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Downtown Manhattan ist Kriegsschauplatz und pulsierendes Geschäftsviertel zugleich. An der Straßenkreuzung Wall Street-Liberty telefoniert ein Broker mit sündteurem, faltenfreien Anzug, glatt rasiert und frisch die Haare geschnitten auf seinem Handy – vor dem Mund eine Atemschutzmaske. Daneben steht Sargent Jay Otway in voller Kampfmontur vom 3. Regiment der „National Guard“ vor einer Militärbarrikade, daneben ein „Humvee“-Miltärjeep. Hinter ihm steht eine Gruppe von New York City Cops in zwei Sechserreihen, alle mit Gasmasken. Und dann tausende Geschäftsleute, Schaulustige mit Kameras, zurückkehrende Anrainer mit Rollkoffer, die seit Montag wieder durch die geöffnete Hälfte des „Financial District“ strömen – nur sechs Tage nachdem Terroristen mit zwei Jumbo-Attacken das „World Trade Center“ (WTC) ausradiert haben.

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Ground Zero

„The Week After“ ist die Acht-Millionen-Metropole New York City ein Ort zwischen blankem Horror und normalem Leben: Aus zwei Lautsprechern am Balkon der „Federal Reserve Bank“ wird fröhliche Marschmusik gespielt – das Titelthema aus Monty Phytons „Unglaubliche Welt der Schwerkraft“. An einer Kreuzung im China Town´s Canal Street steht mitten im Menschengetümmel ein Sattelschlepper mit einem verkohlten Stahlträger des World Trade Centers. New York ist „back in business“, zumindest provisorisch. Rund die Hälfte der Downtown-Büros sind wieder bezogen – inklusive meinem evakuierten Büro im 31. Stock an 100 John Street. Doch der Anschlag hat ein gigantisches Loch in Manhatten gerissen: Ein ganzer Stadtteil, 6,5 Hektar, ein Trümmer- und Leichenfeld, 5.084 (Stand Dienstag 10 Uhr) Vermisste, völlig neu gezeichnete Straßen- und U-Bahnkarten. Kaum Jumbos sind über dem einst dichtetesten Luftraum der Erde zu sehen, schwere Militärhelikopter knattern über der Skyline – Bürger blicken bei jedem Fluggeräusch panisch nach oben.

Siet dem 11. September hat New York einen neuen Stadtteil: „Ground Zero“, eine bizarre Landschaft aus verschmolzenen Stahlträgern, bis zu elf Stockwerke hoch aus dem Schutt herausragenden Fassadenelemente – Reste der beiden 110 Stockwerke und 415 Meter hohen Türme des WTC, sowie drei weiteren und vier teilweise kollabierter Gebäude. Andere Skyscrapper stehen als wild zerbombte Ruinen daneben, der Trümmerhaufen des 47-stöckigen „Building 7“ raucht und schwelt seit über einer Woche. Das Löschen hat vorerst keine Priorität. Statistische Zahlenspiele sind betäubend: Die Menge an Beton würde ausreichen, einen 1,5 Meter breiten Gehsteig von New York nach Washington zu verlegen, rechnete die „New York Times“ vor. Mit dem Stahl könnten 20 Eiffeltürme gebaut werden, das Glas der 43.600 Fenster würde eine Fläche von 161.900 Quadratmeter füllen. Die apokalyptische Mondlandschaft ist bedeckt mit weissem, feinen Staub. Der enorme Druck der senkrecht in sich zusammengestürzten Türme – der als Erdbeben der Stärke 2,3 auf der Richterskala registriert worden war – hat Teile der Gebäude und deren Interior zermalen: Stahl, Beton, Glas, Computer, Büromöbel, Isoliermaterial, Dämmwolle.

