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Governor Office
Fenster zu Arnies neuem Büro

Recht unscheinbar ist es, das Zentrum der Macht, von dem Kalifornien-Gouverneur Arnold Schwarzenegger künftig die fünftgrößte Volkswirtschaft der Erde regieren wird. „Governor“ steht in goldenen Blockbuchstaben über einer unscheinbaren Holz-Doppeltüre im Erdgeschoss eines schlichten Zubaues aus den 50igern zum Kapitol-Gebäude, Downtown Sacramento. Dahinter ein kleiner Empfangsraum, Büros der Mitarbeiter, Arnold selbst wird im Südosteck regieren, zwei Fenster, ein massiver Holzschreibtisch. Sonst ist der Raum kleiner als etwa sein Büro in Santa Monica. Zwei Bäume dicht vor dem Fenster nehmen viel des Sonnenlichtes weg, der Raum ist düster. Das „Governor Office“ erreicht man auch direkt per Lift von der Garage einen Stock darunter. Dort parkt, als ich mir das ansehen, noch die schwarze „Lincoln“-Limo des abberufenen Gray Davis. „Falls Arnold mit seinem Hummer fahren möchte“, scherzt ein Sicherheitsbeamter, „wird er nur knapp durch die niedrige Einfahrt passen“.

Prunk passt nicht zur Philosophie amerikanischer Regierungs-Stätten. So findet der Polit-Quereinsteiger aus Hollywood – der im 2,5-Hektar-Areal im Hügel-Idyll „Pacific Palisades“ residiert – einen schlichten Arbeitsplatz vor. Auch die Kalifornien-Kapitale Sacramento, nordöstlich von San Francisco in einer staubigen Ebene gelegen, kann keinesfalls mit dem Highlife in L.A. oder Frisco mithalten – wenig lindernd ist der Rekordbuch-Eintrages für die größte Baumdichte aller US-Metropolen: 420.000 Einwohner hat Sacramento, rund um den weißen Kuppelbau des Kapitols (inklusive Senat und Repräsentantenhaus) sind weitere Verwaltungsgebäude des 36-Millionen-Einwohnerstaates zu finden. Die früher als übergroßes Kuhdorf verschriene Beamten-Metropole hat im Zentrum mit Palmen-umrandeten Plätzen und Straßencafes heute eine mondäneren Charakter – doch zitieren kalifornische Zeitungen gerne die angebliche Abneigung der First Lady Maria Shriver, in die Hauptstadt zu übersiedeln.

„Es wird der Famile Schwarzenegger nicht erspart bleiben“, erzählt mir Bob Fairbanks, Polit-Reporter seit 45-Jahren und Herausgeber des Newsletters „Capitol Morning Report“, als mich durch das Regierungsviertel führt: In seinem Palast in L.A. zu bleiben, würde von den Bürgern als arrogant angesehen werden. Doch Arnie könnte dem Beispiel Ronald Reagans folgen, der 1966 von Hollywood in die Steppenstadt zog: Der hätte sich eine Riesen-Villa im Reichenbezirk „Fabulous Forties“ gekauft, und die Schickeria Kaliforniens fast täglich am Pool versammelt, so Fairbanks: „Sogar Nancy konnte sich damit anfreunden“. Arnie-Kenner erwarten, dass sein privater „Gulfstream“-Jet oft für den 50-Minuten-Flug zum Einsatz kommen wird. Und Arnie kann das exklusive Pendeln aus seiner eigenen Taschen locker bezahlen.

Fairbanks
Sacramento-Veteran Bob Fairbanks

Politisch schlägt dem per Erdrutsch gewählten Schwarzenegger eine Welle der Euphorie und Aufbruch-Stimmung unter den gut 4.000 in Ämtern und Lobbyisten-Büros werkenden Mitgliedern der Hauptstadt-Elite entgegen, hat Veteran Fairbanks ermittelt: „Politik ist wieder interessant“, sagt er: „Wenn Arnold den Schwung aus den Wahlen mitnimmt und keine zu radikalen Schritte plant, wird sich kaum jemand ihm widersetzen“. Und wieder vergleicht er mit Reagan, „dessen Wahl Politik für die meisten Bürger interessant machte und der mit Leadership fehlendes Detailwissen wettmachte und für Triumphe in Sacramento sorgte“.

