Print Friendly, PDF & Email

Arnie
Arnie bei einem Wahlkampfstopp

Trotz seiner beginnenden Politkarriere blüht Arnold Schwarzenegger erst richtig auf, wenn er Entertainer sein kann. Als ihm bei einem Auftritt am Rande einer Veranstaltung des von ihm gegründeten Jugendorganisation „Inner City Games“ eine Frau ihr Handy hinhält, ruft, es sei ihre Schwester dran, zögert „Arnold“, wie ihn hier jeder nennt, keine Sekunde: Er nimmt das Telefon, sein Gesicht leuchtet auf als er hineindröhnt: „Hasta La Vista, Baby!“ Die Frau strahlt, ihre Stimme hat der Republikanische Frontrunner für die „Recall“-Gouverneurswahlen ganz sicher. Es muss wohl getan haben, für ein paar Sekunden wieder in die alte Filmrolle des „Terminator“ flüchten zu können. Denn der Wahlkampf wird zusehens zur ekelhaften Schlammschlacht voller persönlicher Untergriffe: Niemand sollte zum Gouverneur gewählt werden, sagte Amtsinhaber Gray Davis – der am 7. Oktober per Volksbescheid abberufen werden könnte – der den Namen des Staates nicht einmal ordentlich aussprechen könne. Arnie kontert auf den Angriff gegen seinen Austria-Akzent mit Sarkasmus: „Er mag halt nicht, wie ich Califooornia ausspreche, so wie er andere Worte nicht mag, etwa: Budgetdefizit, Energiekrise, Recall. Beim Handshake mit mir stellt er sicher, dass er solche Attacken auch wegen seiner Landsleute persönlich nehme: „Ich liebe mein Land“, sagt er – und wird von seinen Helfern zur Türe hinausgeschoben.

Der Austro-Amerikaner – der als möglicher „Governator“ des mit 35 Millionen bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat und der fünftgrößten Wirtschaft weltweit (wie Frankreich) für die Story des Jahres sorgt – lernt Politik im Schnellsiedekurs, wie ich bei der Begleitung von Arnie on-tour beobachten konnte: Geschickt bahnt er sich den Weg stets mit zwei Bodyguards gleicher Statur an der Seite durch wilde Paparazzi-Horden, mitunter Eier werfender Gegner oder jubelnder Fans; drückt Hände und schreibt Autogramme mit stets fotogenen und strahlendem Lächeln fast bereits so perfekt wie Bill Clinton – und stellt sich nun täglich in Pressekonferenzen den harten Fragen der US-Politreportern. „Dabei, und das scheint am Bemerkenswertetsten“, sagen Beobachter, wird er immer selbstsicherer, schlagfertiger, oft sogar wirklich witzig“. Als er am Uni-Campus in Riverside mit einem Ei beworfen wurde, sagte er trocken: „Der Typ schuldet mir Schinken“.

Mindestens einen Termin absolviert Arnie pro Tag, etwa im erzkonservativen Orange County. Im Ritz Carlton mit Traumlage an den Klippen über dem tiefblauen Pazifik in Laguna Nigel holt er sich zwar die offizielle Unterstützung der kalifornischen Wirtschaftskammer ab, doch seine beiden wichtigsten republikanischen Widersacher – Repräsentant John McClintock und Olympia-Organisierer Peter Ueberroth – haben die Mehrheit des „Orange County“-Reichenbezirk hinter sich und machen keine Anzeichen, zugunsten Arnies aus dem Rennen zu scheiden. Der stellt sich neben den Rosenbeeten dem ihn stets belagernden Medientross und legt für viele Kampagnenbeobachter überraschend professionell erste Details seines Programms zur Sanierung Kaliforniens dar: Kassasturz, Einfrieren der Ausgaben (außer im Schulbereich), keine Steuererhöhungen. Erstmals wirkt Arnold wie ein Politiker, eine Rolle, wo ein wenig sein natürliches Charisma und seine Strahlkraft verloren zu gehen scheinen.

