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“Erinnern sie sich”, fragt der Aktionär mit donnernder Stimmen, “als sie im Vorjahr von einem Teilnehmer fast genötigt wurden, endlich in Technologie zu investieren?” Die Köpfe in der bis zum letzten Sitz gefüllten Sporthalle “Omaha Civic Auditorium” drehen sich zu dem 45-jährigen, der in Sektor 10 für einem Mikrophon steht. “Danke, Mr. Buffett, dass sie diesem Rat nicht gefolgt sind und uns vor finanziellem Schaden bewahrt haben!” Tosender Applaus von den 5.000 Aktionären der Hauptversammlung der Investment-Holding “Berkshire Hathaway”.

Deren Gründer und Aushängeschild, Investorenlegende Warren E. Buffett, 70, ist rehabilitiert: Während seit dem dem Höhepunkt der New-Economy-Euphorie vergangenes Frühjahr 4.000 Milliarden Dollar aus den Investoren-Portfolios verschwunden sind, konnte Berkshire im Jahr 2000 sein Betriebsergebnis mit einem Nettozugewinn von 3,96 Milliarden Dollar um 6,4 Prozent steigern. Und während einige durch den Tech-Hype geblendete Privatanleger ihre eigene Pensionsvorsorge verzockten, können sich Buffetts Shareholder freuen: Die Aktie der A-Klasse hat nun einen buchhalterischen Wert von 40.442 Dollar – in den letzten 36 Jahren stieg sie von 19 Dollar um 23,6 Prozent jährlich und ist die größte Anleger-Erfolgsgeschichte aller Zeiten. Im freien Handel am New York Stock Exchange notierte der Titel mit dem neuen Symbol BRK letzten Donnerstag mit 69.400 Dollar.

Dabei war Buffett im Vorjahr von smarten Wallstreet-Brokern wegen seiner notorischen Hochtechnologie-Verweigerung inmitten des Nasdaq-Kursfeuerwerks bereit als senil abgeschrieben worden. Doch die glitzernde Finanzmetropole New York wirkt wie ein anderer Planet im biederen Omaha, Nebraska – die Heimatstadt des Königs des “Value”-Investments und Birkshire-Sitz. Die jährliche Pilgerfahrt Zehntausender zur Aktionärshauptversammlung gilt als “Woodstock für Kapitalisten“. Drei Tage lang kann bei Berkshire-Firmen zum Diskont-Preis geshoppt werden, von Juwelen bei “Borsheim´s”, dem zweitgrößten Juwelier des Landes bis zu Möbel im “Nebraska Furniture Mart”, oder Souverneurs wie Cowboy-Boots mit aufgedruckten Buffett-Portrait. Die Fans schleppten heuer bei brütender Hitze riesige Plastiktaschen mit Coca-Cola-Audrucken durch die 368.000-Einwohnerstadt. Schon die schiere Anzahl von Teilnehmern ist ein Phänomen: Der Gigant IBM etwa lockt gerade mal 800 Aktionäre zu seiner Jahresversammlung.

Die meisten sind einfache Leute, Midwesterners. Tausende hat Warren Buffett zu Millionären gemacht. Howard Silver, ein nun pensionierter Zeitungszulieferer aus New York, hatte Buffett in den 60igern kennengelernt – bald erwarb er Aktien zu 1.000 Dollar. “Ich wünschte, ich hätte mehr gekauft”, erzählt er mir augenzwinkernd wenige Minuten vor Beginn der Versammlung: “Ich habe ihm immer vertraut – Berkshire ist meine finanzielle Sicherheit“. Um die besten Sitzplätze zu bekommen stellen sich Aktionäre bereits um 2:30 Uhr früh vor dem Gebäude in Downtown Omaha an. Das Firmen-Video enttäuscht niemanden: Eine selbstironische Präsentation des Wirkens von Warren Buffett, einmal mit Ukulele im Hawaihemd, die Berkshire-Hymne singend, dann als Caddy von Golfsuperstar Tiger Woods, mit Microsoft-Gründer und Freund Bill Gates in einer Parodie auf die “Millionenshow”, Hänseleien über seinen Langzeipartner und Freund Charlie Munger, 77, der in der Finanzwelt ebenfalls längst Kultstatus genießt.