Arnies spektakulärer Recall-Sieg hat in den Korridoren der umliegenden Büro-Türme für hoffnungsfrohes Summen gesorgt, sagt Lobbyist Terence McHale, der die Interessen von Firefighters und Polizisten vertritt: „Es ist wie im Märchen des wach geküssten Frosches“, sagt er – und ist irgendwie begeistert, obwohl durch Arnolds erstem angekündigten Schritt – der Rücknahme der Autosteuererhöhung – fortan vier Milliarden Dollar in den Gemeindekassen fehlen werden. Doch wer sind Arnolds Feinde? Der 40-köpfige Senat und das 80-köpfige Repräsentantenhaus, die beide den Gang runter von Arnies Büro Gesetze beschließen, ist dominiert von Demokraten – „und unter denen sind eher die Linksaußen in der Mehrheit“, sagt der Lobbyist. Doch er erwartet nicht, dass sie den Governator völlig blockieren werden: „Er könnte in deren Bezirken für ihre republikanischen Gegenspieler die Wahltrommel rühren oder einfach die Bürger per Volksentscheid entscheiden lassen“.

In Woche Eins nach dem Wahltriumph schienen die politischen Flitterwochen noch anzudaueren. Relaxed stellte sich Arnie 200 Reportern, lockerte erste hartnäckige Fragen nach Substanz mit humorigen Kurzstatements auf. „Was für eine laute Stimme“, kommentierte er etwa die „Mr. Governor“-Rufe einer lokalen Reporterin. Am nächsten Tag trat er vor die bereits wesentlich geschrumpfte Journalisten-Armada („Das ist wie am Tag nach der Kino-Premiere“, scherzte einer, „man bekommt leicht die besten Plätze) mit den Worten: „Schaut nicht so finster“. Dann nach einer Pause: „Ahhh, schon viel besser“. Die ihm nach dem Ende nachgerufene Frage, ob er zu den Vorwürfen der sexuellen Belästigung noch Stellung nehmen wird, kommentierte er leicht verärgert: „Old News“ seien das.

Hinter den Kulissen läuft jedoch unter Hochdruck die Bildung eines schlagkräftigen Regierungs-Teams, das ein Komitee der „besten und gescheitesten“ Kalifornier zusammen stellen soll: 65 Frauen und Männer, angeführt vom bereits im Wahlkampf Feder führenden Republikaner-Feschak David Dreier (Ex-Mann von Bo Derek), mit dabei liberale Politiker wie San Franziskos Bürgermeister Willy Brown, der greise und erzkonservative Ex-Außenminister George Shultz, Hewlett-Packard-Techkonzernchefin Carly Fiorina, Rabbi Abraham Cooper, Vize des „Wiesenthal Centers“ bis Filmregisseur Ivan Reitman, der den Arnie-Film Six Days dirigierte. Ideen und Lösungen kann Arnie schnell gebrauchen: Nach dem notdürftigen Zupflastern des 38-Milliarden-Dollar-Budgetlochs, fehlen jetzt bereits wieder zehn bis 20 Milliarden Dollar in den Kassen. Das nächste Budget muss bis 10. Jänner fertig sein – und Bedarf einer Zwei-Drittelmehrheit im Kongress.

Riordan
Riordan, Sullivan, Bauernebel: „Bester Gouverneur“

„Wenn man die Verfassung nicht ändert und er nicht US-Präsident werden darf, kann er nur mehr Gott werden“, scherzt der ehemalige Bürgermeister der Vier-Millionen-Metropole Los Angeles, Richard Riordan, über den Höhenflug des Einwanderers. Riordan, wie Schwarzenegger ein moderater Republikaner, hatte sich im Vorjahr um die Gouverneurs-Kandidatur bemüht, unterlag jedoch in einer ekeligen Vorwahlschlammschlacht gegen den Rechtsausleger Bill Simon, der dann wiederum im aufgeschlossenen Kalifornien gegen Davis verlor. Auch für die Recall-Wahl stand der 72-jährige bereit, doch steckte er zurück als sein Freund Arnold antrat. Ich treffen den Polit-Veteran, gekleidet leger im Jogging-Anzug, mit meiner Kollegin Evie Sullivan im berühmten „Shutters“ an der Strand-Promenade Santa Monicas zum Abendessen. „Arnold richtet schönen Grüße aus“, sagt er gleich, er ist nach Idaho am Weg in die Berge, um mit seiner Familie einmal richtig auszuspannen. Warum hat Arnie so überlegen gewonnen? Durch seine Starpower hatte er einen guten Einstieg mit 22 Prozent, sagt Riordan: „Und dann hat er bewiesen, dass er das Zeug dazu hat, Kalifornien zu regieren und aus der Krise zu führen – am Ende gaben ihm die Bürger mit fast 50 Prozent ein klares Mandat“. Arnold ist der Typ, der Dinge verwirklicht, der nicht zögert, nicht ängstlich zurücksieht und jede Idee aufgreift, sagt Riordan: Einmal habe er ihm als Bürgermeister vorgeschlagen, einen Turnsaal für eine Schule zu stiften. Als Riordan zwei Stunden seine Mitarbeiter bat, ihn zu kontaktieren sagten die: „Arnold hat vor einer halben Stunde schon angerufen und einen Termin fixiert“. Arnold habe immer das Ziel, bester zu werden, erreicht – deshalb wird er auch der beste Gouverneur, den Amerika je hatte, schwärmt der Polit-Veteran.

