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Seit 7.30 Uhr sitzt George Sleigh im Büro des „American Bureau of Shipping“ im 91. Stock des Nordturms des „World Trade Center“. Er ist Vizedirektor der Organisation, die Sicherheitsvorkehrungen in der internationalen Seefahrt promotet. Er brütet gerade über technischen Handbüchern als ihn ein ohrenbetäubendes Röhren aufschreckt. Fassungslos starrt er in die Pilotenkanzel eines Verkehrsflugzeuges, denkt sich noch: „Der ist aber sehr niedrig…“ Der Flügel des Jumbos rauscht oberhalb von ihm vorbei, der Rumpf bohrt sich neben ihm – auf gleicher Höhe – in die Nordseite des Towers. Dass er noch am Leben ist, verdankt er dem Neigungswinkel der Maschine beim Einschlag: Denn die rechte Tragfläche löscht an der Nordwest-Ecke die Büros über ihm aus – die der Firma „Marsh & McLennan“ etwa, wo 292 Menschen in Sekundenbruchteilen ihr Leben lassen. Sleigh wird von anderen Überlebenden unter Deckenteilen und umgestürzten Bücherregalen befreit. „Ich weiss nicht, warum ich noch am Leben bin“, wird er sich später wundern.

Kaum jemand, der es heute noch erzählen könnte, hat diesen dunkelsten Moment des zumindest letzten halben Jahrhunderts der Menschheitsgeschichte so nahe miterlebet wie der 61-jährige Sleigh. Es ist 8.45 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit, der 11. September 2001. Mit über 600 Stundenkilometer ist eine Boeing 767-200 in die Nordfassade des 417 Meter hohen WTC-Nordturm gerast, der Explosionslärm hallt durch die Skyline von Lower Manhattan. Mit dem metallischen Knirschen der schwankenden Stahlkonstruktion kommt die Acht-Millionen-Metropole New York, und die ganze Welt zu einem gespenstischen Halt. Millionen Bürger rund um den Erdball werden, meist live, den von Todespiloten des Superterroristen Osama bin Laden durchgeführten Terror-Horror via CNN mitverfolgen – in den nächsten 104 Minuten durch vier koordinierte Flugzeugentführungen 3.200 Zivilisten aus 69 Nationen sterben.

Die Täter sind bekannt: Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi, Hani Hanjour und Ziad Jarrah – gemeinsam mit dreimal vier, beziehungsweise einmal drei Helfern verwandelten sie Passagiermaschinen in tödliche Raketen. Die Horrorzahlen gingen mehrfach um die Welt: Ein Gesamtschaden von allein in New York von 1.560 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2003, an die 200.000 verlorene Jobs, vielleicht sogar eine Weltrezzession. Doch was geschah wirklich in diesen bitteren Stunden des 11. September? In der exakt einer Stunde und 44 Minuten, vom Einschlag des ersten Jumbos in den Nordtower bis zu dessen Kollaps? 104 Minuten, die die Welt für immer veränderten. Aus den Berichten der Augenzeugen und Dokumenten der Behörden erarbeitete ich ein Protokoll des Horrors an diesem wolkenlosen Spätsommertag an der Ostküste der USA.