Columbo
Arnie-Kumpel Columbo: „Unbändiger Wille“

Völlig anderes ist die Szenerie wenige Stunden später – Arnie legt mit zwei Auftritten einen politischen Großkampftag ein – am Santa Monica Boulevard, Nummer 1348, wo sein Wahlkampfbüro offiziell eingeweiht wird. Davor stehen 20 Demonstranten einer Riege milchgesichtiger Arnie-Helfer mit weißen T-Shirts gegenüber: Protestiert wird gegen Vorwürfe des Sexismus und Rassismus, es sind meist Männer, einige von ihrer Hippiekarriere derart geschwächt, dass ihre krächzenden „terminate the Terminator“-Rufe fast nicht zu hören sind. Arnie kontert bei seinem Auftritt mit seiner Geheimwaffe, JFK-Nichte und Gattin Maria Shriver. Er zieht sie an der Hand in den Saal, küsst sie auf den Mund (nicht so lange wie einst Al Gore, aber natürlicher) und posaunt stolz aus: „Das ist die beste Frau der Welt!“ Offensichtlich ist, dass sich Arnie unter den Menschen wohl fühlt, aufblüht, Witze reißt und sich nur schwer von seinen Beratern von der Bühne schieben lässt.

Maria Shriver, seine glanzvolle Journalistinnen-Gattin aus dem Kennedy-Clan, galt stets „als Bremsklotz mit Veto-Power“, so die L.A. Times, einer wahrscheinlich schon lange in Arnies Kopf konzipierten Politikerlaufbahn nach dem sich abzeichnenden Ende seiner Filmlaufbahn (T3 war weltweit zwar ein Erfolg, doch zuvor gab es eine Serie mittelmäßig erfolgreicher, von Kritikern zerpflügter Streifen). Doch nun steigt sie, obwohl Demokratin und von NBC beruflich wegen Interessenskonflikten freigestellt an der Seite ihres Republikaner-Husbands auch öffentlich voll in den Wahlkampf ein, nachdem sie zuvor eher im Hintergrund bereits die Fäden im Wahlkampfbüro zog, inklusive dem Anheuern von Mitarbeitern und strategischen Entscheidungen. „Ich wäre nicht dort wo ich bin in meiner Karriere als Journalistin ohne seine Unterstützung“, sagte sie bei ihren ersten öffentlichen Auftritt seit der Kandidatenanmeldung zu Beginn der Kampagne. Jetzt absolviert sie, teils tausend Kilometer von ihrem Gatten entfernt, separate Wahlkampftours. „Es ist ironisch, dass sie jemand so weit weg vom Familien-Geschäfts der Politik zum Gatten wählte – und nun doch wieder im Familiengeschäft landet“, sagt Freundin und CBS-Produzentin Roberta Hollander. Jetzt könnte sie Arnold vor allem die Stimmen von Demokratinnen bringen, die sich wegen ihr komfortabel genug fühlen, für den moderaten Republikaner zu stimmen, sagt Bill Carrick, ein Demokraten-Politkonsulent – besonders auch nach der Aufregung um das Interview mit dem Erwachsenenmagazin „Oui“ aus dem Jahr 1977, wo der junge Muskelmann über Gruppensex und Penisgröße schwadronierte.

Die spontane Entscheidung für den Polit-Quereinstieg und der enorm kurze Wahlkampf – bis zum Dienstag, dem 7. Oktober – sind es gerade noch dreieinhalb Wochen – muss Arnie relevante Fakten in Rekordzeit einpauken: 12 Stunden lang ist sein tägliches Pensum, zwischen den Wahlkampfzeiten erhält er Unterricht von Experten – alles von den Raffinessen des kalifornischen Stromnetzes, das obskure Steuersystem, voller per Volksabstimmungen durchgesetzter Restriktionen (wie bei der Grundsteuer), Ölbohrpläne vor der Küste bis zum Schulsystem. Die Polit-Schulstunden finden mal im Kampagnen-Hauptquartier in Santa Monica statt, mal beim Dinner in seinem Restaurant „Schatzi“, mal bei ihm zu Hause am Küchentisch in seiner Riesenvilla im LA-Stadtteil Pacific Pallisades. Gerne liest Arnie während der Vorträge in den Papieren mit, berichten seine Politlehrer und nach Stunden von Frage- und Antwortspielen übersetzt er selbst die kompliziertesten Probleme in simple und prägnante Kurzsätze, wie in seinen Filmen. Den Einfluss spendierfreudiger Lobbyisten in Sacramento „arnoldisierte“ er etwa so: „So funktioniert das: Geld kommt rein, Gefallen kommen raus, die Bürger verlieren!“ Doch trotz allem Fleiß, fokusierten Arnies Tutoren auf nichts mehr als politisches Basiswissen, sagt der Politik-Research-Kampagnen-Direktor Paul Miner: „Was ihm an Detailwissen fehlt macht er durch seinen Hausverstand und als Übersetzer für den einfachen Bürger wett“. Eines der zentralen Themen des Polit-Paukens ist Arnies Schwäche im Umgang mit den ihn belagernden Medien: „Er verhedert sich in noch zu oft in widersprüchliche Details, lässt sich Ablenken, vergisst seiner Message treu zu bleiben“, sagt ein Insider.

