Print Friendly, PDF & Email

BauernebelLincoln

Auch die härtesten Navy-Soldaten der US-Streitkräfte freuen sich über gelegentliche Aufmunterungen. „Ihr alle habt einen tollen Job in den letzten Tagen gemacht“, krächzt es aus den Lautsprechern im riesigen Hangar unter der Landepiste des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln. Die ölverschmierten Mechaniker lassen ihre Werkzeuge kurz liegen, stehen fast stramm, als Kapitän Kendall Card fortfährt: „Wir sind für die mögliche Befreiung des Irak bestens gerüstet“. Dann erinnert Card die Crew, 6.000 Seeleute und Flieger-Personal, auf den bevorstehenden Besuch des Navy-Chefs auf der Lincoln. „Antwortet ehrlich auf seine Fragen“, hallt es durch die Halle: „Und sagt ihm vor allem, wie großartig es ist, auf einem Flugzeugträger Dienst zu versehen“.

Die Lincoln, der fünfte Träger der Nimitz-Klasse – die größten Kriegsschiffe des Planeten – mit 70 Flugzeugen (darunter die erstmals auf einem Träger stationierten, modernsten Kampfjets der Type F/A-18E Superhornet), könnte jederzeit zur schwimmenden Angriffsbasis für eine Irak-Attacke werden. Schon jetzt werden von vier Katapulten rund um die Uhr Kampfmaschinen über die kurze Startbahn geschossen, bis zu täglich 50 Missionen zur Überwachung der südlichen Flugverbotszone im Irak („Southern Watch“) geflogen. Ausgelaufen am 28. Juli des Vorjahres hätte die 95.000 Tonnen schwere, 327 Meter oder drei Football-Felder lange und von zwei Nuklear-Reaktoren angetriebene Kampfstation eigentlich nach einem halben Jahr routinemäßig heimkehren sollen – als sie der Befehl zur Verlängerung auf unbestimmte Zeit wegen des Irak-Showdowns ereilte.

Jetzt liegen rund um den Irak vier der insgesamt zwölf, 4,5 Milliarden Dollar teuren „Carrier“, die samt der umliegenden Flotillia aus bis zu acht Kriegsschiffen – Missile Cruiser, Zerstörer, Frigatten und U-Booten – das Herzstück globaler Amerikanischer Militärmacht bilden (eine „Battlegroup“ hat oft mehr Feuerkraft als ganze Nationalarmeen).

Bei meinem Lokalaugenschein eskalierte unter der Crew die Anspannung bei letzten möglichen Kriegsvorbereitungen:
# Obwohl die Missionen nur der Luftaufklärung südlich des 36. Breitengrades dienen, startet in der Nacht ein gesamtes Angriffs-Geschwader mit allem was die Lincoln zu bieten hat: Angriffsflieger wie „Hornet“, „Superhornet“ oder „Tomcat“, eine „S-3B Viking“ als Tankflugzeug, dazu die EA-6B Prowler zur elektronischen Kriegsführung;
# Am Deck testen Techniker der größten Medien-Unternehmen der Erde die Satellitenverbindungen: 30 Teams sollen „live“ im Fall des Kriegsbeginn von der schwimmenden Kampf-Plattform berichten.

UnterDeck
Unter Deck

Zweifel an der Irak-Mission ist unter den Soldaten trotz der globalen Protestwelle und dem diplomatischen Kleinkrieg in der UNO wenig zu spüren. „Jeder kann seine eigene Meinung haben“, sagt der Chef des Superhornet-Squadron VFA-115 Dale Horan: „Wir im Militär hingegen verstehen sehr genau, dass Befehle innerhalb der Kommandostruktur auszuführen sind – dafür sind wir ausgebildet“. Die Debatte in der UNO sei gesund, sagt der 42-jährige Kalifornier im Briefing Room, während im Hintergrund im TV der Pilotenklassiker „Top Gun“ läuft. Doch sei er überzeugt, dass man mit Saddam jetzt „dealen“ müsse und die Welt das hoffentlich bald auch so sehe.

Natürlich wäre es schön, wenn der Krieg verhindert werden kann, weil im Krieg Menschen sterben, so Horan. Ob er selbst daran denkt, was die von ihm abgeworfenen Bomben anrichten können? „Wir sind ziemlich gut in dem, was wir tun“, antwortet er nach einer längeren Gedankenpause: „Mögliche Kolleteralschäden haben eine hohe Priorität bei der Planung der Einsätze: Was sind die Ziele? Wo sind die Zivilisten? Gibt es dort Kirchen? Moscheen? Spitäler? Schulen?“ Das Zivilisten letztendlich mitunter den Tod finden, räumt er ein, aber „die Gewissheit, alles getan zu haben, um es zu verhindern“, lässt ihn dann doch gut schlafen. In der geschäftigen Routine des Flugzeugträger-Lebens der Piloten bleibt ohnehin wenig Zeit zum echten Nachdenken: Zweieinhalb Stunden vor dem Start beginnen die täglichen Missionen mit einem Briefing über Aufgaben und Ziele, gefolgt vom Anlegen der Piloten-Kampfanzüge samt aufblasbarer Hosen und Westen zum Schutz vor den enormen Gravitationskräften.

