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Als die Subway das erste Mal in meiner Station, „Fulton Street“, stehen blieb, schien ein neues Zeitlater angebrochen. Der Start eines Neubeginns in Lower Manhatten – zumindest für alle, die östlich des Broadway leben und arbeiten. Gleich nach dem Ausgang drehe ich mich um, sehe erstmals den schwer beschädigten Tower des „World Financial Center“. Zuvor war er verdeckt vom Nordtower des World Trade Center – wie viele andere Gebäude der Skyline auch, die ich nun zum ersten mal sehe. Trotz des unausstehlichen Leichengestanks, dem giftigen Staub und der wie ein blauer Dunst in den Hochhausschluchten hängenden Rauchwolke: Ich bin froh, wieder hier zu sein. Nach einer Woche als Terror-Homeless. Doorman Vincent umarmt mich. „Das letzte mal haben ich dich gesehen, als du völlig mit Staub bedeckt hereingetaumelt bist“, lacht er. Drei Jahre lang hat er in der Hölle des Vietman-Dschungels gekämpft. „Kein Vergleich mit diesem Horror“. Die Nacht nach dem Anschlag harrte er ohne Strom in dem Gebäude aus. „Irgendjemand musste ja aufpassen“, sagt er.

Ich betrete mein Büro im 31. Stock. Es riecht fahl, doch besser als erwartet. Der Schreibtisch ist, wie wenn die Zeit eingefroren wäre. Ein paar Postit-Zettel mit einem Gekritzel – „American Airlines, #11, Pentagon: Plane crashed; White House evakuiert“. Telefonnummern. Der Anrufbeantworter ist voll: Panische Nachrichten. „Melde dich, ruf an, hope you are o.k.“. Ich checke, ob ich auch wirklich alle verständigt habe. Ich stecke den Computer an, melde mich in der Wien-Reaktion. Stolz sage ich: „Das New York Office ist back in Business“. Ich fühle mich als New Yorker. Nach vorne gerichtet, hemdsärmelig, trotzig. Wir lassen uns hier nicht vertreiben – auch nicht von dieser unvorstellbaren Menschenverachtung. Am Balkon liegen Zettel, die aus den Büros geschleudert wurden. Eine ausgedruckte Email-Message. Von: Nagae, Miwa. An: Fava Shannon. Der Zettel ist in der Mitte durchgerissen – sinngemäß geht es im ein Computerproblem eines hausinternen Trading Systems. Der ganze Bezirk ist noch voll dieser makaberen Dokumente.

„Here goes my neighborhood“, sagen die Amerikaner, wenn eine Wohngegend abgewertet wird. Meist bezieht sich das auf unerwünschte Zuwanderer in schmucke Suburbs. Meine „Neighborhood“ ist kaum wiederzuerkennen, ein eigenartiger Ort: Drei Blocks entfernt beginnt der neue Stadtteil „Ground Zero“ – die schwelende Trümmerhalde, wo 10.000 Helfer den Schutt von neun entweder ganz, oder teilweise eingestürzten Hochhäusern durchkämmen. Ich erinnere mich an meine Jogging-Runde. Der Rückweg führte beim idyllischen Hafen an der Hudson-Uferpromenade vorbei, durch den Wintergarten – der New Yorker Version des Wiener Palmenhauses –, über die Fussgängerbrücke und den Platz zwischen den beiden Türmen.

Jetzt sieht man durch die engen Gassen der Ostseite die bizarren Fassadenskelette. Jeder bleibt fast automatisch stehen, starrt, geht stumm weiter. Die National Guard patrolliert ebenso wie die New York Cops jedes Gebäude, jede Kreuzung. Sie tragen Gasmasken. Wie in einem Horrorfilm. Zwischen den Skyscrappers fliegen plötzlich zwei Militärhubschrauber durch, das Knattern hallt durch die Schluchten. Ich zucke zusammen, blicke hinauf. Lautes Fluggeräusch verbinde ich immer noch mit Explosionen, Tod, Zerstörung. Angst.

Doch die New Yorker Überlebenskünste gewinnen die Oberhand: Anrainer rollen ihre Koffer durch die staubigen Gassen. Geschäftsbesitzer putzen Fenster, Regale. „Open for Business“. Tausende Fahnen aller Größen. An der Liberty Street werken Spezialisten der Telekom-Firma „Verizon“ an beschädigten Glasfaser-Leitungen. 60 Prozent des globalen Aktienhandels wird in New York angewickelt. Die Börse öffnete am Montag. Wie versprochen, ohne technische Probleme. Die Rückkehr des Geschäftslebens ist für viele der acht Millionen Einwohner die Chance, den Horror zu vergessen. Mir hat mein Job geholfen. Als Reporter wurde ich zwar mit allen Details des Irrsinns konfrontiert: Ich redete mit Ärzten, Helfern, Augenzeugen, schrieb viele der Namen an den tausenden Vermisstenanzeigen auf, recherchierte den grausamen Identifizierungsprozess für die Zuordnung der Leichteile von über 5.000 Opfern. Angehörige erzählten, wie sie sich weigern, die Hoffnung aufzugeben. Keine Therapie zum Vergessen, dachte ich oft. Aber ich fühlte mich involviert, hatte irgendwie ein Aufgabe.

Andere kompensierten ihre Ohnmacht mit einer einzigartigen Hilfswelle: Sie spendeten Blut, bringen Esssen, Kleidung und Medikamente zu den Sammelstellen. Viele Bürger flüchteten wiederum in den Patriotismus: Sie schwenkten an der Einsatzroute „West Street“ ihre Fahnen, klatschen bei jedem Einsatzfahrzeug. Andere folgen dem Rat des Bürgermeisters, Rudy Guiliani: „Geht essen, gebt Geld aus, geht ins Theater“.

Aber es sind Menschen wie Juan Sierra, die New York durch seine bittersten Stunden halfen und der Stadt ihre Größe geben. Ich traf ihn zufällig in der Subway. Nach nur zwei Stunden Schlaf kehrte der Bautischler gerade nach sechs Tagen erstmals zu seinem Arbeitsplatz, einer Baustelle für ein Appartment-Gebäude in der 23. Straße, zurück. Er war unmittelbar nach der Explosion sofort mit seiner Werkzeugtasche zum Unglücksort marschiert. Er hat sich nicht umgedreht. Sechs Tage half er beim Ausgraben der Leichenteile. Ich treffe ihn später, er zeigt mir Fotos von „Ground Zero“, erzählt, wie ihn eine lebend gerettete Frau umarmte. Am Ende sage ich „Thank you“. Weniger für das Interview, als für seine Zivilcourage. Den Horror, aber auch den Willen und die Instinkte der New Yorker, sich nicht unterkriegen zu lassen, werde ich niemals vergessen. Talkmaster David Letterman, der nach mehreren Tagen Unterbrechung seine Show fortführte, eröffnete mit seinen eigenen Beobachtungen, drückte Tränen und sagte: „New York is the greatest City in the World“. Ich nickte stumm.