Sonst hat Schwarzenegger ein imposantes Berater-Team versammelt: Ein Co-Chairman ist etwa Ex-Gouverneur Pete Wilson, der 1991 einen ebenfalls defizitären Staat übernahm und dann Jobs und Budgetüberschusse erzielte, doch wegen seiner fremdenfeindlichen Politik für viele verhasst ist; ein weiterer der telegene Repräsentant David Dreier, einst liiert mit „Traumfrau“ Bo Derek, der dritte Chairman ist Hispanic-Politaufsteiger Abdel Maldonado aus Santa Monica. Dazu kommt der in Sacramento hochangesehene und bestens vernetzte Profi Bob White und George Gorton, der Russlands Boris Jelzin 1996 zur Wiederwahl verhalf, als Chefstratege. Die noch eher belanglosen Arnie-TV-Spots produziert Don Sipple, den viele jedoch noch als Produzenten des xenophobischen Antieinwanderer-Spot „They just keep coming!“ (Der Strom reißt nicht ab) in unliebsamer Erinnerung haben. Harvey Rosenfield, ein Bürger-Advokat, kritisiert, dass sich Arnie als Outsider verkauft und sich gleichzeitig an Insider ausliefert, und hat gleich eine Idee für eine Filmszene: „In dem Skript wird der Held von den Robotern überwältigt, vor denen er die Bürger eigentlich beschützen hatte wollen“.

Wichtige politische Einstellungen in sozialen und gesellschaftlichen Fragen enthüllte der mögliche Governator nach einem Bombardement durch den erzkonservativen Radio-Talker Sean Hannity. Er befürworte das Recht der Frauen auf Abtreibung sowie Marijuana-Konsum als medizinischen Gründen, sowie strengere Waffengesetze (wohl um jede Kritik an seinen blutrünstigen Leinwandgemetzel abzuwürgen). Nicht anfreunden kann sich Arnie mit der Legalisierung der Homo-Ehe (der Katholik will den Bund exklusiv „nur für einen Mann und eine Frau“, wie er sagte, doch unterstütze eine Art Partnerschaft mit rechtlichen und finanziellen Verbesserungen für gleichgeschlechtliche Paare). Arnie, obwohl selbst Einwanderer, ist strikt gegen eine Initiative, die illegalen Immigranten zu Führerscheinen verhelfen soll.

ArnieFan
Arnie-Fan am „Muscle Beach“: Aufräumen mit den Demokraten…

Doch wer sind seine Wähler? Ron Kennigton etwa, ein 32-jähriger Bodybuilder, der während einer Trainingspause in der weltberühmten Freiluft-Kraftkammer am „Muskel Beach“ in der LA-Strandgemeinde Venice seinen Frust über den „Roten Davis“, wie er den Gouverneur Gray Davis nennt, Sozialisten und Liberale, die Kalifornien in den Abgrund geführt und ein 38 Milliarden Dollar Budgetloch zu verantworten hätten, rauslässt. Wie „besoffenen Seeleute“ regierten sie den Staat, verschwenden das Geld „für Ausländer, Schwule und politische Korrektheit“. „Arnie hat seine Intelligenz als erfolgreicher Geschäftsmann bewiesen“, erklärt Kennigton in der grellen Nachmittagssonne. Es hätte ihn zwar gerne konservativer, wie sein Idol Ronald Reagan, doch würde ihm sicher die Stimme geben. Joe Klewein, einem Service-Techniker aus Santa Fe Spring im Großraum L.A. gefällt Arnies Outsider-Image: „Er ist noch unverdorben von der Politik und wird frischen Wind nach Sacramento bringen“, sagt er fast wie in einem Werbeslogan.