„Jeder Teil muss genau passen“, zeigt Piloten-Kollege Kevin Laye auf die in der engen Umkleidekabine nebeneinander hängenden, bis zu 27 Kilo schweren Ausrüstungsgegenstände. Bei Landungen auf einer oft zwei Meter nach oben oder unten schwankenden Landepiste, könne jede Kleinigkeit zur Tragödie führen, sagt der sonnige 38-jährige mit dem Spitznamen „Easy“. Dem Pre-Flight-Check an Deck folgen halbstündige Startvorbereitungen, dann der Take-Off, wo eine dampfdruckgetriebenes Katapult die bis zu 37 Tonnen schweren Kampfmaschinen in zwei Sekunden auf 260 Stundenkilometer beschleunigt. „Zuerst tanken wir in der Luft auf, um mit vollem Tank in den irakischen Luftraum einzutreten“, erläutert Laye. Es folgen Überwachungsmission – oft bis zu sechs Stunden mit mehrmaligem Auftanken und mitunter Erwiderung des Feuers von irakischen Luftabwehrstellungen oder mobilen Radaranlagen.

Die „gefährlichsten 4,5 Acres der Erde“ nennt die Flugzeugträgerbesatzung gerne das hektische Flug-Deck, wo 55 Kampfjets zwischen Starts und Landungen herumrotiert werden. Alles Personal ist mit Schwimmwesten, Ohrenschutz und Helmen ausgestattet und nach Farben organisiert: Lila für die „Auftanker“, Blau für „Flugzeug-Betreuer“, Grün für „Instandhalter“, Gelb für die „Katapultierer“ („Shooter“), Rot die „Bewaffner“ oder Weiss für die „Inspektoren“. Die Gesichter am Deck sind konzentrierter, ernster als sonstwo am Schiff. Dünne Linien markieren die Grenze zur Startbahn, wo dahinter die Tragflächen der startenden Jets knapp über Augenhöhe vorbeirasen. Sonst gilt es, durch ein Labyrinth potentieller Todesfallen zu navigieren: Von der glühend heißen Luft der Triebwerksstrahlen bis zu den Rotorblättern der Helikopter. Keine der nach dem 11. September so berühmten Sprüche und Parolen wie „Let´s Roll“ ist hier an Deck zu finden, sondern bloß der praktische Hinweis, in riesigen Block-Buchstaben an den Kontrollturm des Riesenschiffes gepinselt: „BEWARE OF JET BLAST, PROPELLERS AND ROTORS“.

Die Brücke ist mit bis zu 15 Mann stets gerammelt voll. „Um die Funktionstüchtigkeit des Flugzeug-Trägers aufrecht zu erhalten, müssen wir immer in Bewegung sein“, sagt Erster Offizier J.G. Thomas. So kreuzt die Lincoln im Zick-Zack-Kurs durch das obere Drittel des Persischen Golfes, gut 150 Kilometer vor dem Irak. Die genau Position wollen die Medien-Betreuer wie ein Militärgeheimnis („Operational Security“) hüten, doch strahlt die Daten selbst ein bordinterne Fernsehkanal aus: 48.067 nördliche Breite, 50.99 östliche Länge zum Zeitpunkt meiner Visite. Hinter der Brücke hält ein Team junger Seeleute (kaum jemand außer den Piloten ist ohnehin älter als 30 Jahre, viele sogar noch Teenager) trotz aller Radarelektronik mit eigenen Augen Ausschau nach möglichen Gefahren für die Lincoln. „Trainiert sind wir, nach Treibminen und anderen gefährlichen Trümmern, das Rader unterfliegende Objekte oder sich nähernden, verdächtigen Schiffen Ausschau zu halten“, sagt die 18-jährige Jamie Laird aus Florida: „Meistens sehe ich aber nur tote Ziegen oder Kisten im Meer treiben“. Mit nun acht Monaten im Einsatz und keinem Ende in Sicht beginnt sie Familie und Freunde enorm zu vermissen. Der Navy sei sie ursprünglich beigetreten, um die Welt zu sehen, sagt sie, doch der Terror-Angriff des 11. September habe dem allem erst richtig Sinn gegeben.

