Print Friendly, PDF & Email

KlausWinkler
Klaus Winkler überlebte wie durch ein Wunder

Die Toten liegen gleich neben der Straße. Es sind zwei Reihen, gut 25 Opfer. Es sind Wasserleichen. Sie sind aufgedunsen, schwer zu sagen, ob Touristen oder Einheimische. Körperglieder, Gesicht, Genitalien sind auf groteske Größe angewachsen. Ein Opfer hat keinen Kopf. Es sieht schlimmer aus als selbst im grässlichsten Horrorfilm. Sie sind noch nicht einmal in Säcke verpackt. Es ist 13 Uhr, und sengend heiß. Weit über 30 Grad Celsius. Eine neue Leiche wird herangetragen, sie ist in ein Tuch gewickelt, an Beinen und Kopf an eine Stange befestigt, die zwei Thailänder tragen. Der süßlich penetrante Leichengestank legt sich beim Einatmen auf die Lungen. Ein beklemmendes Gefühl. Wie das Inhalieren einer Zigarette für einen Nichtraucher. Rund um den Leichenberg stehen Rettungskräfte mit Mundschutzmasken, unterhalten sich, starren fassungslos auf den Berg an Toten.

BauernebelKhaoLak
Vor dem „Hotel des Todes“

Ähnlich Szenen spielen sich auf eine gigantischen Fläche ab, zehn Quadratkilometer vielleicht, wo kein einziges Haus mehr steht. Die Katastrophenzone war bis Sonntag morgen das Urlauberparadies „Khao Lak“, jetzt sieht es aus wie nach einem Flächenbombardement – oder „Hiroschima“, wie einige sagen. Der Ort mit den dutzenden Bungalowanlagen – vom sündteuren Fünfsterneparadies „Sofitel Coral Magic Lagune“ bis zum einfachen Strandpension war während der Weihnachtssaison voll gebucht, hier tummelten sich zehntausende Urlauber. Nach den Killer-Wellen steht der Begriff Khao Lak heute für ein neues Ground Zero, nur 100 Mal so groß.

Beim Lokalaugenschein werden die Dimensionen der Katastrophe sichtbar: Nur mehr Gebäudereste ragen aus der plattgewalzten Uferlandschaft – bis zu zwei Kilometer weit ins Landesinnere schwappte die Welle. Nahe des Ortes Khao Lak wurde ein Kriegsschiff der Thai-Marine in einen Wald geworfen, über die Hauptstraße hinweg. Das tonnenschwere Schiff liegt gut einen Kilometer vom Strand entfernt. Das Treibgut hat sich um Bäume gewickelt, Hügel entstehen lassen – es wirkt wie ein Mix aus der zerstörerischen Kraft eines Tornados kombiniert mit einem Erdbeben.

„Ich kann nicht glauben, dass ich das überlebt habe“, sagt Klaus Winkler, 66, aus Wien, der im „Green Beach Ressort“ von der Flutwelle mitgerissen wurde und minutenlang in der Brühe überlebte. Jetzt fährt er mit mir durch das Katastrophengebiet, und sieht erstmals die ganze Dimension der Tragödie. Die Rettungsarbeiten laufen langsam an, doch die Toten liegen auf einer riesigen Fläche verstreut: Unter Treibguthaufen, begraben im Schlamm, der nun trocknet und hart wie Beton wird. Oder sie sind in Gräben und Flussläufe gespült worden, zugedeckt mit Ästen oder Gebäudeteilen. Winkler erinnert sich, wie wenige Menschen er sah, nachdem ihn die Flutwelle freigab. Auch der Anblick einer Leiche kommt zurück ins Gedächtnis, die er in einem Baum hängen sah. „Fast ästhetisch hat das gewirkt“, sagt er. Er selbst stand nackt da, hatte nur eine Badesandale und eine Uhr am Körper.

Tote
Leichensäcke vor den Hotels

Khao Lak könnte auch zum Schauplatz eines Super-GAUs für urlaubende Österreicher geworden sein. Tausende Tote werden in der Desasterzone befürchtet, der Ort war unter Österreichern sehr beliebt, sagt Winkler. Allein bei der einstündigen Durchfahrt beobachte ich des Herantragen von fast zehn Opfern. Besonders dramatisch ist die Lage vor dem Sofitel-Hotel. In dem zum Todeshotel ungetauften Luxusressort sollen fast 80 Prozent der Gäste ums Leben gekommen sein. Es riecht streng nach Leichen, ärger als anderswo. Vor dem Eingang liegen wieder 20 Opfer, notdürftig verpackt in dreckige Tücher. Hundert Meter weiter weg landet auf einem Hügel ein französischer Minister. Manager Oswald Picher führt in die Lobby und zeigt auf den riesigen Garten, wo hunderte ertranken. „Zehn Meter hoch stand hier das Wasser“, selbst in der Lobby, wo man die Stiegen hoch steigen musste, wurden Menschen weggespült. Ein Golfwägelchen hat es in eine Park aus Elefantenstatuen geworfen. Mein Fahrer berichtet, dass, während er wartete, zwei weitere Opfer aus dem Wald getragen wurden.

Erste Zwischenstation der Toten ist eine temporäre Aufbahrungsstätte nahe eines Tempels, wo sich immer mehr Särge stapeln. Die Opfer werden fotografiert, der Name des Hotels auf den Sarg geschrieben, nahe dem sie gefunden wurden. Letztendlich sollen die Toten nach Bangkok geflogen werden – für die Identifizierung durch die Angehörigen. Noch bei der Rückreise schüttelt Winkler den Kopf, über sein unglaubliches Glück.