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Das Gelände scheint für die Exekution des Jahrzehnts wie geschaffen. Ein riesige Wiese erstreckt sich vor dem wie eine Festung protzenden Bundesgefängnisses in der Kleinstadt Terre Haute im Mittleren-Westen-Bundesstaat Indiania: Das idyllisch-saftige Frühjahrs-Grün bietet genug Raum für die zehntausenden erwarteten Schaulustigen, Protestgruppen und Medienvertreter. Die Gefängnisverwaltung hat Zonen erstellt: Zwei Flächen für Pro- und Kontra-Todestrafengruppen, Live-Einstiegsplätze für die TV-Networks, Raum für Medienzelte und Übertragungswagen, “Straßenverläufe” für internen Verkehr mit Golfcarts. Dazu kommen hunderte tragbarer Toilettanlagen. Der Luftraum über dem Gelände ist Flugverbotszone – Medien-Helikopter wurde mit dem Abschuss gedroht. Für die 1.600 erwarteten Journalisten wurde sogar ein Handy-Sendemast errichtet. 500 Meter entfernt glitzern die zehn Stacheldrahtrollen an der Mauer der Strafanstalt in der Sonne. “Irgendwie schaurig schön”, sagt Suszanne Carter, lokale Todestrafengegnerin des “Abolition Networks” bei der Inspektion der ihr zugeteilten Protestzone: “In zwei Wochen wird hier die Hölle los sein.”

Am Mittwoch dem 16. Mai, um 7 Uhr Früh Ortszeit (14 Uhr MEZ) wird der 33-jährige Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh per Giftinjektion hingerichtet. Das bizarre Medientheater, vergleichbar nur mit der Exekution der Sowjet-Spione Julius und Ethel Rosenberg nach Weltkrieg II, verdankt die sonst ruhige 60.000-Einwohner-Stadt gleich zwei Superlativen:

# Mit McVeigh wird jener Massenmörder exekutiert, der für den schlimmsten Terrorakt in der US-Geschichte verantwortlich ist: Mit einer 3,5-Tonnen-Megabombe hatte er vor sechs Jahren das “Murrah”-Bundesgebäude in Oklahoma-City in die Luft gejagt – in dem rauchenden Stahlbeton-Skelet wurden 168 Todesopfer gefunden (19 davon Kleinkinder), 600 schwer verletzt. Der paranoide Antiregierungs-Fanatiker hatte das Gebäude als “Vergeltung” für die mit 80 Toten blutige Erstürmung der Sektenranch des Kultführers David Koresh und seiner Davidianer im texanischen Waco 1993 durch die “Feds” durchgeführt.

# Und anders als auf Landesebene á la Texas, wo inzwischen in Rekordzahlen gehenkt wird, hat der Staat USA seit 1963 keinen seiner Delinquenten mehr hingerichtet. McVeigh hatte auf eigenen Wunsch alle Berufungsverfahren einstellen lassen und ist nun der erste einer möglichen Serie bundesstaatlicher Exekutionen. 21 Leute befinden sich in Terre Haute auf “Death Row”, als Präsident und oberste Berufungsinstanz regiert mit George W. Bush der hinrichtungswilligste Ex-Gouverneur der modernen US-Geschichte.

“Als die Bundesregierung vor einigen Jahren hier die einzige Hinrichtungsstätte des Landes installierte, hatten wir wohl keine Ahnung, was uns blüht”, schüttelt Bürgermeisterin Judith Anderson bei meinem Lokalaugenschein den Kopf: “Jetzt ist ausgerechnet McVeigh der erste seit fast 40 Jahren – wir müssen das Theater mit aller Tapferkeit durchstehen”. Vor ihrem Büro wird der Polizeichef von Mitarbeitern beglückwünscht, im ABC-Frühstücksfernsehen eine gute Figur abgegeben zu haben. Viele machen ein Geschäft daraus: Anrainer haben ihre Gärten als Parkflächen an Medienorganisation vermietet, andere verpachten Grund für Camper. Bereits wurden die ersten Souvenier-T-Shirts mit aufgedruckter Giftspritze entdeckt, Restaurants offerieren McVeigh-Burgers. “Eine Dollar-Zahl hochzurechnen, wäre pietätlos”, sagt Anderson: “Aber es könnten Millionen werden”. Das globale Rampenlicht wirkt wie ein Magnet für Verrrückte aller Coleurs: “Pray for McVeigh” prangt auf einem 16-Bogenplakat unweit der Haftanstalt, bezahlt von “JesusFreaks.org”. Die radikale Tierschützergruppe PETA (“People for the Ethical Treatment of Animals”) verlangte, dass McVeighs Henkersmahlzeit vegetarisch sein solle: Ihm sollte nicht erlaubt sein, ein weiteres Leben zu nehmen, argumentierten die Tierschützer. “Wir können wenig dagegen machen”, sagt die Stadtchefin: “Wir leben in einem Land mit großen Freiheiten”.