Wenig später sitzen Buffett und Munger vor einem dunkelroten Vorhang mit dem Aufdruck “Berkshire Hathaway, Inc.”. Sichtlich ergraut, mit dicken Brillen und billigen Anzügen, wirken beide wie die alten Scherzbolde in der Loge der Muppets Show. In Anspielung an ihr fortgeschrittenes Alter stellt sich Buffett vor: „Ich Warren, das ist Charie – ich kann hören, er kann sehen…“. Dann rechnen sie brutal mit der „Märchenwelt“ der großer Investmenthäuser ab: Man habe durch den Internet-Hype die Öffentlichkeit in eine Falle gelockt und zu Investitionen in ein Business verleitet, wo noch kaum Geld verdient wurde. In Sachen E-Commerce erinnert er sich an seine frühen Erfahrungen als Boss eines Gemischtwarenladens: “Wir haben 17 Stunden pro Tag Sachen zu Kunden zugestellt, und fast gar nichts verdient”, sagt er. Damals kamen die Orders per Telefon, jetzt kommen sie am Computer – und das ganze heiße “WebVan”: “Was ist daran revolutionär?”, fragt er. Und das Zustellen bleibe ein “lausiges Geschäft”.

Großartig an der Wallstreet sei zurzeit bloß die Promotion und nicht ˘die Performance: “Die Firmen geht vorher pleite, bevor ihren Promotern die Ideen ausgehen”, wettert er. Es verwundere, dass soviele gebildete Leute soviel Blödsinn verbreiten: “Jeder der sagt, man soll entweder in Wachstums- oder Value-Aktien machen, hat keine Ahnung vom Investieren”. Er würde sich bei solchen Aussagen verkrampfen: “Wachstum ist doch das natürliche Resultat des Wertes”, schüttelt er den Kopf. Kaum jemand wisse mehr, wie man Firmen und dessen Aktien bewertet. Sich an der Marktperformance zu orientieren, sei ein schrecklicher Fehler, warnt Buffett: “Leute kauften Tech-Aktien, weil sie glaubten, die würden im nächsten Jahr steigen, oder weil es ihnen der Nachbar gesagt hat – sojemand hat nichts in der Investmentwelt verloren.”

Auch die Erwartungshaltungen für jährliche Returns seien völlig überzogen: Mehr als sechs Prozent sei unrealistisch, es mache ihn wütend, dass selbst große Pensionsfonds von neun Prozent Jahreszuwachs ausgehen: “Das wäre als Sitze man auf einer Erdbebenlinie, wo sich die Spannungen aufbauen – und man erklärt, daß je länger es kein Beben gibt die Wahrscheinlichkeit abnehme…”. Die Business-Schools seien heute maximal gut beim Vermitteln von Buchhaltungs-Fragen. “Leider wird dort nicht mehr gelehrt, an das wir glauben”, sagt Munger in seiner langsamen und meist fast philosophischen Wortwahl. Beim Ausbilden besser Manager machten die Business Schools einen “lausigen Job”.

Mitch Tuchman, 38, Risikokapital-Geber aus dem kalifornischen Silicon Valley, kommt jährlich mit seinem Vater Sid, einem pensionierten Geschäftsmann, nach Omaha: “Das ist doch das beste ganztägige Gratis-Investmentseminar der Erde”, lacht er in der Mittagspause: “Buffetts Geschäfts-Ideologie sollte auch in der New Economy angewendet werden”, so Tuchman. Buffett, der vor 36 Jahren ein Textilmühle namens “Berkshire Hathaway” als Basis künftiger Investments kaufte, investiert in Aktien oder kauft Firmen nach einem 13-Punkte-Kriterienkatalog: Der regelt alles von der Zusammenarbeit mit gekauften Firmen, der ständigen Suche nach herausragendem Mangement oder Industriezweige, in denen sich Buffett und Munger sehr gut auskennen (dazu gehört offenbar nicht Hochtechnologie). Alles dient dem Ziel der Wertvermehrung der Gesamtholding, dessen Aktienbuchwert sich seit 1965 um 207.821 Prozent gesteigert hat. Buffett ist nicht interessiert, direkt ins Management gekaufter Firmen einzugreifen – im Headquater der Holding, deren Firmen weltweit 112.000 Menschen beschäftigen, werken in einem schlichten Büro in Downtown Omaha bloß eine Handvoll Leute.