Im Gebäude des Terminal B, Logan Airport in Boston, marschieren Atta und Kämpfer Abd al-Asis al-Umari zügig zu Gate 26. Sie sind mit einer Propellermaschine aus Portland, Maine, gekommen. Warum sie riskieren, durch eine Verspätung den Anschlussflug zu verpassen, ist den Ermittlern des FBI unklar. Eine Theorie: Vielleicht wollten sie testen, ob sie mit ihren Messern beim Security Check aufgehalten werden. Um 5:45 Uhr gehen sie dort durch die Schleuse. Eine Kamera macht ein Foto, die Behörden versäumen ihre letzte Chance, den blutigsten Terroranschlag der US-Geschichte zu verhindern. Gelegenheiten gab es dafür einige. Die Terroristen waren meist im Vorjahr mit Studenten-Visas in die USA gekommen, um Fliegen zu lernen – Atta und Shehhi etwa in der Huffmann-Flugschule in Venice, Florida, Ziad Jarrah in der „Florida Flight Trainings Center“ ebendort, Hani Hanjor mit groben Problemen in „CRM Airline Training Center“ in Scottsdale, Arizona. Sie agierten meist unauffällig, doch nicht immer: Einmal lässt Atta eine „Piper Warrior“ neben einer Landebahn am Miami International Airport einfach stehen, weil der Motor abgestorben ist. Dann erhält er eine Verwarnung, da er ohne Führerschein fährt – die später bei einer Verkehrskontrolle wegen Schnellfahren am Polizei-Computer durch einen seltenen Software- oder Bedienungsfehler nicht aufscheint. Als der vielleicht 20. Mann, der Franzose marokkanischer Abstammung Zacarias Moussaoui, in einer Flugschule in Minnesota keine Starts- und Landungen lernen will und der Besitzer die Behörden alarmiert, wird er wegen Einwanderungsverstöße zwar verhaftet, doch recherchiert niemand seine Kontakte zu einem gemeinsamen Verbindungmann der anderen Attentäter nach – die jetzt im Zentrum der ersten Elfter-September-Bundesanklage gegen Moussaoui steht. Nach der Abreise zweier Entführer aus dem Panther Motel in Deerfield Beach, Florida, findet ein Angestellter im Mistkübel Flugkarten der Ost-USA, Bücher über Kampfsportarten – freilich erst nach dem 11. September macht das alles Sinn, und er alarmiert das FBI.

Die Killer treten oft als „Odd Couples“, als ungleiche Paare auf – der eine freundlich (Shehhi), der andere griessgrämig (Atta). Andere hängen Bilder über „Sport Illustrated Poster“ knapp bekleideter Frauen in ihren meist schäbigen Unterkünften mit Handtüchern zu, wieder andere gehen in Stripp-Bars und ordern Porno-Filme im Hotel. Die Bundespolizei teilt sie in Gruppen: Vier „Gehirne“ (die Piloten), zwölf „Muskeln“ (Kämpfer, die Crew und Passagiere rasch ausschalten sollen), sowie drei „Logistiker“ (Oragnisatoren, die sich auf Geldverteilung, Quartiersuche oder Ausweisbeschaffung spezialisiert hatten). Da sie über ein Jahr inmitten der Bevölkerung leben, von der sie Tausende töten wollen, hält sie ein bizarrer, pseudoreligiöser Leitfaden, der später in Attas Riesegepäck gefunden wird, mit zahlosen Versprechungen über den süßen Märtyrertod bei Laune. Auf fünf handgeschriebenen Seiten in Arabisch wird aber auch der Massenmord in praktischen Anleitungspunkten vorbereitet: „Erinnere dich an dein Gepäck, die Kleidung, das Messer und die Dinge, die du brauchst, an dein Ausweisdokument, deinen Reisepass und all deine Papiere“, heisst es: „Überprüfe vor der Reise deine Waffe, denn du wirst sie zur Ausführung deiner Tat brauchen. Trage deine beste Kleidung und folge damit dem Beispiel deiner Vorfahren, die vor dem Kampf gute Kleidung trugen. Binde deine Schuhe sehr eng zu und trage Socken, so dass die Schuhe eng an deinen Füßen ansitzen“.

