Giftspritze: Das makabere Ende des Oklahoma-Bombers


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Knapp vor der Montag-Morgen-Rush-Hour bekamen die Amerikaner diesen Monatg ein besonders bizarres Medienspektakel serviert: Für das Frühstücks-TV ausnahmesweise ernste Moderatoren überbrachten von ihrer Zeltstadt aus die Nachricht, dass um 7 Uhr Ortszeit Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh im Todestrakt der Bundeshaftanstalt in Terre Haute, Indiana, per Giftinjektion hingerichtet worden war. 30 Zeugen – darunter zehn ausgesuchte Familienangehörige der insgesamt 168 Todesopfer des Terroranschlages – sahen die Verabreichung der Ultragifte Thiopental und Potassiumchlorid durch eine Kanüle im Unterarm McVeighs durch eine dicke Glasscheibe, 300 weitere Angehörige starrten im 800 Kilometer entfernten Tatort auf eine Großvideoleinwand, die grob gerastert die letzten Atemzüge des 33-jährigen zeigte, der Rest der Nation „sah live beim Zusehen der Exekution zu“, wie das US-Magazin „Time“ sarkastisch anmerkte und provokant nachfragte: Sind die Amerikaner nach dem letzten öffentlichen Henken eines Farbigen 1936 inzwischen sogar reif für eine Live-Hinrichtung? Nicht einmal McVeighs letzte Worte waren eine Überraschung: Er zitierte, wie Wochen zuvor angekündigt, aus dem Gedicht “Invictus” aus dem 19. Jahrhundert: “Ich bin der Meister meines Schicksals, der Kapitän meiner Seele”.

Das schrille Medientheater um McVeigh´s Exekution war jedoch nur die Superlative des in den USA üblichen Rituals der Rache: Das Töten eines Verbrechers soll den Angehörigen der Opfer „closure“ bringen – die Genugtuung, dass auch der Täter mit seinem Leben bezahlte. Mit McVeighs Tod soll nun unter den schlimmsten Terrorakt auf US-Boden ein Schlussstrich gezogen werden: Der Golfkriegsveteran und paranoide wie fanatische Regierungshasser hatte am 19. April mit einer Dreieinhalb-Tonnen-Lastwagenbombe das Murrah-Regierungsgebäude in Downtown Oklahoma die Luft gejagt, als Rache für blutige Erstürmung der Davidianer-Sektenranch im taxanischen Waco durch die „Feds“ exakt zwei Jahre zuvor. Bis zuletzt hatte McVeigh wenig Reue gezeigt: In 75 Stunden Interviews mit den Lokalreportern der „Buffalo News“, Lou Michel und Dan Herbeck, hatte er die 19 getöteten Kinder als „Kolleteralschaden“ bezeichnet. Erst in seinen letzten Briefen an die Reporter, die mit dem Bestseller „American Terrorist“ ein minutiöses Protokoll der Horrortat angefertigt haben und von den US-Medien McVeigh-Biografen bezeichnet wurden, zeigte McVeigh leichte Anzeichen von Bedauern: „Es tut mir leid, dass all diese Menschen ihr Leben verloren haben“, kritzelte er in einem der Briefe: „Aber das liegt in der Natur der Sache einer Militäraktion…“

McVeigh wollte bei seinem eigenen Tod Regie führen und ein Erbe als „Freiheitskämpfer“ gegen das „Joch der Bundesregierung“ hinterlassen. Dabei war er kaum erfolgreich: Zuerst stellte er alle Berufungsverfahren ein und ließ vom Jusizministerium einen Hinrichtungstermin festsetzen, doch als bei der Bundespolizei FBI Anfang Mai 4.500 Seiten an „verschollenen“ Dokumenten auftauchten und Justizminister John Ashcroft den Termin auf 11. Juni verschob, ließ er seine Anwälte plötzlich um sein Leben kämpfen. Zum Hass auf McVeigh kam nun auch der Hohn: Als Feigling bezeichneten ihn Boulveard-Medien wie die New York Post, die zuletzt Anwalt Chris Tritico zitierten: „Er hat Angst zu sterben“. Penibel hatte er jedoch festgelegt, was mit seiner Leiche geschehen soll: Seine Organe sind für Transplantationen freigegeben, seine Asche soll von Anwalt Robert Nigh an einem geheimen Ort verstreut werden. In einem Brief an Herbeck und Michel hatte er zuvor geplant gehabt, seine Überreste über der Gedenkstätte am Ort der inzwischen gesprengten Ruinen des „Murrah“-Gebäudes abwerfen zu lassen. Zuvor wollte er seine Asche gar ins All fliegen lassen. Makaber genug: Das Memorial in Oklahoma mit seinen 168 Riesen-Stühle ist inzwischen mit über 800.000 Besuchern eine der Top-Touristen-Attraktionen der USA.

