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Der Ex-Präsident spielt mit seinem Hund “Buddy” im Garten. Er wirft einen halb zerkauten Tennisball in den weitläufigen Rasen. Der Labrador sprintet – etwas an Fettleibigkeit leidend – hinterher, bringt ihn zurück. Bill Clinton scherzt inzwischen mit seinem Nachbarn, deutet in die Bäume. Man redet offenbar über das Zurechtstutzen der Gartengewächse nach dem langen kalten Winter. Clinton genießt sichtlich den warmen, sonnigen Frühlingsnachmittag in seinem Domizil, der 26-Millionen-Schilling-Villa in der Old House Lane, Nummer 15 im idyllischen Suburb Chappaqua. In hellblauen Holzhackerhemd, ausgewaschenen Jeans und Sneekers begeleitet er, die Hände lässig in den engen Vordertaschen, einen Besucher zurück zu dessen Limo. Seine Frau Hillary hat eine Stunde zuvor in einem Wagenkonvoi das Haus für einen Auftritt in Harlem verlassen. “Senatorenschicksal”, könnte er sich denken.

Seelenruhig spaziert der 54-jährige Clinton über die Straße, um einige meiner Fragen zu beantworten. “Aus Österreich sind sie?”, ruft er vorab: “Sie Armer, den ganzen weiten Weg…” Im ersten Kurz-Interview seit seinem turbulenten Abgang aus dem Oval Office am 20. Jänner nach acht Jahren einer so erfolgreichen wie skandalgeplagten Präsidentschaft meldet er sich nun zu Wort:

# Vor seinem Auftritt als Starredner nächsten Mittwoch beim Wirtschaftsblatt-Kongress in Wien kündigt er einen Tenor seines Vortrages an, mit dem Vorredner, Kanzler Wolfgang Schüssel (und vor allem der Koalitionspartner FPÖ) wenig Freude haben werden: Clinton preist die Vorzüge der multikulturellen Gesellschaft, die Amerika Erfolg gebracht habe. Er wolle sich als “einfacher Bürger” zwar nicht in die österreichische Innenpolitik einmischen, es sei jedoch kein Geheimnis, dass er konträre Ansichten zum einfachen Parteimitglied Jörg Haider habe.

# Und Clinton kritisiert indirekt erstmals öffentlich seinen Nachfolger, den Republikaner George W. Bush, in Sachen Klimapolitik: Die Klimaerwärmung sei die größte Bedrohung in den nächsten 50 Jahren, er werde “alles in seiner Möglichkeit tun”, dass sich die USA nicht von dem von ihm und seinem Vize Al Gore ausverhandelten Kyoto-Protokoll verabschiedet.

In den ersten 100 Tagen als “Citizen Clinton” kämpfte der ehemals mächtigste Politiker des Erdballs mit den Tücken des Privatlebens. Ohne seinen 90-köpfigen Mitarbeiterstab fütterte er plötzlich Namen und Adressen in einen “Palm Pilot”, wählte Nummern selbst, eröffnete ein Konto samt Bankomatkarte oder saß bei seinen regelmäßigen Shuttle-Flüge zurück ins zweite Clinton-Domizil, einem prächtigen 43 Millionen teuren Townhouse im Washingtoner Botschaftsviertel, am Airport bei Verspätungen fest. Der Jumbo “Airforce One” fehle ihm schon sehr, erzählte ein Freund. Sein persönlicher Assistent Oscar kocht für ihn, macht die Wäsche kümmert sich um den Haushalt. Er hält Kontakt mit dem kleinen “Transition Office” in Washington, sein gut 780 Quadratmeter großes Ex-Präsidenten-Büro in der 125. Straße im Herzen Harlems wird erst im Sommer bezogen.

Inzwischen erforscht Clinton, der vielleicht brillianteste Politiker seit Generationen, seinen neuen 16.000-Einwohnerort Chappaqua, eine gute eine Autostunde nördlich von New York City. “Ich habe meinen Augen nicht getraut, als plötzlich Clinton bei der Türe hereinspazierte”, erinnert sich Richard Lang, Besitzer des Delicatessen-Ladens “Lang´s Little Store”. Dort sitzt Clinton nun als Stammgast im schlichten Hinteraum auf einem Plastiksessel, ißt seinen Lieblings-Truthahn-Sandwich und plaudert mit Bürgern. Gerne trinkt er auch Decaf bei “Starbucks” oder isst Hühner-Souvlakie im Restaurant nebenan. Die Bewohner des spießigen Vororts haben sich mit ihrem berühmten Nachbarn angefreundet: Als die zwölfjährigen Zwillinge Amanda und Julian Schwebel ihm per Brief um Hilfe bei einem Schulprojekt baten, lud sie Clinton am Folgetag für eine Stunde in sein Arbeitszimmer – und beantwortete in einem Schaukelstuhl brav Fragen über Implikation der rasanten Verbreitung von Handy´s und Laptop-Computers. “Meine Nachbarn hier sind aus Albanien”, sagt er im Smalltalk mit mir, nachdem er vor seinem Haus die Hände von Spaziergängern geschüttelt hat: “Sie sind sehr dankbar, was wir für sie im Kosovo gemacht haben”, sagt er stolz. Den ganzen Tag drehen Schaulustige mit ihrem Auto einen Runde vor dem Haus. Das bis zu 12 Mann starke Bewachungsteam des Secret Service fordert sie meist höflich auf, weiterzufahren.