Im Vorjahr kaufte seine Holding acht Firmen, die sehr haltbare doch unaufregende Güter produzieren – von Ziegel und Teppichen bis zu Cowboy-Boots. 123 Milliarden Schilling wurde dafür bezahlt, 97 Prozent in Cash. Buffett und Munger hätten keinen “Masterplan”, eine auf Jahre hinaus ausgetüfftelte Investment-Strategie: “Wir kaufen, was uns in die Quere kommt und was wir für richtig halten”. Humoriges Beispiel dieser kaufmännischen Spontanität: Als Charlie Munger in einem Schneesturm in Buffalo tagelang festsaß, kaufte er aus Langeweile die lokale Zeitung „The Buffalo News“.

Interesse zeigte Buffett heuer erstmals an Aquisitions im Energiesektor und vor allem in Übersee. Trotz Riesenpleiten und “Rolling Blackouts” in Kalifornien samt einer zynischen Abrechnung mit den Politikern hinter der dort völlig fehlgeschlagenen Stromliberalisierung (Buffett: “Man braucht ja kein Genie zu sein, um zu wissen, daß im Strommarkt der Verbrauch niemals die Produktion übersteigen darf…”) stelle der Energiemarkt langfristig ein gutes Geschäft dar. Keinen Erfolg hatte Buffett bisher beim Kauf nicht-amerikanischer Firmen. Er würde zwar bei seinen Geschäftreisen durch Europa oder Asien seine Visitkarten hinterlassen. “Doch mein Telefon hat bisher nicht geklingelt”, sagt er entäuscht. Ob er auch an Käufen in Österreich Interesse habe, wollte ich kurz vor seinem traditionsreichen Abschlag beim lokalen Baseball-Spiel der “Omaha Golden Spikes” vs. den “New Orleans Zephyrs” wissen: “Jederzeit, man braucht sich nur bei uns zu melden und wir sehen uns das gerne an”, rührt Buffett die Werbetrommel. “Das größte Problem für ihn dürfte sein, Firmen mit ausreichender Größe zu finden”, sagt der New Yorker Fondsmanager Henry Schlegel vor dem Auditorium: “Vielleicht ist gerade deshalb der Energiesektor interessant”. Mindestens eine Milliarde Dollar (15.4 Milliarden Schilling) sollten die Firmen an Marktwert haben, sonst mache die Aquistion wenig Sinn, meint Buffett. Ideal wären gar 10 bis 15 Milliarden.

Nach dem erfolgreichen Jahr machen sich seine Shareholder, einige davon sind Kinder der dritten “Aktionärs-Generation”, heuer mehr Sorgen über seine und Mungers Gesundheit: “Sie habe gehört, dass er gerne Schokolade nascht und zu fettreich esse”, fragte eine Aktionärin: “Sind ihre Cholesterolwerte nicht zu hoch?” Nach Krankheitsgerüchten das Vorjahres beruhigt Buffett, während er aus einer Bonboniere-Schachtel der Berkshire-Firma “See´s Candy” ißt und Cola Light aus der Dose trinkt: “Es geht mir gut, alle Werte sind in Ordnung, ich liebe meine Arbeit und habe keinen Stress” (Munger fügt an, dass er dafür alle anderen verrückt mache…). Ob er sich nicht endlich ein neues – und sichereres – Auto kaufen wolle, fragte ein weiterer Shareholder. Buffett, der mit einem über zehn Jahre alten “Lincoln Towncar” zur Arbeit rollt, wolle nicht einmal einen halben Tag in das Umlernen auf ein neues Gefährt investieren. “Man sieht, die beiden haben einfach Spass”, schüttelt Investor Tuchman amüsiert den Kopf: “Die müssen niemanden irgendetwas mehr beweisen”. Auch die Nachfolge des weltberühmten Investor-Duos habe man in gute Hände gelegt, wird beruhigt.

Obwohl Buffett seine 477.166 Class-A-Shares mit 508 Milliarden Schilling zum fünftreichsten Mann der Erde machen, demonstriert er Bescheidenheit: Er zahlt sich ein für seine Position bescheidenes Jahresgehalt von 1,54 Millionen Schilling, plus 3,9 Millionen Sonderaufwendungen. Sein Haus in der 55. Straße Omahas ist unscheinbar und fällt in der typischen Mittelklasse-Gegend nicht auf. Ob er nicht befürchete, dass es irgendwann mal einen großen Rückschlag gäbe, wollte ein Aktionär wissen. Sorgen mache ihm nur seine Position als größter Versicherer und Rückversicherer im Bundesstaat Kalifornien. Ein Megabeben etwa in L.A. könnte Buffett teuer zu stehen kommen. Seine dort lebende Schwester würde ihn deshalb jedesmal anrufen, “wenn die Hunde ohne Grund im Kreis laufen”.