Atta und seine vier Mittäter gelangen zum Gate, das Einchecken hat noch nicht begonnen. „American Airlines, Flug 11, Los Angeles“ steht am Display. Attas Handy läutet, er wird von einer Telefonzelle am Terminal C angerufen. Dort wartet das zweite, fünfköpfige Terroristen-Team auf Flug UA 175, Ziel ebenfalls L.A. – zumindest offiziell. Kurz vor acht Uhr stehen die beiden Boeing-767-Jumbos, bald zu fliegenden Bomben umfunktioniert, in der Warteschlange für den Take Off. Um 7.55 hebt AA 11 ab. Die Welt ist noch in Ordnung, für wenige Minuten. Im „Boston Control Center“ hat einer der Fluglotsen plötzlich ein Problem. „AAL 11, American, auf dieser Frequenz, how do you read?“, sagt er, Fliegerjargon für „Hören sie mich?“ Es meldet sich jedoch nur ein anderer Lotse. Sie besprechen die eigenartige Kurve, die die Maschine jetzt ausserplanmäßig fliegt. Um 8:24:38 hören sie plötzlich: „Wir haben ein paar Flugzeuge. Bleiben sie ruhig und alles ist o.k.“. Atta und sein Team haben die Maschine übernommen. „Schlage hart wie ein Held zu, denn Gott mag Menschen nicht, die ihre begonnene Arbeit nicht beenden“, steht in Attas Mord-Manual. Die Lotsen melden verdattert der Luftfahrtbehörde FAA eine Entführung. Mit elf Crew und 81 Passagieren an Bord hat der Jumbo fast 50.000 Liter Kerosin getankt, als Film bei dem gelanten 6:11-Stunden-Flug wollte man zeigen „Dr. Doolittle 2“. Der Jumbo rast den Hudson-Fluss entlang, Atta fliegt manuell nach Flugkarte. Bei der Mündung liegt Manhattan, an diesem Südzipfel die Twin Towers. Durch Telefonate mit zwei Stewardessen, Amy Sweeney und Betty Ong, weiss man: Einem Passagier wurde sofort die Kehle durchgeschnitten, die beiden Stewardessen in der „First Class“ werden ausgeschaltet, die Piloten ebenfalls. Im Rest der Kabine glaubt man jedoch an eine „normale Entführung“: Landung, Verhandlungen, worst case, Erstürmung der Maschine durch Sonderkommandos. Wie im Film. „Was sehen sie? Was sehen sie?“, wird Swenney vom Bodenpersonal gefragt. „Ich sehe Wasser!“ Nach einer langen Pause sagt sie: „Oh mein Gott…“. Im Souvenierladen des „Empire State Building“, 370 Meter über Grund, sieht Verkäufer Steve Remnarine den Jumbo 100 Meter entfernt auf bereist fast gleicher Höhe vorbeirasen. „Die Tragflächen wackelten, als wäre die Maschine in Turbulenzen“, erinnert er sich: „Ich dachte, der wird ja wohl noch vor den Türmen die Maschine hochziehen…“.

„Engel rufen deinen Namen und tragen für dich die schönsten Kleider“, steht geschrieben. Atta gibt nochmals vollen Schub, die Turbinen heulen auf über den in der Morgen-Rush-Hour mit Zehntausenden gefüllten Straßen des „Financial District“. Der Jumbo durchschlägt zwischen dem 94. Und 98. Stock die pro Seite 35 Außenstützpfeiler, die 40 Prozent des Gebäudes tragen. Mit einer Kraft, die 11,3 Millionen Kilo entspricht, wie die „New York Times“ errechnete, wird die Maschine zerfetzt, ein Drittel der 47 inneren Stahlträger, die zu 60 Prozent den Turm stützen, zerstört. Kaum einer der später gefundenen Flugzeugteile ist größer als eine Faust. Von den 35.000 in den WTC-Gebäudekomplexen Arbeitenden, sind fast 20.000 bereits am Arbeitsplatz eingetroffen. Der Nordturm neigt sich fünf Meter nach hinten, schwingt zurück. Tausende Menschen schreien gleichzeitig auf, fallen von Sesseln, werfen sich auf den Boden, werden unter umfallenden Büro-Mobiliar begraben.

demczur
Fensterputzer Demczur

Jan Demczur, ein 48-jähriger polnischer Fensterputzer, fährt mit fünf anderen im Fahrstuhl 69A nach oben. Plötzlich stoppt der Lift, schwingt wie ein Pendel, scheint nach unten zu fallen. Man drückt den roten Not-Stopp-Knopf. Über die Interkom meldet sich ein Stimme, erwähnt ein Explosion im 91. Stock, irgendwas habe das Gebäude getroffen. Schwarzer Rauch dringt durch die Fugen des Fahrstuhls. „Es war uns bald klar, dass wir uns selbst helfen müssen“, sagt Demczur, als er mich in seinem Haus in New Jersey empfängt. Nach dem Aufdrücken der Lifttüre sehen sie eine Wand mit der Zahl „50“ – 50. Stock. Es gibt hier keine Türen, der Lift fährt vom 44. bis 67. Stock „express“ durch. „Ich berührte die Wand, wusste von meiner Erfahrung am Bau, dass es sich um Gipskarton handelt“, so Demczur.