AmDeck
Am Weg zum Flugdeck

Frauen sind, wie bei der US-Armee allgemein üblich, am Flugzeugträger allgegenwärtig. Shannon Callahan (27) aus Nord-Kalifornien fliegt die EA-6B Prowler zur Ausschaltung feindlicher Radaranlagen per elektronischer Kriegsführung. „Unsere Systeme können die Illusion hunderter angreifender Flugzeuge hervorrufen oder die Existenz aller Flieger verschleiern“, sagt sie stolz beim Aufsetzen der Nachtsichtgeräte. Ko-Pilotin, Molly Rosenberg, steckt die Schläuche für die Sauerstoffzufuhr zusammen. Bei fast jedem Irak-Einsatz werde auf sie geschossen, sagen sie. Seit mehreren Jahren fliegt das Frauen-Kampfjet-Duo im Team, niemand ihrer männlichen Kollegen lasse es an Respekt fehlen, beteuern sie. Mehr als ein Drittel der Crew an Bord sind Frauen. Sex ist, wie Alkohol auch, strikt am Schiff verboten. Wie überprüfbar das Paarungsverbot ist, scheint fraglich, nachdem das enge Zusammenstehen von „Pärchen“ in versteckteren Ecken des Schiffsbauchlabyrinths selbst beim schlichten Rundgang ersichtlich ist.
„Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde“, sagt Pilotin Callahan, dafür weiß sie, das alle „back home“ sehr stolz auf sie und ihren Job sind. „Wir leben heute nicht mehr so sorglos wie vor dem 11. September“, sagt sie. Gerade am Weg zum Training in Kalifornien war sie, als der erste Jumbo den Nordtower des „World Trade Center“ traf. Jetzt scheint die Erinnerung an die erste echte Amerika-Attacke auf dem Riesenschiff regelrecht mitzuschwimmen. Schulkinder aus New York hätten eine Gedenktafel für die in den Twin-Tower-Inferno gestorbenen Feuerwehrleute geschickt, die jetzt an der Wand im Briefing Room hängt. Fast jeder Jet ist mit Symbolen und Gekritzel in Sachen „Nine-Eleven“, wie die Amerikaner den 11. September nennen, versehen – alles von „Let´s Roll“ bis „We will never forget“. Darunter mischt sich aber auch kindliches, Cartoons wie Mickey Mouse mit einer Bombe, eine stechende Biene, oder, etwas verspätet, „Frohe Weihnachten an alle“. „Nose Art“, Nasenkunst, heißt die Tradition des Fliegerbemalens, die es seit dem zweiten Weltkrieg gibt. Doch ist sie überzeugt, dass eine Attacke des Irak gerechtfertigt ist? Ihre persönliche Meinung will sie – auch für das scheint die Crew perfekt ausgebildet worden zu sein – nicht preisgeben, man werde die Befehle ausführen. „Doch viele waren enorm enttäuscht, als die nach sechs Monaten geplante Heimreise abgeblasen worden war“, sagt Callahan. Nun hätten sich alle erfangen, Teamgeist und Motivation sei zurückgekehrt. „Wir sind bereit“, sagt sie zum Abschied. Scheint irgendwie die Standardverabschiedung nach Medien-Interviews zu sein.

Johnney Mason wartet geduldig in einer Freizeit-Einrichtung aus Computer-Raum, Bibliothek und Lounge im dritten Untergeschoß auf seine halbe Stunde Zeit zum Verschicken von Emails. Seit Juni des Vorjahres hat er seine Frau und seinen nun zweijährigen Sohn nicht gesehen. Ablenken würde ihn, dass er einen der wichtigsten Jobs an Bord hat. Der 21-jährige aus Dallas, Texas, ist für die Instandhaltung der Stahlseile zum aprupten Abbremsen der Jets verantwortlich. Vier dieser Seile sind quer über die Landepiste, in 12 Zentimeter Höhe gespannt. Eines davon muss das Flugzeug beim Aufsetzen mit 240 Stundenkilometer mit einem 2,4 Meter langen Hacken am Heck erfassen: Dann spannen sich die Seile, in nur 96 Metern kommt das Flugzeug zum Stillstand. Die Kräfte sind enorm, die Jets landen mit Vollgas, für den Fall, dass sie keines der Kabel erwischen und nochmals durchstarten müssen. Funken sprühen bei jeder Landung von den zwei Stahlrollen als Verankerung am Deck. Mason befindet sich da genau unterhalb, checkt die gut fünf Meter langen Brems-Zylinder und die über mehrere Rollen geführten Seile. Nach 150 Landung müssen die „Wires“ generalüberholt, jede Faser geprüft werden. „Die Piloten geben ihr Leben in meine Hände“, sagt er stolz. Die Navy sei er eigentlich beigetreten, um seine Familie ernähren zu können – doch nach dem Imageschub der Militärs in den USA ist er jetzt glücklich über seine Entscheidung. Einer seiner Nachbarn, ein Kriegsveteran, habe ihm eines Tages auf die Schulter geklopft, und gesagt, wie stolz er auf ihn sei. „Das war das schönste Erlebnis meines Lebens“, schwärmt er. Bisher war der Stolz der Familie eher sein Bruder, Basketball-NBA-Profi Desmond Mason bei den „Seattle Supersonics“. Er entschuldigt sich, setzt sich an den Computer. Seine Frau habe ihn für heute eine neues Foto seines Sohnes Rubin versprichen. Es ist eine Vaterschaft per Email-Attachments.

