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Man trifft sehr leicht interessante Menschen im post-apokalyptischen New York. „Ist das der beste Blickwinkel für die Ruine“, fragt mich ein jünger, sportlicher Mann. Wir stehen zufällig nebeneinander bei der Absperrung am Broadway vor dem Trümmerfeld von „Ground Zero“ – der Ruine der eingestürzten World-Trade-Center-Towers. Der folgende Small-Talk enthüllt, dass es sich um Erik Schlopy handelt – Slalom- und Riesentorlauf-Star des US-Schiteams. Seine Verlobte arbeitet ein paar Blocks entfernt, er begutachtet die Stadt. „Sie will, dass ich zu ihr nach New York ziehe“, sagt er: „Ich hätte lieber, dass sie mit mir nach Österreich übersiedelt“. Im Schmirnthal nahe Steinach wohnt der 29-jährige Skiprofi im Winter in einem Tiroler Bauernhaus. Zwei endlose Stunden am 11. September wusste er nicht, ob seine Verlobte am Leben ist. „Ich habe erbrochen“, sagt er: „Dann kam endlich der erlösende Anruf“. In 31 Stunden fuhr er von seinem Heimatort Park City in Utah mit dem Auto nach New York. Im Frühjahr wird geheiratet – der künftige Wohnort des Paares ist nach wie vor ungeklärt. Tirol, New York oder Utah.

Fröhlichere Stories wie diese dominieren nun immer öfter die „verwundete Stadt am Weg zur Bebesserung“, wie die Lokal-Medien attestieren. Der Schock, die Trauer, die Bilder der 6.300 Vermissten an jeder Straßenecke dominieren zwar immer noch die Acht-Millionen-Einwohner Metropole. Doch Bürgermeister Rudy Guiliani – Spitzname: „America´s Mayor“ – lässt laufend neue Stadtblöcke rund um die Desasterzone in Lower Manhattan öffnen. Am Broadway drängeln inzwischen Broker und Touristen nur 150 Meter an den bizarren Stahlskellet des Südwtowers vorbei. Die Polizei erlaubt ein Foto. Dann heisst es: „Move!“ Die Nationalgarde hat sich großteils aus dem „Financial District“ zurückgezogen. Dafür warten an Straßenkreuzungen Putztrupps, meist spanischsprechender Hilfskräfte, mit Kübel, Wischfetzen, Glasreinigern. Büros, Wohnungen und Geschäfte an der Ostseite des Broadway werden wieder bezogen, Anrainer rollen ihre Koffer über den holprigen Gehsteig, Shop-Besitzer saugen den Staub von den Regalen. Ganz hat sich das Chaos noch nicht gelegt: Ein Frau fragt mich verzweifelt in der Wall Street nach dem Weg in das zwei Kilometer entfernte Bundesgerichtsgebäude – sie versieht dort ihre Bürgerpflicht als Geschworene.

„Das neue New York gefällt mir sogar besser“, ist der erste Eindruck der eben eingetroffenen ORF-Redakteurin Karin Resetarits: „Die Menschen sind wärmer, nehmen sich mehr Zeit – die Stadt ist verwundet, scheint aber stärker, menschlicher!“. Sie hat recht: Von der professionellen Schuttbeseitigung, der Betreuung traumatisierter Kinder, der berührenden Trauerfeier im „Yankee Stadium“, den Familienbesuchen zur moralischen Unterstützunge der geschockten Einwohner – New York ist auch vom blutigsten Terrorakt der jüngeren Menschheitsgeschichte nicht unterzukriegen. Überall Zeichen des Wiederaufbaus: Zeitig um 8 Uhr steht Al Garemani, ein Ingenieur der Firma „Turner Constructing“, mit einem Bauhelm vor der Ruine, macht Schnappschüsse mit einer Billigkamera. „Für die Morgenkonferenz“, sagt er: „Wir wollen erste Machbarkeitsstudien für neue Türme vorlegen“.

