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NewHampshire

Gut, dass John Kerry mit 1.90 Metern so groß gewachsen ist. So sticht der Massachusetts-Senator mit Föhnfrisur und markanten Seitenprofil selbst aus der dichtesten Menschenmenge hervor. Auf drei Podien verteilt warten bei einem Stopp in einer Turnhalle in Manchester, New Hampshire, seine Fans, sie streiten sich mit hunderten Reportern um den Platz: Der Vietnam-Kriegsheld reitet auf der martialischen Welle, die Amerika seit dem 11. September erfasst hat, umarmt den dreifach amputierten Veteranen und Ex-Senator Max Cleveland, erzählt rührende Geschichten von Veteranen am Soldaten-Friedhof in der Normandie. Das Leitthema ist Ehre, Vaterland, Tapferkeit. Ein paar Zuhörer wischen sich die Tränen von der Wange. In der erste Reihe sitzen seine Ex-Kameraden aus Vietnam, wo er als junger Leutnant Kameraden das Leben rettet und fünf Tapferkeitsorden erhielt. „Manche schlüpfen in eine Fliegeruniform und hüpfen aus Propaganda-Gründen auf einem Flugzeugträger herum“, spielt er auf die Rede von US-Präsident George W. Bush auf der „USS Abraham Lincoln“ an: „Sie reden von Patriotismus, doch missbrauchen unsere Armee für mutwillige Kriege – ich schwöre euch, als Präsident ist für mich der Krieg wirklich nur der letzte Ausweg!“ „Kerry! Kerry! Kerry!“, hallt es durch den Saal.
Im Frage-Antwort-Teil zeigt sich Erfahrung des Politprofis mit insgesamt 19 Jahren im Senat, obwohl genau diese Bilanz wegen „liberalen Wahlverhaltens“ von Bush ausgeschlachtet werden wird. Zu jedem Thema hat er Details parat und Lösungskonzepte, mit gleich bleibendem Grundtenor: Bush & Co führen das Land in den Abgrund, belohnen die Reichen und Mächtigen, während die Mittelschicht rackert. „Es wird Zeit, dass wieder jemand für euch kämpft“, trompetet er in den Saal. Kerry ist schlagfertig, teilweise witzig, das einstige Stigma der Abgehobenheit scheint er überwunden zu haben. „Er hat einfach alles“, schwärmt der Student Steve MacDonald: „Die richtige Persönlichkeit, das beste Programm und die größte Chance, Bush zu schlagen“. Und durch die Ehe zu Heinz-Milliardenerbin Teresa schwärmt die „New York Post“ von einem „Kerry Camelot“ in Anspielung an den Kennedy-Kult Amerikanischer Royals. Stiefsohn Chris Heinz ging früher etwa mit Hollywood-Star Gwyneth Paltrow aus.

„Comeback Kerry“, wie er sich nach dem überraschenden Triumph in Iowa taufte, ist das Tagesthema des Demokraten-Vorwahl-Thrillers zur Bestimmung des Bush-Gegenkandidaten. Doch neben Kerry haben der Ex-Vermont-Gouverneur Howard Dean, Ex-NATO-General Wesley Clark und der Seantor aus dem Süden, John Edwards, intakte Chancen in dem Vorwahl-Marathon. Ich beobachtete die Spitzenkandidaten bei ihren Vorwahl-Auftritten: Wer sind sie? Für was stehen sie? Und wie begeistern sie die Massen?

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Kerry und Bauernebel

Ähnlich beeindruckend wie Kerrys, wenn nicht noch spektakulärer ist der Lebenslauf von Vierstern-General a.D. Wesley Clark. Vor jedem Kampagnen-Auftritt läuft ein 30-Minuten-Video, professionell geschnitten, oft bewegend: Mit sonorer Stimme erzählt Clark berührend vom Tod seines Vaters Benjamin, einem jüdischen Immigranten aus Russland, als er vier Jahre alt ist; seiner Karriere als „Rhodes Scholar“-Elitestipendiant und Klassenbester in der Top-Militärakademie „West Point“, dem ersten Rendevous mit Gattin Gert, seinem Einsatz in Vietnam, als er von einer AK-47-Maschinenpistole durchsiebt, schwer verletzt nach Hause kam.
Als NATO-Chefkommandant wird er mit dem 73-tägigen Kosovoluftkrieg 1999 weltberühmt. Auf den verweist er gerne als erfolgreiche Gegenthese zum Irak-Fiasko: „Die Internationale Gemeinschaft war eingebunden, der Diktator Slobodan Milosevic wurde besiegt, die Menschen jubelten uns zu – kein einziger US-Soldat kam ums Leben und die ganze Welt hilft beim Wiederaufbau“, poltert er. Seine persönliche Lebensgeschichte steht im Vordergrund seiner Kampagne, angereiste Zeitzeugen preisen ihn – darunter James Rubin, der fesche Außenamtssprecher unter Clinton und Ehemann von CNN-Star Christine Amanpur, der von Clarks „stählerne Nerven“ und „cooler Leadership“ berichtet.