Wie gefährlich diese Ökozeitbombe ist, will niemand sagen: Asbest wäre angeblich nicht als Isoliermaterial verwendet worden, sagen die Erbauer des 1973 fertiggestellten Sensationsbauwerks. Erstmals hat man damals aufgesprühtes, keramisches Feuerschutz-Material eingesetzt. Erste Messungen der US-Umweltbehörde EPA ergaben jedoch erhöhte Werte im Trümmerfeld. „Die gesamte Kleidung und alle Ausrüstungsgegenstände werden nach der Schicht eingezogen und weggebracht“, wundert sich der Bautischler Juan Sierra in einem Gespräch mit mir, nachdem er sechs Tage in der Schutthalde half: „Die ganze Wahrheit wird uns wohl hier nicht verraten“. Für inzwischen gut 10.000 Menschen ist die Gifthölle zum professionellem Arbeitsplatz geworden: Es sind Spezialisten für Rettungseinsätze, Gebäude-Statik, gefährliche Stoffe, Logistik. Sie arbeiten rund um die Uhr neben Medizinern, Feuerwehrleuten oder Staffeln mit Suchhunden. Sie werken mit High-Tech-Hörgeräten, sensiblen Messgeräten für die Luftqualität. Manche baumeln in kleinen Käfigen von Kränen, werden in die krächtzenden Spalten hinuntergelassen. „Ground Zero“ hat inzwischen eine eigene Mensa unter weissen Zelten, Materiallager, tausende portable Tolliettanlagen, einen Hafen für Rettungsboote, einen eigenen Hubschrauberlandeplatz für Polit-Promis (wie letzte Woche US-Präsident George W. Bush) auf einer Wiese im einstigen Manhattener Naherholungsgebiet „Battery Park“.

Als ich am Dach eines 39-stöckigen Wohngebäudes stehe, wird das Ausmaß der Zerstörung, aber auch der logistischen Meisterleistung der Aufräumungsarbeiten deutlich:

# Fünf Gebäude sind kollabiert: 1 World Trade Center (der Nordturm), 2 World Trade Center (Südturm), 7 World Trade Center (ein 47-stöckiger Office-Tower, der, halb ausgebrannt, am Dienstag um 17:20 Uhr einstürzte), 5 World Trade Center und die Fussgänger-Brücke über den West Highway; 4 Gebäude sind teilweise eingestürzt: 6 World Trade Center, das Marriott Hotel an der Rückseite des Südtowers, One Liberty Plaza; Schwer beschädigt wurden: East River Savings Bank, Federal Building, 3 World Financial Center, St. Nicholas Kirche, 90 West Street, Bankers Trust; Strukturelle Beschädigungen wurden gefunden: Im Millenium Hotel, 2 World Financial Center, 1 World Financial Center, 30 West Broadway, Winter Garden, N.Y. Telephone Building.

# Insgesamt soll der Schutt der Gebäude in 100.000 LKWs abtransportiert werden. Bereits für die ersten Wochen wurde 200 Millionen Dollar budgetiert. Ende der Vorwoche hatte man gerade mal 1,5 Prozent aus dem Katastrophengebiet abgeführt. Das Material wird durch den Brooklyn-Battery-Tunnel und später die Verezano-Brücke (berühmt durch den Start des NY-City-Marathons) auf die gigantische Müllhalde „Fresh Kills“ in Staten Island geführt. Erst dort sieben FBI-Agenten in grellen Schutzanzügen sinnvolle Objekte für die größte kriminaltechnische Untersuchung aller Zeiten aus. Sie werden in Plastiksäcke verpackt, mit einem Zettel und einer Nummer für spätere Referenz versehen. Über ein Jahr könnte die Schuttbeseitigung und Reparatur der Infrastruktur dauern. Einige Stahl-I-Träger haben sich so tief in die Erde gebohrt, dass sie die Tunnelwände einiger U-Bahnen durchstiessen.

Auch die Stories der tausenden Helden wollen nicht abebben: Die Firefighters, die sofort in den brennenden Tower rannten, um den Opfern zu helfen und von denen über 300, zwei Prozent der gesamten Einsatzstärke, von herabstürzenden Trümmern erschlagen wurden. Den zehntausenden Bürgern, die selbst auf der Flucht vor der Staubwolke andere in Hauseingänge drückten oder sie schützten und dabei teils schwer verletzt wurden. Zum Polit-Helden der City wurde Bürgermeister Rudolph Guiliani, der, selbst im Trümmerhagel fast ums Leben gekommen, ausgerechnet am Ende seiner Amtszeit die Metropole mit derartiger Ruhe und Bravour durch ihre bittersten Stunden dirigierte, dass die Bürger eine Verfassungsänderung zur Verlängerung seiner Amtszeit bis 2006 forderten. „Four more Years“, skandierten zuletzt Menschen bei einer weiteren Inspektion der Desasterzone.

