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Es schien, als war sich der Killer seiner selbst so sicher wie noch nie. Knapp ausserhalb einer Tankstelle nahe dem Ort Massaponax in Virginia, 60 Kilometer südlich der US-Hauptstadt Washingto D.C., markierte er im Zielfernrohr eines Präzisionsgewehrs den 53-jährigen Kenneth Bridges, Vater von sechs Kindern, als er an einer “Exxon”-Tankstelle an dem Interstate I-95 gerade Benzin tankte. Ein Schuss hallte durch den dichten Nieselregen, Bridges fasste sich an die Brust und glitt zu Boden. Weniger als 50 Meter neben dem Attentäter stellte ein “State Trooper” einen Strafzettel aus. Der Killer flüchtete, so erstmals gleich mehrere Zeugen, in einem weißen “Chevrolet Astro Minivan”. Auf eine derartige Chance hatten die Behörden nur gewartet: Innerhalb von Minuten sperrten hunderte Cops den zehnspurige Megaautobahn I-95, dazu alle Exits naheliegende Exits. Alle weissen Laster wurde durchsucht, mit Maschinenpistolen im Anschlag liefen Gendarmen durch die Autokollonnen völlig geschockter Pendler.

Die USA hielt den Atem an, Bürger im ganzen Land versammelten sich in Büros vor dem TV-Schirmen mit den “Breaking News” aus Virginia, fast ein wenig wie am 11. September. Doch der “Psycho-Sniper” getaufte, vielleicht gefährlichste Serienkiller der US-Geschichte, der in zehn Tagen acht Menschn tötete und zwei schwer verletzte, entkam. Stunden später brüteten in einem Hörsaal des lokalen Uni-College in Rockville, Maryland, 300 Polizisten, FBI-Agenten, Profiler, Experten der Spurensicherung über dem bisher vorliegedem Beweismaterial. Darunter die inzwischen weltberühmte Tarrot-Todeskarte, auf die der Killer kritzelte: “Lieber Polizeimann: Ich bin Gott!” Frustriert bestellte sie Stunden später 70 Pizzas, recherchierte “Newsweek”. Der Horror präziser Todeschüsse eines so mörderisch wie offenbar psychopatisch veranlagten Serienmörders begann am Abend des 2. Oktober in einem Souvenuerladen im “Suburb Montgomery County” nördlich von Washington: Gleich sechs Totesopfer waren am ersten Tag zu beklagen, Frauen, Männer, Schwarze, Weiße. Immer nur ein Schuss, Kaliber 0.223, Geschosse die mit 1.000 Meter pro Sekunde blitzschnell fliegen, normalerweise verwendet von Soldaten, Jägern oder Olympischen Sport-Schützen. Auch die Gewehre, aus denen sie abgefeuert werden, sind – vor allem im Land der Waffennarren – leicht erhältlich: Entweder die Militärwaffe “ARI-A3-Riffle”, halbautomatisch, mit 20-Schuss-Magazinen, oder das Jagdgewehr “Ruger mini-14”, tippt die Polizei. Mit Zielfernrohr kann aus 500 Meter Entfernung noch präzise getroffen werden. Die Opfer wurden abwechselnd getroffen in den Kopf und in den Bauch, die meisten waren auf der Stelle tot, da die länglichen Patronen meist verheerende Wunden in den Körper reißen. Danach verlangsamte sich der Blutrausch des Snipers: Opfer Nummer 7 wurde auf einem Parkplatz nahe Fredericksburg angeschossen (sie ist inzwischen aus dem Spital entlassen), Opfer Nummer Acht, ein 13-jähriger Bub, überlebte drei Tage später vor dem Schuleingang der “Benjamin Tasker Middle School” in Bowie nur knapp, Opfer 9 starb zwei Tage später beim Tanken nahe eines Highways, wieder 48 Stunden später tötet er einen weiteren Autofahrer, wieder an einer Tankstelle.

Seither läuft längst die größte Menschenjagd vielleicht aller Zeiten: 1.700 heisse Spuren werden nachrecherchiert, Computeranimationen zweier Flucht-LKW-Typen sind veröffentlicht, Tips aus der Bevölkerung werden inzwischen von regelrechen “Call Center” verarbeitet. Sogar Hollywood musste, wie bereits nach den 11. September vor der Realität kapitulieren: Der Kinostart des Fox-Streifen “Phone Booth”, wo ein Scharfschütze Bürger in New York abknallt, wurde auf nächstes Jahr verschoben. Und der Großraum Washington-Baltimore, wo 7,8 Millionen Bürger leben, mit seinen weitläufigen Suburbs gleicht einer Stadt der Angst:

# Begonnen hatte die alles lähmende Mordserie eigentlich mit einem Fehlschuss: An der Auslagenscheibe des Souvenier-Supermarktes “Michael´s Craft Store” ist noch ein gut einen Zentimeter großes Einschussloch zu sehen. Die Kugel hatte drinnen einen Verkäufer knapp verfehlt. Die wenigen Einkäufer beeilen sich beim Weg zum PKW. “Dieser Feigling will nur im Rampenlicht stehen”, schimpft eine alte Frau: “Und durch die Medien gelingt ihm das auch”, ärgert sie sich. Immerhin, gesteht sie ein: “Tapfer sind sie junger Mann, hier einfach herumzustehen…” Ingenieur Mark Dobridge (46) sieht es gelassener: Natürlich sei er beunruhigt, aber “mein Leben werde ich deshalb nicht umkrempeln”.
# Weit mehr Angst hat Druckerin Vicki Anderson (41) am gut zehn Kilometer entfernten Parkplatz vor einem “SFW”-Markt. Dort hatte der Sniper am Abend des 2. Oktober erstmals getroffen: Bundesbeamter James D. Martin (55) war vor einem “No-Parking”-Schild zusammengebrochen. Andere Einkäufer hatten nichts gehört, eine Frau marschierten an der Leiche vorbei, dachte, der würde etwas unter seinem Auto suchen. Anderson wollte eigentlich lieber ihre Einkäufe am Internet erledigen, kam dann doch trotzig. Sie marschiert beim Gespräch rasch im Zickzack-Kurs, so wie im Lokal-TV angeraten wurde. Dermaßen sei man viel schwerer zu treffen. Angst vor dem Tod habe sie “als gläubige Christin” nicht, doch Tanken war sie ebenfalls seit zehn Tagen nicht mehr: “Zwanzig Meilen kann ich noch fahren”, sagt sie beim Einsteigen.
# “Er war ein Stammkunde”, erinnert sich Augenzeugin Elisabeth Rosales (25) an der “Mobil”-Tankstelle in Aspen Hill: “Er bezahlte fünf Dollar, wie jeden Tag”. Doch dann hörte sie einen “lauten Knall” und der Taxifahrer Prekumar Walekar (54) torkelte nach hinten. “Blut schoss aus seiner Brust”, sagt sie leise: “Dann fiel er nach hinten und blieb regungslos liegen”. Jetzt verlässt sie niemals den Souvenier-Raum mit den kugelsicheren Scheiben, ihr Freund holt sie jeden Tag ab, fährt mit dem Auto direkt vor die Türe, wo sie schnell hineinspringt.
# An der “Shell Gas Station” in Kensington Rivera (25) saugte Lori Lewis gerade das Innere ihres Wagens, als sie zusammenbrach. “Ich dachte sie hatte einen Herzanfall”, sagte Augenzeuge Jimmy Akca. Bürger haben dort inzwischen ihre Hilfe angeboten. “Ein Nachbar hat eingeboten, dass er jeden Tag gratis für zwei Stunden draußen Benzin einfüllt”, erzählt Pächter Emran Salih. Dann schüttelt er den Kopf: ”Ich habe zögern abgelehnt, das Geschäft geht ohnehin derart schlecht”.
Alle Schulen der Region sind unter einem “Code Blue”-Alarm, nach Schulbeginn werden alle Türen verriegelt, alle Aktivitäten im Freien sind Abgeblasen – so wie auch allein letztes Weekend etwa über 1.000 Schul-Fussballspiele. Im Radio laufen Tipps für “sicheres Tanken” (Kopf geduckt, zwischen Auto und Zapfsäule eingezwängt), “sicheres Gehen” (schnell, und im Zick-Zack-Kurs), dazu Berichte über Mütter, die ihre Kinder in einer Linie vor sich hergehen lassen, um dem Sniper möglichste wenig Angriffsfläche zu bieten.

Den Parkplatz des Polizei-Headquarters des sonst mit 19 Morden pro Jahr so ruhigen “Montgomery County”, wo nun allein fünf der Todesopfer zu beklagen waren, ist inzwischen ein veritables Medienzentrum, mit Podium, weißen Zelten, bis zu 20 Kameratemas der TV-Networks. Chief Charles Moose, inwzischen durch Tränen- und Wut-Ausbrüche eine nationale Berühmtheit, stillt den Medienhunger, jedoch mit immer kleineren Portionen. Denn Profiler sind sicher, dass der Killer interaktiv agiert, seine Taten im Fernsehen verfolgt: Als Moose behauptete, es bestünde keinerlei Gefahr für Schulkinder, folgte das Attentat auf den 13-jährigen Schüler. Auf einen regelrechten Showdown zwischen dem Terror-Schützen und der Staatgewalt deutet einen Tarrot-Karte hin, wo er als “Gott” seine Macht demonstrieren könnte. Die Beamten versuchen ein Muster zu erkennen: Sechs Tote in einem Tag, dann im zwei Tagesrythmus – und immer mit einer Ruhepasue am Wochenende. “Werktags-Krieger”, benannte ihn der Kriminolge Jack Fox. “Geografischer Profiler” brüteten über Landkarten, mit immer mehr Kreuzen immer neuer Tatorte. Meist wüten Serien-Täter nahe ihres Wohnortes.