Doch wird er Anfangs durch den Nachholbedarf in Detailwissen nicht zur Marionette seines sehr konservativen Teams? Riordon winkt energisch mit der Hand ab, „niemals wird er das zulassen, es sind seine Entscheidungen, seine Politik“. Und er werde sich auch mit der Opposition arrangieren, so Riordan: „Mit den Deomkraten in Sacramento hat er ja bereits Kontakte geknüpft – und die selbst hassten ja Davis“. Und auch mit Bush nicht nur wegen der persönlichen Freundschaft zu seinem Vater zusammenarbeiten, sondern auch „weil dort das Geld ist“.

Währenddessen sind die meisten der 8.000 in Kalifornien lebenden Österreicher immer noch im Freudentaumel. „Das ist fortan das berühmteste Lokal der Welt“, freut sich Arnie-Freund und Geschäfts-Partner Charlie Temmel, der das von Schwarzenegger nach seinem Kosenamen für Maria benannte Lokal „Schatzi“ führt: Dort finden jeden ersten Montag des Monats die legendären Zigarren-Nächte satt, wo Arnie gerne vorbeischaut, sich entspannt, Freunde trifft und Verbündete sucht. „Ich hoffe, dass er diese Tradition auch als Gouverneur hoch hält“, sinniert Temmel, der neben dem Schatzi in L.A. auch Eischreme verkauft: „Doch er wird viel zu tun haben in den kommenden Jahren“, bleibt er realistisch. Warum kann Österreich eigentlich so stolz sein auf Arnie, der ja in Kalifornien zum Superstar wurde? Das Fundament seines Erfolges wäre in Österreich gelegt worden, sagt Temmel energisch: „Die enorme Willenskraft und Selbstdisziplin hat er seiner strengen Erziehung zu verdanken, Schmäh und Tüchtigkeit hat ihm ebenfalls geholfen bei seinem kometenhaften Aufstieg in Amerika“.

Am Tag nach Arnies rauschender Siegesparty im „Century Plaza Hotel“ sitzt Österreichs Konsul Peter Launsky-Tiefenthal im Kaffee in der Lobby und strahlt. „Unbezahlbar, unbezahlbar“, schüttelt der Diplomat den Kopf – und meint damit nicht nur die Tourismus-Werbung durch den Triumph des Governator aus Austria. „Ich nenne ihnen ein konkretes Beispiel“, führt er aus: „Microsoft ist auf der Suche nach einem Standort für die Eroberung des osteuropäischen Marktes von immerhin 75 Millionen Menschen – und Austria klingt hier nicht nur wegen der Geographie plötzlich um einiges attraktiver“. Launsky-Tiefenthal hält auch den persönlichen Kontakt zum künftigen Gouverneur aufrecht, manchmal mit fast körperlichen Einsatz als er Arnie beim Verlassen einer Pressekonferenz nacheilt, um ihm ein Glückwunsch-Schreiben österreichischer Politiker zu übergeben. Immerhin: Österreich hätte einen Fuß in der Tür des Kalifornischen Gouverneurspalastes, ist sich der Konsul sicher. Peter Wolf, Starproduzent in Hollywood, obwohl keinesfalls Republikaner hat Arnie gewählt: „Es ist gut, wenn hier einmal frischer Wind weht“, sagt er und hofft, dass ihn seine Kennedy-Frau vom politischen Drift nach rechts bewahrt.
Für Helga Morgan, Besitzerin des Restaurants „Cafe Vienna“ in Sacramento, bricht ebenfalls eine neues Zeitalter für ihren Betrieb an: „Mit Arnie in Town, kann ich mit meinem Betrieb und leicht daraus Kapital schlagen“. Doch die gebürtige Salzburgerin, die 1974 in den USA auswanderte, will die Arnie-Austria-Connection nicht all zu sehr ausschlachten: „Die Kalifornier reagieren verärgert, wenn man seine Herkunft zu sehr hervorstreicht – er wurde ja hier in Kalifornien berühmt, und ist Gouverneur der Kalifornier“.

„Arnold ist Amerikaner“, sagte mir auch Recall-„Erfinder“ Darrell Issa am Wahlabend. Wie eigenartig ist es für die Kalifornier, nun einen aus Österreich stammenden Gouverneur zu haben? „Wir werden es nicht gegen ihn verwenden“, sagt Ex-Bürgermeister Riordan trocken.