Trotz aller Sehnsucht nach Normalität ist New York in Woche Zwei der neuen Zeitrechnung eine Stadt der Trauer, der „Missing People“ – und ihrer durch die Stadt irrender Familienangehöriger und Freunde. Die Bilder an tausenden Straßenecken, Häuserwänden, Telefonzellen oder Autos haben dem Massaker ein Gesicht gegeben: Es sind meist Farbkopien mit Foto, Telefon-Nummer der Angehörigen, Besondere Merkmale, Bekleidung, Größe, Alter, Goldketten, Ohrringe, Name der Firma und Stockwerkszahl. Sie sind abgebildet im Hochzeitskleid, Jogging-Anzug, mit ihren Partnern, Kindern, Eltern. Sie heissen Bob Levine, Melissa White, Aves Nickie, Kevin Williams, Thomas Sparago, Joseph Roberto, Chris Colasanti. Sie sind 23, 32, 19, 64, 53 Jahre alt. Zwischen den Zetteln ein Zeichen makaberen Geschäftssinn: Die Adresse des nächsten Copyshops.

Die Zahlen sind verheerend: Im Restaurant „Windows of the World“ sind alle der 70 Angestellten, 100 Gäste und 130 Teilnehmer des Kongresses „Risk Waters Financial Technologies“ vermisst, der Anleihen-Trader „Cantor Fitzgerald“ mit drei Stockwerken zwischen dem 101. Und 103. Stock von Tower One verlor 600 (!) seiner 1.000 Mitarbeiter – im Fernsehen brach Boss Howard W. Lutnick unter Tränen zusammen. „Ich möchte alle Gesichter sehen“, sagt Computerfachmann Benjamin Akman. Seit Tagen geht er mit seiner Baby-Tochter Lava von Bilderwand zu Bilderwand. Beinahe hätte er seinen Bruder verloren: „Er war am diesen Tag zu spät zur Arbeit erschienen – nach zwei Stunden habe ich ihn am Telefon erreicht“.

Insgesamt hat Bürgermeister Rudolph Guiliani 30.000 Leichensäcke angefordert. Bergung und Identifizierung der Opfer ist ein langwieriger und grauenvoller Prozess von unvorstellbaren Dimensionen:

# Im „NY Medical Examiner´s Office“, einem sechsstöckiges Riesengebäude an der First Avenue, werden alle Leichtenteile angeliefert und auf DNA getestet. Das Institut hat sich auf 20.000 Test eingestellt, und zwei jeweils 300.000 Dollar teuere Maschinen, samt Roboter-Armen, gekauft. 300 bis 700 Körperteile pro Tag sollen getestet werden. Vor dem Gebäude stehen zwei Kühlwägen, am Gehsteig liegen Eissäcke. Und die Polizei zeigt Nerven: Meinem Fotografen wird sofort mit der Einziehung der Kamera gedroht.

# Die DNA wird mit den Daten der Angehörigen verglichen: Die haben beim Rapportieren einer vermissten Person in der „Armory“, dem klotzigen Ziegelbau der sonstigen Reservistenkaserne einen siebenseitigen Fragenkatalog ausgefüllt – Zahn-Aufzeichnungen, Narben, Knochenbrüche, Kleidung und andere hilfreiche Details. Die Angehörigen haben sogar per Gesetz das Anrecht auf Identifizierung und Aushändigung aller Leichenteile.

Viele wollen sich nicht geschlagen geben und leben in der Hoffnung, dass Vermisste doch noch heil auftauchen. Vor dem „Bellevue Hospital“ hängt Anette Cruz ein Anzeige für ihren besten Freund Wayme Russo auf, der beim Einschlag des ersten Jumbos im 98. Stock des Tower One für die Finanz-Firma „March & McLennan“ arbeitete. 300 weitere Arbeitskollegen der insgesamt 1.700 Mitarbeiter sind vermisst. „Wir geben die Hoffnung nicht auf, bis wir Gewissheit haben“, sagt Cruz. Das Plakatieren der Suchnachricht helfe durch die schwere Zeit. Tod und Leben hängen, wie so oft in den Gesprächen in New York dieser Tage, von reinen Zufälligkeiten ab. „Bis vor fünf Monaten habe ich am Nebenschreibtisch gesessen“, sagt Freundin Awilda Ortiz. Sie senkt den Kopf, weint unkontrolliert.