Unter Hochdruck wird auf „Ground Zero“, dem 6,5 Hektar großen Trümmer- und Leichenfeld gearbeitet: Das Areal ist die größte hygienische und ökologische Zeitbombe, mit der jemals inmitten einer Metropole gedealt werden musste. 700 Experten messen laufend Luft und Abwässer. Mit schweren Trucks und Schleppkähnen werden die abgetragenen Trümmer nach „Fresh Kills“ gebracht, der größten Müllhalde der Erde auf Staten Island gut 15 Kilometer von der Südspitze Manhattans entfernt. Die Bundespolizei FBI hat das Gelände hermetisch abgeriegelt. Als wir vor einer Autobahnbrücke das Ausladen der Stahlträger fotografieren, rast bereits wenige Sekunden später eine Polizeistreife heran – blendet mit sechs Scheinwerfern auf. „Weg von dieser Stelle“, dröhnt es durch die Lautsprecher: „Now!“ Hinter dem zehn Meter hohen Zaun wird der Schutt flach ausgebreitet. Suchhunde schnüffeln nach Leichenteilen, FBI-Agenten, das New York Police Department und Beamte der US-Flugbehörde FAA suchen nach Beweisstücken. Unser Taxifahrer Tim, Einwanderer aus Jamaica, rast mit uns und seinem verrosteten Kleinbus durch die bizarre Müll-Hügellandschaft, sucht nach Aussichtspunkten. „Ich würde gerne einrücken“, sagt der Dessert-Storm-Veteran: „Ich will gegen diese Mörder kämpfen – leider habe ich den Gesundheitstest nicht bestanden“. Auf einem Hügel sieht man Wracks des Anschlages: PKWs, Feuerwehrwagen, Polizeiautos, Ambulancen. Alle plattgedrückt – wie auf einem Autofriedhof.

Am Rückweg mit der Fähre blicke ich verwirrt auf die neue Skyline Mahattans. „Sieht aus wie Boston“, sagt der Anwalt Francis Murphy, der nahe eine Autostunde ausserhalb der Massachussetts-Metrpole lebt. Mit Frau Imelda ist er übers Wochenende nach New York gekommen, um Zeit mit seiner Tochter Lauren und Nichte zu verbringen. „Wir mussten uns sehen“, sagt er: „Nur am Telefon kann man das alles nicht aufarbeiten“. Besuch hat auch der 18-jährige New Yorker Schüler Chris Rogy von seiner gleichaltrigen Freundin Tess Orgasan aus Philadelphia bekommen. Beide haben nach dem Telefonzusammenbruch via Internet-Chat Kontakt gehalten. Jetzt stehen sie umschlungen am Bug der Fähre, blättern durch die Terror-Berichterstattung der „New York Post“. „Wir hatten sogar einen Militär-Offizier in der Schule, der uns in Sachen Terrorbekämpfung aufgeklärt hat“. Prompt hat er sich ein Gasmaske gekauft.

Am Nachmittag stehe ich auf der Nord-Tribüne des „Yankee Stadium“, der Heimstätte des legendären Baseball-Teams der „New York Yankees“, inmitten der 60.000 Trauernden. Ein „Prayer for America“ wurde zum vielleicht bestbewachtesten öffentliche Veranstaltung aller Zeiten: Durch rigorose Security Checks dauerte der Einlass Stunden, alle Zufahrtsstraßen wurden mit sandgefüllten Lastwagen blockiert. Familien der Opfer beobachteten von Sonderplätzen den beeindruckenden Aufmarsch an New-York-Prominenz und Kirchenführern aller Religionen. Am Eingang wurden praktische Utensilien verteilt: Ein „Kleenex“ für die Tränen, ein kleinen US-Fahne für den Patriotismus, ein rote Rose zur Trauer. Gleich hinter dem Podium der Festgäste prangt ein Werbe-Banner „Bud Light“, makabere Erinnerung dass vor in dem vor 78 Jahren eröffneten Stadium statt Trauer, Patriotismus und Aufrufe zum Neubeginn „Home Runs“ bejubelt, sowie Bier und Hotdogs verspeist werden.