Anstatt brav auf Hilfe zu warten, entfernt er den Griff seines Glaswischers, gibt ihn zu einem der Männer – mit den zwei „Werkzeugen“ hämmern und kratzen die sechs Gestrandeten während der nächsten 30 Minuten Kerben und Löcher in die Wand. Schließlich tritt der Bulligste der Gruppe, den Rücken zur Wand, „wie ein Pferd“, die Wand ein. Das Loch führt direkt in eine Männer-Toiliette, gleich oberhalb einer Pissoir-Muschel. Der erste steckt fest, schreit: „Schiebt an, schiebt an!“ Jemand murmelt, mal solle nicht zu viel Schaden anrichten. „Mach dir mal keine Sorgen“, antwortet Demczur trocken. Alle sechs im Lift sollen es aus dem Geäude schaffen, nun trifft sich die „Liftgruppe“ regelmäßig zum „Überlebenden-Stammtisch“. Demczur wirft erst beim Einsturz des Südturms seinen Wasserkübel weg.

Adam Mayblum, 35, der stets stolz von seinem Büro im 87. Stock bei der Firma „May Davis“ berichtete, sieht 350 Meter unter ihm Menschen auf der Straße, die fassungslos hinaufstarrten. „Was gibt es hier zu sehen?“, fragt er sich. Er hatte zwar Minuten zuvor die Explosion gehört, dachte jedoch an eine Bombe. Er beginnt den endlosen Abstieg durch Stiegenhaus A. Kleine Feuer brennen, Funken fliegen, sengen Mayblums Beine an. Er will seine Frau anrufen. Busy. Er wählt die Nummer eines Freundes in San Franzisko. „Geh raus, es kommen noch mehr Flugzeuge“, schreit der verzweifelt. Flugzeuge? Terroristen? Beide Towers brennen? „Meine Beine begannen unkontrolliert zu zittern – das alles klang zu absurd“, erinnert er sich. Das Handy klingelt. 44. Stock. Seine Vater, Pensionist in Delray Beach, Florida. Er ist hysterisch. „Bitte“, fleht er, „flüchte aus dem Gebäude!“ Als ob ich freiwillig hier wäre, denkt sich Mayblum fast wütend: Soll ich die tausenden Leute vor mir rausschieben?

United Airlines, Flug 175, meldet sich um 8.41, knapp 30 Minuten nach dem Take-Off in Boston bei den Fluglotsen. „Wir haben eine verdächtige Funkübertragung mitgehört“, sagt der Pilot. Er meint American, Flug 11. Irgendjemand habe ins Mikrofon geredet. Und was von „alle Sitzenbleiben“ gesagt. In diesem Moment muß sich die fünfköpfige Terrorgruppe um al-Shehhi aus ihren Sitzen erhoben haben. Im Kontrollzentrum auf Long Island starren die Lotsen um 8:53 Uhr auf den Raderpunkt, als die Maschine mit 800 Stundenkilometer – mehr als die doppelte dort erlaubte Geschwindigkeit – über den Hudson River rast und nach Süden dreht. Zuvor hatte ein Pilot auf der allgemeinen Frequenz gefragt: „Weiß irgendjemand, was der Rauch in Lower Manhattan soll?“. Flug AA 11 war acht Minuten zuvor in den Nordturm gekracht. Ein Flugloste rapportiert mit zitternder Stimme an die FAA: „Ich glaube, wir haben eine Entführung? Wir haben Probleme hier…“.