In den USA ist es politisch sehr ruhig um den Gottseibeiuns der Erzkonservativen geworden: Nach dem Wirbel um das verwüstete White House nach der Amtsübergabe, der Mitnahme von Geschenken in Millionenhöhe und der Aufregung über ein sündteures, vom Steuerzahler zu begleichendes Ex-Präsidentenoffice in Midtown Manhattan ermittelt nun nur mehr Bundesstaatsanwältin Mary Jo White wegen der Pardonierung des flüchtigen Finanzjoungleurs Marc Rich. Während es in Amerika oftmals sogar zu Protesten gegen Clinton-Auftritte kommt (wie etwa beim Vortrag des Investment-Hauses Morgan Stanley Anfang Februar) ist der charismatische Ex-Präsident ein absoluter Hit in Übersee: Am Dienstag war er der Star des mit Business-Leaders gespickten “Fortune”-Forums im chinesischen Hongkong, zuvor redete er vor Geschäftsleuten in Den Haag, traf sich mit den “alten Freunden” Nelson Mandela und Deutschlands Kanzler Gerhard Schröder, suchte bei einer langen Afrika-Reise nach Lösungen für das AIDS-Desaster, oder sammelte in Indien Geld für Bebenopfer. In den ersten drei Monaten als Privatmann übertauchte er den Pensionsschock mit einem dichten Reiseprogramm: Florida, New Orleans, L.A. (dort wurde er beim Chat mit dem politischen Filmstar Warren Beatty gesehen), die Niederlande, Baden-Baden, Dänemark, Florida, wieder L.A. (er ist ein Star in Hollywood), Indien, Nevada, eine Woche Dominikanische Republik allein mit Hillary (Freunde berichteten über “zweite Flitterwochen”), Südafrika, Nigeria und zu Wochenbeginn Hongkong. Trotzdem: Es müsse in fertig machen, nicht bei jeder auftauchenden Weltkrise sofort Premiers, Präsidenten oder Könige anrufen zu können, sagte Clinton-Freund und Parlamentarier Pete King dem Magazin “People”.

Jetzt muss Clinton jedoch vor allem Geld scheffeln: Er kassiert pro Vortrag 100.000 Dollar (1,54 Millionen Schilling), arbeitet an einem Buchdeal seiner Memoiren, der ihm ähnlich dem Rekorddeal seiner Frau Hillary über 120 Millionen Schilling einbringen könnte. Zuletzt kursierten Gerüchte über einen Job als Talkshow-Gastgeber bei CNN (angeblich hatte man ihm 231 Millionen Schilling Jahressalär angeboten). Seine Rechtsanwaltsschulden aus der Skandalserie von Whitewater bis Monicagate sind bereits auf 58 Millionen Schilling geschrumpft. “Bis Jahresende möchte er sie abgetragen haben”, wird in seinem Umfeld erzählt. Zu finanzieren und zu erhalten sind zwei Traumhäuser in Chappaqua und Washington (Gesamt-Anschaffungskosten: 69 Millionen Schilling).

Clinton dürfte auch unter dem Gentleman-Agreement leiden, wonach sich der Ex-Präsident für ein Jahr jegliche offizielle Kommentare verkneifen sollte. Die “New York Times” berief sich deshalb auf seine Freunde, als sie Clintons Meinung über Bush zusammenfasste: Clinton halte den Texaner zwar für wesentlich politisch gewievter als andere Demokraten, doch leide unter der Zurücknahme viele seiner Initiativen. “Zunichtemachen ist leichter als Kreieren”, soll er geklagt haben. Auch wundere er sich über den leichten Arbeitsstil seines Nachfolgers, der nur fünf Stunden anstatt Clinton 75 Stunden in die Budgetberatungen investierte. Clinton wird der Politik erhalten bleiben sind alle überzeugt: Seiner Senatorenfrau hilft er jetzt als Topstratege beim Redenschreiben. Kaum jemand bezweifelt, dass er auch den Bush-Gegner beim nächsten Wahlshowdown um das Oval Office beraten wird: Und vielleicht ist das ohnehin Hillary Rodham Clinton.