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Es scheint ein ganz normaler Tag in Downtown Manhattan zu werden. Fast eine Millionen Office Arbeiter haben ihre Pendelfahrten mit Zügen, Autos und der Metro abgeschlossen – die Großraumbüros in den Türmen des Financial District beginnen sich zu füllen. Das Wetter ist perfekt, tiefblauer Spätsommer-Himmel, 20 Grad. In 45 Minuten öffnet die Börse an der Wall Street, die Dow- und Nasdaq-Futures zeigen nach oben. Ich sitze in meine Büro im 31. Stock eines Office Gebäudes, checke die Morgenmails, trinke Kaffee. Wenige Blocks vor mir spiegelt sich die Sonne in Tower One des World Trade Center. Ein eigenatiges Geräusch alarmiert mich: Flugzeug-Lärm, aber anders. Nach einigen Jahren gewöhnt sich das Ohr an den Lärm des konstanten Airlinerstroms auf den Hauptflug-Routen über Manhattan zu den drei Großflughäfen JFK, La Guardia und Newark in New Jersey. Diesmal klingt es wie ein Überschnallknall, hallt durch die Häuserschluchten. Sekunden später ein dumpfer Knall, ich starre fassungslos auf das World Trade Center als die Flammen einer Explosion aus der Seite des Turms schiessen. Danach gespenstische Stille, der Wind treibt Bürounterlagen durch die Luft – Kopierpapier, Dokumente.

Ich drücke fast blind die Telefontastatur für die Wien-Redaktion. Ist es dringend? „Ein Flugzeug ist gerade in in das World Trade Center gekracht“, schreie ich aufgeregt. Ich glaube nicht, dass ich richtig verstanden werde. Minuten später sendet CNN die ersten Bilder – der obere Teil des Tower One, 110 Stockwerke hoch, mit dem berühmten Restaurant „Windows of The World“ im obersten, brennt an zwei Seiten – wie ein Fanal weht eine schwarze Rauchfahne von dem schwer beschädigten Wolkenkratzer, der als Wahrzeichen der ohnehin weltberühmten New-York-Skyline aus bis zu 40 Kilometer Entfenrnung sichtbar ist. Ich diskutiere mit meinen Kollegen – wie sich nachher zeigen sollte – eher banales: Umfang der Story, Deadlines.

Wieder dieses Geräusch. Ein dumpfes Rollen, eine Art Überschallknall, wieder diese Explosion. Diesmal tiefer und auf Tower Two. Die Welt beginnt die Geschichte zu verstehen. Das sind keine Pilotenfehler! Ein Terror-Angriff auf die USA, und ihrer wichtigsten Metropole New York. CNN zeigt die Tragödie diesmal live. Die Flügel des Boeing-Jumbos sind zu sehen, als sie Richtung Gebäude abdreht, dahinter verschwindet und in einem Feuerball explodiert. 50.000 Menschen arbeiten in den Twin Towers, 20 Minuten vor dem allgemeinen Arbeitsbeginn um 9 Uhr sind die Büros wohl zur Hälfte voll. Ich muss zur Szene. Mit einem Schreibblock, dem New-York-City-Police-Press-Card um den Hals gelange ich bis zur Church Street, unmittelbar vor dem Platz zwischen den Türmen. Schutt und Trümmer überall, dazwischen Verletzte, die ersten Ambulancen sind angekommen, Paradmedics beginnen mit ihrer Arbeit.In beiden Türmen klaffen mehrere Stockwerke hohe Löcher in der Struktur, Flammen lodern heraus. Trümmer fallen zu Boden. Aus dem unzerstörten Shopping-Center kommt die Karavane der Überlebenden. Sie sind nass, viele weinen, andere versuchen via Handies Familien-Angehörige, Kollegen oder Freunde zu erreichen. Kaum Empfang. Eine mittelalterliche Frau bitte mich um 25 Cents für das Pay Phone. „Wo ist mein Mann? Wo ist ein Mann?“, schreit eine Frau. Die Polizei treibt die Leute weiter, raus aus dem Bezirk. „Move! Move!“ Augenzeugen gaben mir die ersten Eindrücke. „Das ganze Gebäude bagann zu schwingen, Leute fielen von ihren Sesseln – danach totale Panik“, sagt Koch Steve Ventret. „Die Leute kamen gerade nach und nach ins Büro – als wir die Explosion spürten“, so Broker Bill Mayers, der vom 72. Stock aus die endlosen Stiegen hinunter mit Zehntausenden ins Freie flüchtete.

„Trümmer flogen beim Fenster vorbei – Rauch begann die Büros zu füllen“, sagt Büro-Arbeiter Rob Smith. „Nein, Nein, Nein“, brüllt jemand: „Sie spingen, sie springen“. Ich sehe, wie ein Körper an der Nordseite des Turms hinabfällt. Ein endloser Fall. Andere Überlebende schütteln nur den Kopf, starren fassungslos vor sich hin. Ich schaue hinauf, sehe die beiden brennden Türme – zum letzten Mal, wie sich in wenigen Momenten zeigen sollte.

„Sie stürzen ein, sie stürzen ein“, schreit jemand. Ich habe noch nie ein Erdbeben erlebt, es muss wohl dieses dumpfe Grollen sein, von dem alle berichten. Ich rede gerade mit weiteren Augenzeugen an der Kreuzung Broadway und Fulton, nur einen Block vom in sich zusammenstürzenden Skyscrapper entfernt. Plötzlich rennen hunderte Menschen um ihr Leben, fallen nieder, rappeln sich auf. Ich folge, drehe mich um: Wie ein Staublawine rast die Schuttwolke heran. Bilder des Vulkan-Ausbruches von Mt. Pinatubo in den Phillipinen schiessen mir in den Kopf. Eine Flucht scheint sinnlos. Ich suche Deckung unter einem Kleinlaster. Es wird dunkel, sehr dunkel. Pechschwarz. Ich atme Staub und Asche. Es schmeckt trocken, metallisch. Es ist pechschwarz. Ich sehe meine sprichwörtliche eigene Hand nicht vor den Augen. Ich krieche unter dem Laster hervor, stehe auf. Ich sehe nichts. Gar nichts. Die Lungen füllen sich weiter mit Staub, das Atmen fällt schwerer. Ist es das? Wie lange hält das der Körper aus? Ich bin wütend: Warum war ich dem Rat meiner Frau Estee nicht gefolgt und im Office geblieben. „Gehe nicht zu nahe hin“, hallt es in meinem Kopf. „Sei vorsichtig“.

Ich laufe gegen eine Straßenlaterne. Ich bin auf der Strasse. Es ist totenstill, nur das Husten anderer ist zu hören. Immer noch kein Licht, Pechschwarz. Wie viel Staub ist in der Luft? Wie stark ist der Wind? Müssen wir hier alle ersticken? Ich sehe eine Seiteneingang zu einem Friseurgeschäft, in das man einige Stiegen hinuntersteigen muss. Die Türe ist zu, ich klopfe und rufe: „Open up! Help“ jemand öffnet, ich taumle hinein. Die Leute sind geschockt. „Jesus Christ!“, ruft jemand.

Die Staubwolke lichtet sich, ich renne zu meiner Frau zurück. Sie wollte gerade nach mir suchen gehen. Ich halte mir Gurkenscheiben auf die brennenden Augen (wir haben keine Augentropfen). Der Nordturm stürzt ein. Ich drehe mich kurz um. Whatever. Giuliani sagt, wir sollen Manhattan verlassen. Wir marschieren über die Brooklyn-Brücke zu Freunden. Es ist ein stummer Marsch. New York ist geschlagen, zumindest an diesem Tag.