Auch Tageslicht bekommt er selten zu Gesicht, wie die tausenden Seeleute in den 17 Unterdecks auch. Fragen nach dem Wetter bleiben unbeantwortet, keine Ahnung, wen kümmert es. Die Lincoln ist organisiert wie eine Kleinstadt, samt Postamt und eigener Postleitzahl, TV- und Radiostationen, eine Zeitung, eine Feuerwehr, Spital, Supermarkt, Frisör-Läden. Allein um die beiden Reaktoren tief im Schiffsbauch kümmern sich 450 Menschen. Nein, seine Frau wundere sich schon lange nicht mehr über seinen Job, lacht Scott Wachen. Der 37-jährige aus Indiana ist „Shooter“, letztverantwortlich für das Hinauskatapultieren der Flugzeuge. Sekunden vor dem Start steht er zwei Meter neben den bereits mit Vollgas röhrenden Düsentriebwerken, hebt zum letzten Mal die Hand, geht in den Knie und deutet mit gestreckter, rechter Hand nach vorne. Übersetzt: Go! Dann reißt das Katapult den Jet kontinuierlich beschleunigend nach vorne, weniger als zwei Sekunden später schießt er über die Kante. Ein kurzer Ruck erfasst den Schiffsgiganten. Starts können in Intervallen bis zu 37 Sekunden am Tag und einer Minute in der Nacht erfolgen, sagt Wachen stolz, besonders natürlich in Kriegseinsätzen. 220 Leute befehligt er, vollste Konzentration wird gefordert. Geprüft wird das Gewicht der Jets für die Einstellungen des Katapults, dazu kommen Windrichtung und -stärke, sowie Außentemperatur. „Diese Werte werden innerhalb weniger Sekunden von dutzenden Leuten rund um das Flugzeug mehrmals gecheckt“, sagt er. Falsche Einstellungen haben in der Vergangenheit zu Katastrophen geführt, eher jedoch bei der Landung – wenn das Stahlseil sich zu weit dehnt, der Jet für das Durchstarten zu sehr abgebremst ist und wie in Zeitlupe über die Bordkante kippt. Ob er glaubt, für eine gerechte Sache täglich im heißen Abluftstrom zu stehen, angesichts der weltweiten Proteste? „Ich habe fast keine Zeit zum Fernsehen“, sagt er verärgert. Er konzentriere sich auf seine Job, das Demonstrieren überlasse er gerne anderen.

Bill Sinyard, ein echter Haudegen mit Zahnlücke, ist der Waffenmeister des Schiffes. 105 Leute arbeiten für ihn: Sie alle tragen rote Sweatshirts, Be- und Entladen die Jets mit Bomben aller Kategorien von 500- bis 2.000-Pfündern, Raketen, Munition. Am Deck lagern die Waffen gleich hinter dem Tower mit der makaberen Bezeichnung „Bomb Farm“. Jeder sei für jede einzelne Waffenkategorie monatelang ausgebildet worden, sagt Sinyard. Als Worst-Case-Szenario bezeichnet er, wenn eine Bombe beim Kampf-Einsatz nicht explodiere. Zur Zeit kommt der Großteil der Bomben unverbraucht retour. Bald könnte es aber stressig werden, wenn statt Instandhaltung blitzschnell nachgeladen werden muss. Die Frage, ob er manchmal seinen Job makaber finde, würgt er harsch ab. Es folgt die Standard-Floskel: „Wir sind trainiert, unseren Job so gut wie möglich zu verrichten“.

Ein wenig diskutiert über den Showdown in der weiten Welt außerhalb der Abraham Lincoln wird mitunter in der Offiziersmesse. Schlecht behandelt fühle man sich hier als Amerikaner. „Wir werden ja mehr kritisiert als Saddam Hussein selbst, der sich seit zwölf Jahren der Entwaffnung entzieht“, sagt einer. Doch die Runde ist sich sicher, dass die Weltmeinung letztendlich nicht den Ausschlag geben wird: Wenn sie ihre Befehle aus Washington erhalten, werde man sie umgehend exekutieren.