Der „Union Square“ an der 14. Straße wird längst nicht mehr wegen dem sonst berühmten Farmers Market besucht, sondern dient als Trauerschrein und Speakerscorner. Auf die Plastersteine werden mit Kreide die Namen der Opfer geschrieben. Herum hat sich ein Kreis gebildet. Daneben gestikulieren Bürger über die Schuldigen, den Krieg und Osama. „Das war ein Angriff gegen die Zivilisiation, unseren Way of Life“, sagt Day Miller, Kundenbetreuer bei einem Packetserviceunternehmen. Passanten haben inzwischen an fast alle mit dem Massaker in Zusammenhang gebrachte Orte Kerzen, Blumen und Fotos der Vermissten platziert. Besonders beliebt die Uferpromenade in Brooklyn Heights mit erstklassiger Sicht auf die neue Skyline.

„Ich bin nicht überrascht“, sagt eine ehemalige Stewardess der „Pan Am“, die aus Angst ihren Namen nicht nennen und sich nur von hinten fotografieren lassen will: „Ich habe Kollegen beim Anschlag über Lockerbie verloren“, führt sie aus. Und ich habe viele Jahre im Nahen Osten gelebt: „Hier in Amerika versteht niemand den Hass“.

Viele der aus allen Nachbarregionen wegen der Katastrophe einberufenen Ärzte warteten vergeblich. Der Strom an Verletzten war am zweiten Tag jäh abgerissen: Von den bis zu 6.000 Verletzten sind die meisten von Trümmern getroffen worden – oder an der Rauchwolke fast erstickt. „Knochenbrüche, Verbrennungen, Kopfverletzungen“, fasst Unfallchirurg Dhupa Achal vor dem „St. Vincent“-Spital im „Greenwich Village“ zusammen. Doch seit nun fast einer Woche warten die Ärzte vergebens mit den Rollstühlen und Rollliegen auf neue Patienten. „Wir haben gehofft, dass mehr im Schutt gefunden werden und wir helfen können“, ist Achal frustriert.
Ein paar Blocks weiter stöbern Hinterbliebene in einem Schulgebäude noch immer durch die Verletzten-Listen, mit immer weniger Erfolg. Jane Stouffer, „Creative Director“ der Agentur „Digitas“, hat die Wartenden mit selbstbereiteten Lebensmitteln gestärkt. „Viele kommen weinend aus dem Gebäude“, berichtet sie: „Doch es gibt auch Wunder – wenn ein Verwandter plötzlich auf der Liste aufscheint“.

Auch die Angst ist unübersehbar: Plötzlich jagt ein Einsatzfahrzeug des FBI den leeren Broadway hinunter, um einen „verdächtigen“ Radfahrer zu stellen. Dann werden fünf Blöcke um das „Empire State Building“, mit 375 Metern nun wieder der höchste Skyscraper der Stadt, gesperrt, da im 40. Stock ein verdächtiges Paket gesichtet wird – wenig später jagt die Polizei in Staten Island jedes ROTE Auto. Am Folgetag die Grand Central Station, der Verkehrsknoten-Punkt für Millionen Pendler geräumt. In den ersten drei Tagen registrierten die Behörden 100 Bombendrohungen. Seit die Polizei die Täter teilweise noch in den Telefonzellen verhaftet, ist die Welle abgeebbt. „New York könnte ein jähes Ende vor allem des Tourismus-Booms drohen“, sagt der Broker Leo Boeing aus Deutschland, der seit sieben Jahren im Stadtteil „Gramercy Park“ wohnt. Der Krise der Flugindustrie könnten Hotels, Restaurants und Entertainment folgen.

Nach dem ersten Schock zeigen die New Yorker ihrem weltberühmten Überlebenskünste: Tausende Menschen strömen seit Mitte der Vorwoche zu einer Sammelstelle am Chelsea Piers, dem Freizeitzentrum am Hudson River. Einige tragen ganze Torten zur Stärkung der Einsatzkräfte, ein chinesischer Mann bringen die Essenshäppchen „Dim Sum“. Man schleppt Unterhosen, Socken, Hemden und T-Shirts an – und Medikamente. „Wir sortieren hier alles und geben die Güter sofort zielgerichtet weiter“, sagt Organisatorin Dana Thayer: „Am dringensten benötigen wir zur Zeit Ladegeräte für Handies“, sagt sie. Tiergeschäfte und Bürger in New York spenden spezielle „Schuhe“ für die Suchhunde – nachdem einige durch die messerscharfen Stahltrümer und Glas verletzt wurden.