„Viele Leute haben recht wenn sie sagen, New York wird nicht mehr so sein wie vorher“, sagt Bürgermeister Guiliani: „Es wird besser!“ In minutenlangen „Standing Ovations“ wird der hemdsärmelige City-Chef gefeiert. Er wurde innerhalb von zwei Wochen zum prominentesten Politiker der Erde. So sehr er zuletzt sinnlose Kulturkriege anzettelte, einen erbärmlichen Rosenkrieg führte und skandalöse Polizei-Übergriffe verteidigte: Gleich nach dem Anschlag vertraute ich ihm fast blind, als er alle zum Verlassen Lower Manhattans aufforderte. Nun klatsche ich, und wundere mich selbst. Neben der Welle an Heldentum und Hilfsbereitschaft zeigt das Neue New York auch alte Schwächen: Gangster raubten in der unterirdischen, fast unversehrten Teil der Shopping Passage Juweliergeschäfte aus, stohlen Cartier-Uhren und Schmuck, Kleinkriminelle bedienten sich bei der Verpflegung für die Hilfstrupps. An die 11,8 Tonnen Gold und 935,7 Tonnen Silber kam noch niemand heran. Viele scheint die Tragödie mental aus der Bahn geworfen zu haben: Tom M., ein großgewachsener Ingenieur, berichtet vor dem Yankee-Stadium über seine Arbeiten zur Absicherung des durch Stahlträger beschädigten Subway-Tunnels der Linie N und R. Dann zeigt er plötzlich von einer Wegwerfkamera angefertigte Bilder einer Untergrund-Passage, und deutet auf eigenartige runde Flecken hin. „Orbs“ seien dass, gebündelte „Lebenskräfte“ der Verstorbenen. Ich bin eher überrascht, wie viele von den mir so vertrauten Shops ich auf seinen Bilder sehe: Unsere Zeitschriftengeschäft „Eastern“, der danebengelegen Souvernier-Shop von „Warner Brothers“.
Edward Fagan ruft mich an. Der Staranwalt, der noch vor Wochen die österreichischen Behörden in Sachen Kaprun-Desaster-Milliarden-Klagen vor sich hertrieb und vor jahren aus dem 83. Stock des „World Trade Center“ auszog, hat nun eine bescheidene Aufgabe gefunden: Im „Family Assistance Center“ am Hudson-River-Pier 94 erklärt er Opfer-Angehörigen den makaberen Prozess der Suche, Bergung und Identifizierung. Zum Star wurde sein Hund Hannah: Der zehn Monate alte Schäfer/Rotweiler-Mischling heitert die Hinterbliebenen derart auf, dass er zum offiziellen Rot-Kreuz-Rettungshund befördert wurde. „Irgendwie ist die Zeit stehengeblieben“, sagt er: „Ich habe bei meinen Anwalts-Kollegen in Österreich um Verständnis für diese Pause unbestimmter Zeit angefragt“. Viele wollen die Hoffnung nicht aufgeben: Gisele Benitez Hodge, Schwester des vermissten Sicherheitsbeamten Ed Calderone, erinnert sich noch an seinen letzten Handy-Anruf. „Er hat sich sicher in den Keller gerettet“, sagt sie trotzig. Dennoch hat sie eine DNA-Probe für die Identifizierung abgegeben.

Kaum abebben will die Trauer um die umgekommenen Feuerwehrleute. 343 der 15.000 Firefighters liegen in den Trümmern begraben. Jedes Zeughaus der City ist ein Schrein mit Kerzen, Blumen, Teddybären und Spendenbüchsen. Die „Ladder Company 18“ in der Lafayette Street hat sieben ihrer 25 Firefighters verloren. War der Kollaps des Gebäudes nicht vorhersehbar? „Einge haben gewarnt“, sagt Leutnant David Sims: „Aber hätten wir die Menschen im Stich lassen sollen?“
Inzwischen habe ich auch dem Wunsch meines Interviewpartners der letzten Woche, Juan Sierra, erfüllt: Der Bautischler war dabei, als eine der insgesamt sechs Überlebenden aus einem Hohlraum der Ruine befreit wurde. Nach endlosem Studium der Krankenhauslisten fand ich Ginelle Guzman, 32, im „Bellevue Hospital“. Juan besuchte sie am Montag vormittag. „Sie hat mich an meiner Stimme wiedererkannt“, berichtet er stolz: „Ich habe mich noch nie so gut gefühlt in meinem Leben“.