Stanley Praimnath, ein Deakon der „Bethel Assembly of God“ und Vizepresident der Kreditvergabe-Abteilung der „Fuji Bank“, ist im Südturm an seinen Arbeitsplatz im 81. Stock zurückgekehrt. Er hat den Feuerball im Nachbarturm gesehen, ist ganz nach unten gefahren, bis ins unterirdische Shopping-Center. Doch ein Security-Beamter hatte ihn beruhigt: „Das war nur ein Unfall. Das World Trade Center ist gesichert. Sie können auf ihren Arbeitsplatz zurückkehren!“ Als er sich wieder niedersetzt, läutet das Telefon. Ein Kollege aus Chicago. Er fragt, ob er Nachrichten schaut. Nein. Aber es ist „alles in Ordnung“. Als er aufschaut, sieht er die graue Außenhaut des Jumbos, die Buchstaben „U“, „N“, „A“. „Es war alles wie in Zeitlupe“, erinnert er sich: „Das Flugzeug hundert Meter vor mir“. Er hechtet unter den Schreibtisch, wird bei der Explosion des Jumbos bis zum Kopf in Schutt begraben. Als er die Augen öffnet, sieht er bei der Eingangstüre zu seinem Department einen Teil der brennenden Tragfläche. „Ich muss hier raus“, schießt ihm in den Kopf. Er kriecht durch das verwüstete Büro, eine Wand versperrt den Fluchtweg. Jeder Atemzug fällt schwerer im dichten Rauch des Kerosin-Feuers. Hinter der Wand hört er einen Mann. „Glauben sie an Gott?“, fragt der Laienprediger. „Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche“, kommt die Antwort. Beide Männer beginnen in dem Inferno des 81. Stock mit einem Gebet – um Kraft, die Mauer durchbrechen zu können. Er tritt ein Loch in die Gipswand, kriecht durch, umarmt und küsst seinen „Retter“: „Von nun an sind wir Brüder fürs Leben“, sagt Praimnath.

Judith Francis, 39, Projektleiterin bei der Finanzdienstleistungsfirma „AON Corporation“ ist im Treppenhaus im 80. Stock auf der Flucht, als um exakt 9:03 die 160 Tonnen schwere Boeing 767 den Südturm trifft. „Wie das gleichzeitige Lostrompeten von tausenden Elefanten“ habe sich das angehört, erzählt sie mir. Francis hatte sich im Südturm nie in Sicherheit gefühlt. Als sie 20 Minuten zuvor im 102. Stock am Weg ins Büro ihres Chefs war, sah sie einen Jumbo auf den Nachbarturm zurasen. „Dann war er plötzlich wieder weg“, erinnert sie sich: „Ich dachte, das muss wohl eine Täuschung gewesen sein“. Nach der gigantischen Explosion wackelt auch der Südturm, es stinkt penetrant nach Kerosin. Sie glaubt nicht an einen Unfall, trommelt ihre Arbeitskollegen zusammen. Die sind konfus: Einer will eine Email fertig schreiben, eine Sekretärin sucht im Schreibtisch eine Bibel. „Let´s go! Let´s go!“, schreit Francis ihre Kollegen an – vielen hat sie durch ihre Entschlossenheit das Leben gerettet. 176 AON-Kollegen sollen in dem Inferno ums Leben kommen.

Selbst Osama bin Laden, Auftraggeber des Terror-Horrors, hatte die Wirkung der Jumbo-Einschläge auf die Twin Towers unterschätzt. Wie er in dem in der Vorwoche veröffentlichten Home-Video erzählt, glaubte er an einen Einsturz der Stockwerke lediglich bis zur Jumbo-Einschlagstelle. Er war der „optimistischste“ unter allen Planern. Es soll viel schlimmer kommen. Um 9:50 Uhr, 47 Minuten nach dem Einschlag, haben die bis zu 1.100 Grad Celsius heissen Kerosin-Feuer die Aussen- und Innen-Stahlpfleiler des Towers geschwächt – als schwächstes Glied sollen später jedoch die Verbindungen der Deckenträger mit den vertikalen Hauptträgern identifiziert werden. In den Einschlags-Stockwerken 78 bis 84 beginnen sich unter den Druck von 40.000 Tonnen die Stockwerksböden zu lösen – plötzlich hat der Turm eine Art „statisches Loch“, wie es ein Experte später beschreibt. „Warten Sie einen Augenblick… Was ist das?“, schreckt die Welt plötzlich auf bei der Live-Übertragung des Irrsinns. Explosionsartig schießen Flammen aus dem Einschlags-Krater, die oberen 30 Stockwerke neigen sich auf die Seite – der Turm kollabiert. „Wie ein Vulkan, der nach oben hin Trümmer ausspuckt“, beschreibt Brigitte Stelzer, österreichische Fotografin für die Zeitung „New York Post“, das Inferno. Eine endloslange Schrecksekunde starrt sie fassungslos von der Church Street aus, gleich vor dem Plaza, nach oben – dann läuft sie im Trümmerhagel um ihr Leben. Die Kettenreaktion der aufeinanderfallenden 110 Stockwerke beschleunigt sich – die Teile der Aussichtsplattform schlagen mit 192 Stundenkilometer am Boden auf, bohren sich bis ins sechste Untergeschoß. Seismologen messen ein Erdbeben der Stärke 2,4 auf der Richterskala. 9,6 Sekunden hätte ein Objekt für den freien Fall vom Dach gebraucht – „World Trade Center 2“ implodiert in elf Sekunden.