Das Exekutionsprozedere ist als Bundesgesetz auf 51 Druckseiten fein säuberlich niedergeschrieben: Das Schriftstück regelt alles von religiöser Betreuung bis zur Autopsie. Knapp vor 7 Uhr werden die Henker McVeigh an eine Pritsche schnallen, in beiden Unterarmen Kanülen und Nadeln befestigen. Die Vorhänge zu den Nebenräumen werden geöffnet, McVeigh hat die Chance für seine letzten Worte. Dann lassen die Henker in Folge drei ultragiftige Substanzen frei: Thiopental Sodium, das zur Bewusstlosigkeit nach 15 Sekunden führt, dann Pancuroniumbromid, das den Körper lähmt und zuletzt Potassiumchlorid, das den Herzstillstand auslöst. “Das EKG wird beobachtet, bis alle Lebenszeichen aufhören zu existieren”, heißt es im schwülstigen Amtsjargon.

Ein vom “Federal Prison Bureau” angefertigtes Videos, das ich sehen durfte, verdeutlicht das sterile Interior der Todeskammer: An der bläulichen Kachelwand ist das sprichwörtliche Ablaufen der Zeit mit einer direkt vor dem Delinquenten angebrachten Uhr manifestiert. Auf einem Metalltisch steht, fast wie in einem James-Bond-Movie, ein rotes Telefon – für einen Aufschub in praktisch letzer Sekunde. “Die ganze Szenerie ist unheimlich”, sagt Schwester Rita Clair Gerardist vom Orden “St. Mary-of-the-Woods”, die zwei von McVeighs Zellennachbarn religiös betreut: “Und alle anderen Todeskandidaten leiden unter den Trubel um McVeigh”. Ihr Schützling, Paul Hammer, hat zuletzt wegen der Einschränkungen des Besuchsrechts geklagt. Immerhin: Gerardist hat die Hälfte der Death-Row-Insassen überredet, als Countdown zur Exekution 168 Schweigeminuten einzulegen – eine für jedes Opfer des Oklahomer-Bombers.

Der Großteil der Opferfamilien werden McVeigh “live” sterben sehen – zehn hinter einer Fensterscheibe der Exekutionskammer in Terre Haute, 250 per Videoübertragung in einer Flughafenhalle im gut 800 Kilometer entfernten Oklahoma City. Die Unfassbarkeit dieses Massenmordes rechtfertige die einzigartigen Begleitumstände der Exekution, meint US-Justizminister John Ashcroft: Die Oklahoma-City-Überlebenden sind die größte Gruppe von Verbrechensopfer aller Zeiten – “als Hinrichtungszeugen können sie mit dieses Kapitel in ihrem Leben abschließen”. Doch sie sind gespalten: Im Rummel um die bis zur Hinrichtung zu füllende TV-Airtime sind viel zu nationalen Medienstars geworden. Bud Welch, dessen 23 Tochter Julie Marie in dem Inferno ums Leben kam, wurde zur Leitfigur der Todesstrafengegner. In einer berührenden Statement beschreibt der 61-jährige seine Wandlung: “Der Schmerz war zuerst unerträglich, ich wollte McVeigh hingerichtet sehen – ich hätte es mit meinen eigenen Händen getan”, schreibt er: “Doch nachdem ich diese Periode des temporären Wahnsinns hinter mich gebracht hatte, ist für mich klar: Die Regierung hat kein Recht, Leben zu nehmen – egal wie abscheulich das Verbrechen”. Peggy Broxterman, 70, dessen Sohn Paul starb, wird die Exekution als eine von zehn vor der Todeskammer sehen: “Ich will, dass er weg ist, nicht mehr atmet”, sagte sie in einem Interview bitter.