Der Quereinsteiger lernt das Politgeschäft schnell, seine Konzepte sind Detailreicher, trotzdem wirkt er oft ein wenig steif und nur zögerlich springt der Funke zum Publikum über. „Die Mischung als Militärmann, Südstaatler und politischem Quereinsteiger macht ihn zum Kandidaten mit den besten Chancen“, so Werbegrafiker Andres Caamano- Er bleibt dabei pragmatisch: „Bush ist schwer zu schlagen und deshalb brauchen wir den stärksten Kandidaten“. Innenpolitisch gibt sich Clark so liberal wie die meisten anderen Kandidaten – wettert gegen die „Stealth“-Attacke auf die Unwelt durch Bush, ausufernde Gesundheitskosten, wachsende Armut, Kriegsprofiteure á la Haliburton im Irak. Auf Clarks Seite hat sich nach Poplegende Madonna auch Provokateur Michael Moore geschlagen, der jedoch nach dem Vorwurf im Beisein Clarks, Bush sei ein Deserteur, ihn zur Zeit mehr Probleme als Popularität bringt.

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Clarke und Bauernebel

Das Weiße Haus hatte sich schon auf Howard Dean, den gedrungenen Ex-Gouverneur von Vermont mit der messerscharfen Zunge, als Gegner im November eingestellt – als seine Kampagne mit einem Desaster in Iowa und dem folgenden Wahlparty-Gebrülle fast gänzlich entgleiste. Verbissen kämpft Dean um ein Comeback, er setzt auf sein Leitmotiv als „Robin Hood der entrechteten Bürger“, für die er um die Rückeroberung ihres Landes kämpft. „Wir werden ein wenig Spaß auf Kosten von George Bush haben“, eröffnet er etwa ein „Townhall Meeting“ vor 1.200 treuen Fans, „und dann sage ich euch, wie wir den Spuk beenden können“. Dean hat sein aggressive Rhetorik wegen der Image-Probleme durch die Iowa-Schreitirade heruntergefahren, in ruhigeren Tönen rattert der, in der New Yorker Madison Avenue aufgewachsene, vom Wallstreet-Broker zum Vermont-Landarzt und letztendlich Politiker mutierte Dean jetzt die Argumente für seine Kandidatur herunter: Nur er habe gegen den Irak-Krieg gewettert, als eine solide Mehrheit hinter Bushs Irak-Invasion stand. Die Schwulen-Lebensgemeinschaften in Vermont setzte er trotz Putschversuche der Radikalen Rechten durch. „Wichtig ist, zu tun, was man für richtig befindet“, ruft er in den Saal: „Und nicht was populär ist“.

Ein sanftere Version von Dean ist South-Carolina-Senator John Edwards: Der jugendliche Feschak, der so „Time“-Kolumnist Joe Klein eher das Gegenteil des Faltenmittels „Botox“ brauche, schaffte durch sein Talent beim Wahlkämpfen zuletzt eine Überraschung – und gilt bei den Primaries nächste Woche in South Carolina als Favorit. Den besten Wahlkämpfer aller Zeiten, bezeichnete ihn Demokraten-Guru James Carville, bei einem Meeting im Rathaus des Nestes Gorham im eisigen Norden New Hampshires zeigt er warum: Inmitten der kreisförmig, um ihn sitzenden Bürger erklärt der Ex-Anwalt rhetorisch brillant, doch wie der Kumpel von nebenan die Ungerechtigkeiten eines zweigeteilten Amerikas, eines für die Reichen, das andere für den hart arbeitenden Rest des Landes. Dazu regierten unter Bush nur mehr Lobbyisten das Land, und es liege am Wahlvolk, ähnelt dieser Slogan fast frappant Konkurrenten Dean, „die Macht wieder an sich zu reißen“. „Fast alle Kandidaten sind attraktiv“, gibt sich die Pensionisten Maddy Hall unschlüssig, doch dann spricht sie vielen Demokraten aus dem Herzen: „Weniger als auf deren Programme begutachte ich deren Chancen gegen Bush“.