Judith Francis hat es zehn Minuten zuvor aus dem Gebäude geschafft, sie ist bereits auf der Flucht nach Norden – Prediger Praimnath hat sich durch einen brennenden Teil des Erdgeschosses gekämpft, will gerade in die „Trinity Church“, zwei Block südlich, zum Dankgebet, als die Staublawine durch die Straßen Süd-Manhattans rast. Für die hunderten im noch stehenden Nordtower wird die Flucht durch die nun verwüsteten Ausgänge zur Odysee. Fensterputzer Demczur hat sich bis ins Erdgeschoss durchgekämpft, bevor er völllig die Orientierung verliert. „Ein Feuerwehrmann hat mich angebrüllt“, erinnert er sich: „Arbeiten sie hier? Wo sind wir?“ Mit dessen Scheinwerfer tastet er den mit Staub gefüllten Raum ab, sieht plötzlich die Eingangsschleusen vor den Lifttüren, wo Besucher und Angestellte ihre Security-Magnetkarten durchziehen. „Mein Gott! Wir sind in der Lobby!“ An der West Street sieht er erstmals den brennenden Nordturm. „Wo ist das andere Gebäude?“, fragt er konsterniert einen Feuerwehrmann. „Das ist eingestürzt“, schüttelt der den Kopf. Was? Mit Tränen in den Augen sagt er: „Ich bekam eine Gänsehaut, meine Beine zitterten unkontrolliert – erst jetzt war ich trotz der ganzen Odysee erstmals wirklich geschockt…“.

Österreicher werden an diesem Tag keine getötet. Einige erleben den Horror jedoch hautnah mit. Walter Plendner ist gerade in der Wohnung eines Freundes auf der Westseite des WTC, er will seine Frau telefonisch erreichen – als vor seine Augen der Südturm in einer gigantischen Staubwolke verschwindet, und das zwischen den Türmen gelegene „Marriott World Trade Center“ auslöscht. Dort hat Plendner seit 21 Jahren gearbeitet, zuletzt als „Executive Chef“, Küchenchef. Trümmer des ersten Jumbos haben das Glasdach im Frühstücksraum durchschlagen. „Es ist ein Wunder, dass dabei niemand umkam“, sagt Plendner: „Wir wussten sofort, dass alle raus müssen“. 900 Hotelgäste und Personal überleben das Inferno, zwei zurückgebliebene Hotel-Manager sterben. Gleich mit einer ganzen Schulklasse flüchtet Petra Kandler aus der nahen „Trinity School“. Im Südzipfel von Manhattan sitzt sie regelrecht in der Falle, als der Südturm kollabiert. „Wir rannten in einen Subway-Stiegenabgang“, erinnert sie sich: „Es war totales Chaos, einige sprangen in der Panik sogar ins Wasser“.