“McVeigh tut der Todesstrafendebatte in den USA keinen guten Dienst”, glaubt Max Jones, Chefredakteur der lokalen Tageszeitung “StarTribune”: Viele verwenden gerade ihn als Argument, warum man die Todestrafe braucht. Zuletzt ist die Debatte nach einer Serie haarsträubender Justizskandale neu entflammt: Die USA rangierte im Jahr 2000 mit 85 Exekutionen global an vierter Stelle – hinter China, dem Iran und Saudi-Arabien. Illionois verfügte im Vorjahr einen Hinrichtungsstopp, ein nationales Moratorium bis zu einer Justizreform wird gefordert. “Es geht ums Prinzip”, sagt Todestrafengegnerin Carter in Anspielung auf die besondere Grausamkeit und mangelnde Reue des Killers: “Gewalt mit Gewalt zu vergelten, lässt die Spiral nur noch schneller drehen – als nächstes rächt ein Symphatisant dann den Tod McVeighs…”

McVeigh will aus der Zelle heraus in den letzten Tage noch penibel Regie führen: Die von ihm gewünschte und von der Pornosite “VoyeurDorm.com” vorangetriebene Internet-Live-Übertragung wurde von einem Richter abgelehnt. Doch wird von Experten eine “Entführung” der Signale der geschlossene Video-Übertragung für die Angehörigen befürchtet: Computer-Hacker könnten in die Übertragungskanäle eindringen und die Exekution ins Internet bringen. Die im Fachjargon als “Closed-Circuit” bezeichnete Technik wurde zuletzt beim Sexverhör von Ex-Präsident Bill Clinton durch Sonderermittler Kenneth Starr im Sommer 1998 angewandt, als Clintons Geständnis im Lewinsky-Oralsexskandal vom Weissen Haus zu den Geschworenen in einem naheglegenen Gerichtsgebäude übertragen wurde.

Das vom Delinquenten verursachte nationale Trauma soll die bizarre Hinrichtungsshow rechtfertigen. Mit McVeigh wird viel Geld verdient: Das Buch “American Terrorist” (Regan Books, 448 Seiten) von den Lokalreportern der “Buffalo News”, Lou Michel und Dan Herbeck, stürmte auf Nr. 2 der “New York Times”-Bestsellerliste. Die Journalisten hatten den Fanatiker 75 Stunden lang interviewt und die Wahnsinnstat sowie McVeighs Abdriften in die paranoide Welt der Milizen nachgezeichnet. “Es ist wichtig, die Psyche dieser Menschen der Nachwelt zu erhalten”, wehrt sich Herbeck im Gespräch mit mir gegen Vorwürfe der Geschäftemacherei: “Was hätte die Nachwelt gegeben, mehr über Adolf Hitler zu wissen”.

Zuletzt ist McVeigh – der keinerlei Reue oder Mitgefühl für seine Opfer ziegte – bemüht, bis zuletzt das Rampenlicht als Märtyrer zu nützen: Eigentlich hätte er Ex-Justizministerin Janet Reno töten wollen, enthüllte er per Fax der TV-Station “Fox”. Als letzte Worte, kündigte er zuletzt an, wolle er aus dem Gedicht “Invictus” aus dem 19. Jahrhundert zitieren: “Ich bin der Meister meines Schicksals, der Kapitän meiner Seele”. Einen bizarren Rechtsstreit initiierte er auch über seine Autopsie: Seine Anwälte sollten dagegen kämpfen, dass sein Gehirn wie das andere Massenmörder seziert werde. Das Endergebnis seines Privat-Krieges gegen den Staat bilanziert er trocken mit 168 : 1.