Am Straßenrand stehen hunderte Menschen, applaudieren bei jedem vorbeifahrenden Fahrzeug – Bagger, Tiefstapler, Ambulanzen, Busse mit Feuerwehrleuten. Einige halten Karton-Tafeln hoch: „Thank you!“ oder „Wir sind stolz auf euch“. Andere schwenken kleine US-Fahnen. Der Supermarkt-Riese „Walmart“ verkaufte am 11. September 116.000 der Stars & Stripes – am gleichen Tag des Vorjahres waren es 6.400. Es sind Gästen der Ohnmacht, aber auch des Trotzes. „Wir werden uns hier nicht vertreiben lassen“, sagt Pat Malone, eine pensionierte Buchhalterin von der Upper West Side.

New York wollte bald den Eindruck einer ungebeugten Stadt vermitteln und zur Normalität zurückkehren. Bereits Dienstag nachmittag, nur Stunden nach dem Anschlag, nahm die Subway auf 60 Prozent der Linien – gratis – den Betrieb wieder auf. Mit Einschränkungen, wie es ein Zugführer schrullig formulierte: „Wegen dem World-Trade-Center-Problem werden die Stationen Fulton und Chambers ausgelassen.“ Offen zeigt sich das bizarre Leben in einer Stadt, zwischen Desaster-Zone und unbeschwerten Leben. Entlang der Houston Street sitzen junge Menschen in den schicken Restaurants des West Villages auf der Straße, genießen französische Küche mit einer Flasche Wein, auf der anderen Straßenseite stehen Schaulustige vor einer Polizei-Barrikade und in den menschenleeren Avenues – mit den ständig flackernden Blaulichtern und aufsteigenden Rauch.

Am Westside Highway wird die eine Straßenseite zum Jogging oder Rollerbladen genutzt, auf der anderen stehen dutzende Kühlwagen zum Abtransport der Leichenteile. Und dann die praktischen Probleme des Lebens der neuen Homeless: Bis zum Wochenende waren alle Bewohner unterhalb der „Canal Street“, 59.000 Anrainer, zu Freunden oder Verwandten gezogen. In Ausnahmefällen wurden sie in Gruppen zu ihren Appartments geführt, um die zurückgelassenen, halb verhungerten Haustiere zu befreien.

Sofort nach dem Anschlag wurden alle erdenklichen Einsatzkräfte, auf Stadt-, Landes- und Bundesebene zusammengezogen. Vor allen Gebäuden des New Yorker Regierungsviertel mit dem Rathaus, den Gerichts- und Verwaltungsgebäuden nahmen mit Maschinenpistolen bewaffnete Marshalls Aufstellung. Bald mischten sich auch Soldaten der Nationalgarde in das Getümmel. Vor dem Strand des normalerweise als Badeparadies genützten Jones Beach auf Long Island ankern die Flugzeugträger USS John F. Kennedy und USS George Washington – sie halten Manöver ab, fliegen über über die Stadt. Sie sollen Sicherheit vermitteln, argumentiert New-York-Gouverneur George Pataki. Doch jedes Fluggeräusch lässt die geschockten New Yorker zusammenzucken.
Die Stuyvesant High School im noblen Wohnquartier „Battery Park City“ mit einst idylischen Blick auf Parks und Hudson River galt als Musterschule – nun sind hunderte traumatisierte Kinder und Teenager in anderen Schulen untergebracht. Von den Klassenfenstern hatten sie den Einschlag des ersten Jumbos, das Feuer und die Todessprünge gesehen. „Ma, ich sah 50 Menschen sterben“, berichtete Mike Frankel via Handy: „Ich sah das Gebäude einstürzen. Ich kam aus der Schule raus und sah sie springen – ich sah alles“. Aimel Marcoux, Reuters-Fotografin, hat bei der Schulevakuierung geholfen. „Diese Kinder werden diese Bilder nie in ihrem Leben vergessen“.