Im Luftwaffenstützpunkt in Langley bei Washington schreit plötzlich jemand im Frühstücksraum. „Hey! Ein Flugzeug hat das World Trade Center getroffen!“ Fast im selben Moment ertönt das schrille Einsatzhorn. Drei Piloten – die Namen wurden vom US-Militär bisher geheim gehalten – rennen die Stiegen hinunter, raus aus der Türe, zu ihren F-16-Kampfjets. Wie bei „Top Gun“. Die selbe Szene 800 Kilometer nördlich, in der „Otis Air National Guard Base“ auf Cape Cod, Massachusetts. 14 Flugzeuge auf sieben Stützpunkten sind an diesem Tag für die Verteidigung des Luftraumes der Supermacht USA vorgesehen. Von Süden und Norden rasen die Jets in Richtung „World Trade Center“, erst knapp nach dem Einschlag der „American“ sind sie in der Luft, für United kommen die Otis-Piloten um acht Minuten zu spät. Hilflos donnern die Maschinen fast mit Schallgeschwindigkeit neben den brennenden Türmen vorbei. Die Langley-Piloten drehen auf halbem Weg um – über dem Luftraum der Hauptstadt Washington bahnt sich die nächste Tragödie an. Über Funk hören sie, wie die FAA alle in der Luft befindlichen Flugzeuge – 4.200 sind es zu diesem Zeitpunkt – zur „sofortigen Landung“ auffordert. Gleichzeitig kommt ein Warnsignal, ein eigenartiges Quäken, dass sie noch nie in ihrem Leben gehört haben: Ein Code, der einen nationalen Verteidigungsnotstand signalisiert.

Um 8:56 Uhr versuchen Fluglotsen in Indianapolis American, Flug 077, zu erreichen. „American 77, Indy“, sagen sie. Nochmals. Nochmals. „American 77, Indy, Radio Check, How do you read?“ Verdammt. Der Transkontinental-Flug, Ziel ebenfalls Los Angeles, ist nach dem Start vom Washingtoner „Dulles“ in der Gewalt von Hani Hanjur und vier weiteren Selbstmord-Attentätern. Um 9.33 sieht Fluglotsin Danielle O´Brian, die zuvor den perfekt normalen Start von AA-077 abwickelte und den Piloten „viel Glück“ wünschte, einen kleinen Punkt am Radarschirm. Er hat keine Kennung, die Entführer haben den „Transponder“ ausgeschaltet. Ihr Kollege brüllt aufgeregt: „Oh mein Gott! Das fliegt in Richtung Weisses Haus!“. Eine knapp zuvor gestartete C-130-Militär-Cargomaschine wird um Identifizierung gebeten: Die verdatterten Piloten sehen einen Boeing-757, die „sehr schnell“, und „sehr tief“ fliegt. Der gesperrte Luftraum, der das Weiße Haus und das Kapitol mit einschließt, heisst P-56 – „Protected Air Space 56“.

Vize Dick Cheney ist im Weissen Haus, als die ersten Warnungen eintreffen. Er ruft Präsidenten George Bush an, der sich in einer Volkschule in Sarasota, Florida, aufhält. „Sir“, sagt Cheney, „wir wissen nicht was hier wirklich vor sich geht – aber ich glaube, wir werden angegriffen“. Sicherheitsleute greifen Cheney bei den Armen. „Wir müssen hier verschwinden. SOFORT!“ Sie tragen ihn zu einem Bunker unter dem Gebäude. Das Personal der Nervenzentrale der Supermacht USA läuft panisch mit Aktenstößen unter dem Arm aus dem Vorderausgang.

In einer geschätzten Flughöhe von 2.000 Meter dreht der Jumbo mit insgesamt 64 Passagieren und Crew dreht jedoch plötzlich ein 360-Grad-Schleife und rast um 9:43 Uhr mit fast 800 Stundenkilometren in die Nordwestseite des wuchtigen US-Verteidigungsministeriums Pentagon. TV-Stationen schalten auf die nächste Rauchsäule um – in dem Inferno sterben 125 Menschen in den Büros.