Die 1.600 Journalisten vor dem festungsähnlichen Ziegelbau in Terre Haute verbrachten den Countdown mit makaberen Details über McVeighs letzte Stunden: Sein letztes Mal bestand aus zwei Kanistern Mint-Schokolade-Eiscreme, er sei den Umständen entsprechend guter Dinge gewesen, habe Ferngesehen, sich von seinen Anwälten verabschiedet. Seine Eltern wollte er nicht sehen. Trotz seines Todes bleibt für die Amerikaner die bohrende Frage: Wie konnte aus einem höflichen, freundlichen und mit einem IQ von 126 hochintelligenten jungen Mann ein derart kaltblütiges Monster werden? Nach dem Golfkrieg war McVeigh in die paranoide Welt rechtsradikaler Milizen abgedriftet, sein Hass auf die Feds nach dem Inferno von Waco mit 80 Toten eskaliert. „Er war völlig emotionslos“, erzählte mir Biograf Herbeck: „Er sprach über das Töten von 168 Menschen wie andere über den Einkauf eines Laibes Brot“.

Bis zuletzt legte er Wert, nicht das Werkzeug einer großangelegten Verschwörung zu sein, wie vor allem Ex-Anwalt Steven Jones in einem Buch behauptete. „Wo hätte ich jemand gebraucht?“, schrieb er an Herbeck. „Bei der Finanzierung? Logistik? Technologie-Expertise? Hirnschmalz? Strategie? Zeigen sie mir, wo ich diesen geheimnisvollen Mr. X gebraucht hätte“. Von dem Anschlag hatten nur Armee-Kollege Terry Nichols (zu lebenslanger Haft verurteilt), sowie Michael Fortier und seine Frau Nori gewusst. Den Tod betrachtete McVeigh in seinen Briefen als „nächste Station eines Abenteuers“. Seinen Kampf wolle er im „nächsten Leben“ fortführen. Nachsatz: „Wenn ich zur Hölle fahre, bin ich dort sicher in guter Gesellschaft“. Ein letztes Debriefing mit Beamten des FBI lehnte McVeigh kategorisch ab.

Nach Rekordhinrichtungszahlen in einigen Bundesstaaten (85 allein im Jahr 2000), allen voran Texas, wurde mit McVeigh erstmals seit 1963 ein vom US-Staat zum Tod verurteilter „Bundes-Häftling“ exekutiert. Trotz weltweiter Proteste könnte es der Auftakt zu einer regelrechte Bundeshinrichtungswelle sein: Bereits für nächsten Dienstag ist in Terre Haute die Hinrichtung von Juan Raul Garza, einem Drogendealer und Mörder, geplant. Insgesamt 21 Häftlinge sind zurzeit in „Death Row“. Mit dem hinrichtungswütigen Ex-Texas-Gouverneur George Bush als oberste Instanz im Weissen Haus, wird eine Beschleunigung der Verfahren erwartet. Nach einer Serie spekatkulärer Justiz-Irrtümer wird die Todesstrafe in den USA jedoch immer heftiger diskutiert. Der Staat Illinois verhängte im Vorjahr einen Hinrichtungsstopp, ein nationales Moratorium bis zu einer Justizreform wird gefordert. Im Fall McVeigh sind laut letzten Umfragen acht von zehn US-Bürgern für die Todesspritze.

Ähnlich ist auch die Stimmung bei den Hinterbliebenen der Opfer: Während über 300 in einem Saal einer Gefangenentransfer-Einrichtung nahe des Airports in Oklahoma City die Live-Übertragung mitverfolgten, nützen nur wenige das internationale Rampenlicht für ihre Argumente gegen die Todestrafe. Bud Welch, der seine 23-jährige Tochter Julie Marie verlor, ist der aktivste Death-Penalty- Gegner: „Es ist ein Akt aus Rache und Wut“, sagte er: „Ganau diese Emotionen waren hauptverantwortlich für den Tod von 168 Menschen in Oklahoma City“. Und Suszanne Carter, Vertreterin der lokalen Antitodestrafen-Initative, befürchtet nun Vergeltungsanschläge für den Tod des „Märtyrers McVeigh“: „Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter – es wäre besser gewesen, auf diese Art der Rache zu verzichten“.

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