsthemen der Schulreform und Steuersenkung zu widmen, suchte er neuen Rat: Erstmals wurde Außenminister Powell, der – wie schon viele Male zuvor – zunächst von Bushs engsten, ultarkonservativen Vertrauten ausgebootet worden war, beauftragt, durch vorsichtiges “Bedauern” die Wogen zu glätten. Bush suchte, teils in persönlichen Telefonaten den Rat seines als ehemaligen US-Gesandten in Peking erfahrenen Vaters, sowie dessen Strategen Brent Scowcroft und James Baker. Um einen Ausweg wurde auch Ex-Außenminister Henry Kissinger gefragt. “Die neue Administration ist gefordert, den Mittelweg zwischen offener Kooperatin und resolutem Entgegentreten offener Aggression zu finden”, schreibt Kissinger in einem Kommentar.

Der Propagandafeldzug Pekings könnte auch als Rache für den Schwenk in Sachen amerikanischer China-Politik verstanden werden. Hatte Clinton während der 90iger Jahre um den Ausbau wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen gebaut, stehen die Zeichen seit dem Bush-Amtsantritt auf Sturm: Im Wahlkampf hatte Bush China als “strategischen Konkurrenten” bezeichnet, und hält trotz vehementestem Widerstand Pekings am Bau der “National Missile Defense” fest. Ende des Monats muss er entscheiden, ob Pekings Erzrivale Taiwan ´vier Zerstörer mit dem bis zu 100 Raketen erfassenden Radarsystem “Aegis” erhält. Verärgert ist Chinas Regime auch über die dauernde Kritik an seiner Menschenrechtspolitik, besonders zuletzt bei der brutalen Verfolgung der Sekte “Falun Gong”.

Aber auch für Chinas Jiang Zemin, der im eskalierenden Showdown zur Dienstreise nach Südamerika aufbrach, steht viel am Spiel: Die USA könnten Chians Bewerbung für die Sommerspiele 2008 zum Entgleisen bringen, der Kongress die für Ende des Jahres geplante Aufnahme in die Welthandelsorganisation und die Erneuerung der Handelsmeistbegünstigungsklausel torpedieren. Auch der Hinauswurf von in den USA auf Eliteunis studierender Kinder hoher KP-Funktionäre wird in der US-Presse diskutiert. Doch innerhalb des Weißen Hauses wurde Anfang der Vorwoche gegenüber der “New York Times” offen zugegeben, wie wenig Manövrierspielraum es bei den “derart komplexen und verschachtelten Sino-US-Beziehungen” gäbe.

China habe zwar weder die materielle Kapazität noch ideologische Anziehungskraft der alten Sowjetunion, um Amerikas Rivale auf globaler Ebene zu sein, schreibt Newsweek: Chinas sei ein Drittweltland, sein Pro-Kopf-Einkommen liegt mit 3.800 Dollar unter dem Mexikos, sein Militärbudget bei 15 Prozent der Ausgaben des Pentagon. Doch in den letzten Jahren hat die Volksbefreiungsarmee an ihrer Südküste enorm aufgerüstet, 300 Raketen gegen Taiwan in Stellung gebracht. Seine immer aggressivere Politik in der Südchinesischen See (etwa im Streit um die von sechs Nationen beanspruchten, ölreichen Spratly-Inseln) oder bei einem Grenzkonflikt mit Indien könnte auch zur “heute größten Bedrohung Amerikas werden”, argumentiert Eliot Cohen von der John-Hopkins-Uni.

Die US-Militärs bezeichnen die Unterbrechung der Luftaufklärung als schweren Schlag: Kurz vor dem Unfall hätte die EP-3E auch Daten eines möglichen neuen Nukleartests im Atomversuchsgelände “Lop Nur” aufgefangen. Seit dem letzten Test 1996 und dem Beitritt zum Atomtestsperrvertrag wurden nur einige kleine, subkritische Tests durchgeführt. “Vorbereitungen für einen neuen Atomtest sind ein Alarmzeichen, daß Präsident Jiang nicht mehr Herr der Lage ist”, zitiert Aufdecker Bill Gertz in der “Washington Times” Quellen aus dem Verteidigungsministerium. Deshalb drängte das Militär auf eine rasche Wiederaufnahme der Aufklärungsflüge.

Währenddessen wurde das diplomatische Tauziehen um die Formulierung einer “Entschuldigung, mit der beide Seiten leben können” durch immer schrillere Propaganda überschattet: 85 Kriegschiffe, 105 Suchflugzeuge, 800 Fischerboote und insgesamt 10.000 Menschen suchten in der Südchinesischen See nach der Leiche des chinesischen Kampfpiloten Wang Wei, 33. Seine, nach einem Nervenzusammenbruch hospitalisierte Frau Ruan Gupqin war zum Star der KP-Propaganda in den täglichen Abendnachrichten geworden, in einem Brief an Bush beschimpfte sie den US-Präsidenten als “Feigling” (Bush beantwortete des Schreiben als “humanitäre Geste”). Unverholen wurde mit einem Schauprozess gegen US-Piloten Shana Osborn und seiner Crew gedroht.

In den USA gingen die Emotionen durch täglich neue Details über einen regelrechten Thriller in der Luft nach der Kollision zwischen dem ultramodernen EP-3E-Horchfliegers und Wei´s F-8-Kampfjet. Wei war den Aufklärern als “Top-Gun”-Verschnitt bekannt: Immer wieder flog er knapp unter dem Spionageflieger und tauchte plötzlich vor der Pilotenkanzel auf, einmal so knapp, daß sein Triebwerk Rauchspuren an der Scheibe hinterließ. Der Trick, perfektioniert von sowjetischen Piloten während des Kalten Krieges, verursacht ein für die Amerikaner nervtötendes Ruckeln. Doch am 1. April hatte sich Wei Wang offenbar verschätzt, seine Heckflosse streifte den Propeller – die EP-3E schmierte ab, die F-8 stürzte ins Meer. Wangs Kollege Zhao Yu wollte die Amerikaner sogar abschiessen, die Bodenkontrolle lehnt jedoch ab. Danach verhinderte er eine Rückkehr der Amerikaner zu ihrem Stützpunkt in Okinawa und zwang sie zu einer Landung auf der Militärbasis in Lingshui. Der Kongress-Republikaner Henry Hyde bezeichnete die Besatzung seit dem Wochenende als “Geiseln”, sein demokratischer Kollege Robert Torricelli stellte die Abberufung des US-Botschafters aus Peking zur Debatte. “Es sollten sich eher die Chinesen entschuldigen”, sagte Ex-Verteidigungsminister William Cohen auf CNN´s Larry King: “Sie haben das Leben unserer Soldaten leichtfertig aufs Spiel gesetzt”.