Die drei Langley-Piloten in ihren F-16, jede Maschine bewaffnet mit sechs hitzesuchenden Luft-zu-Luft-Raketen, kommen auch diesmal zu spät. Nun erhalten sie jedoch einen neuen Einsatzbefehl. United, Flug 093, Newark, New Jersey nach San Franzisko wird ebenfalls als entführt gemeldet – ist am Weg zurück nach Washington. Nun haben sie, vom Präsidenten autorisiert, Schießbefehl. Zwei sind selbst auch Piloten kommerzieller Flugzeuge – beinahe geraten sie in das furchtbare Dilemma, die Maschine mit 38 Passagieren und sieben Crew abschießen zu müssen. Dazu kommt es nicht. Der Flug ist in Newark verspätet, hebt um 8.42 Uhr ab. Als Ziad Jarrah mit den nur drei Helfern aufspringen und die Maschine übernehmen, laufen im TV bereits die Live-Übertragungen des WTC-Horrors. Von einem Bord-Telefon ruft Tom Burnett seine Frau in San Ramon, Kailornien, an. „Alles in Ordnung?“, fragt sie überrascht. „Nein, wir sind entführt worden. Ich bin in der Luft. Einen haben sie bereits niedergestochen. Ruf das FBI an!“ In den Catskills bei New York starren Lyz Glick auf die irren TV-Bilder des WTC-Infernos. Das Telefon klingelt. Es ist ihr Mann Jeremy. Ruhig beschreibt er die Entführer, die roten Stirnbänder. „Ist es war, dass Flugzeuge ins World Trade Center gekracht sind?“, will er wissen. Ja. Er dachte so. Andere Passagiere haben das auch gehört. Todd Beamer, Manager der Tech-Firma „Oracle“, telefoniert mit seiner Frau Lisa. Die Boeing 757 hat inzwischen eine Kehrtwendung gemacht und rast in Richtung Washington. Beamer ist sich bald – nach immer neu eintreffenden Horrormeldungen von seiner Frau – sicher: Auch ihr Flug ist für ein Ziel am Boden vorgesehen. Er organisiert Widerstand. Er verabschiedet sich von seiner Frau. Legt das Telefon nieder. Lisa hört mit: „Are you guys ready? Let´s roll“. Am Voice Recorder sind später Stimmen eines Raufhandels im Cockpit zu hören – um 10:06 Uhr zerschellt der Jumbo in einem Feld bei Skanksville, Pennsylvania. Die F-16-Jest waren noch 15 Minuten entfernt.

Immobilienmakler James Gartenbaum wartet immer noch auf Hilfe. Seit dem Einschlag des „American“-Jumbos ist er in Suite 8617, 86. Stock, eingeschlossen. Der einzige Fluchtweg ist verbarrikadiert mit schweren Trümmern. Seine einzige Verbindung zur Aussenwelt ist ein Handy, die „Washington Post“ hat die Gespräche minutiös protokolliert. Er telefoniert mit Margarete Luberta, die Vizepräsidentin seiner Firma „Julian Studley Inc.“. Mit seinem Freund Adam Goldberg in Chicago, mit dem TV-Sender ABC. „Es wird immer schlimmer“, klagt er Luberta: „Kann ich die Fenster einschlagen?“ Sie will Rücksprache bei der Feuerwehr halten. „Auf keinen Fall! Die Feuerwehrleute wissen wo du bist, sie werden dich holen“, sagt sie. Tatsächlich sind hunderte Männer des „Fire Department New York“ (FDNY) in den Türmen unterwegs nach oben. Die Flüchtenden sehen sie, mit Hacken, Schläuchen, Schneidbrennern und Löschern die verrauchten Stiegenaufgänge emporsteigen. 343 werden an diesem Tag ihr Leben lassen – der blutigste Tag in der Geschichte wohl aller Feuerwehrzentralen dieser Erde. Gartenberg erreicht seine Frau Jill in ihrer Wohnung in der Upper East Side. „Sprich leise“, sgat er, damit ihre Mutter nicht mithören kann. Er ist nicht derselbe. „Ich liebe dich“, sagt er immer wieder. „Ich liebe Nicole“, sagt er – seine zweijährige Tochter. Jill weint: „Ich liebe dich auch“. Die Verbindung ist unterbrochen. Niemand kann Gartenbaum mehr erreichen. Um 10:28 neigt sich die 112 Meter hohe Fernsehantenne am Dach des Nordturm – das 300.000 Tonnen schwere Gebäude implodiert exakt wie sein Nachbarturm 38 Minuten zuvor.