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Ihr ganzes Leben lang wird sie den Anblick nicht vergessen. Claudia Neumeister war gerade dabei – ausgerechnet an ihrem Geburtstag, dem 7. Jänner – ihren Bruder, Heinz Oswald in einer Aufbahrungshalle in Krabbi zu identifizieren, als ein Mitarbeiter irrtümlich den Leichensack seiner Tochter Anna beim Wegschieben aufriss. „Ich starrte in ihr Gesicht“, sagte sie mit stockender Stimme. Nicht mehr viel wäre davon über gewesen: „Keine Augen, keine Nase, der Mund nur mehr ein Loch – und überall Maden“. Von Heinz wollte sie dann nur mehr die markanten Tätowierungen sehen, die seine Identifizierung als eines der tausenden Todesopfer der Killer-Tsunamis in Thailand zur grauenhaften Realität werden ließ. Froh sei nur, dass ihr Vater Josef nicht mitgekommen ist: „Der hätte das niemals ausgehalten“.

Vergangenen Donnerstag war Heinz Oswald gemeinsam mit seiner zehnjährigen Tochter Anna in einem Tempel in „Phuket Town“ per Feuerbegräbnis nach buddhistischem Ritual bestattet worden – eine weitere zwölfjährige Tochter, Tina, war bereits Tage zuvor in Kho Phi Phi beigesetzt worden. Oswalds Witwe Oi (34), Halbweise Dino (5), Schwester Claudia (39) und Vater Josef erzählen am Folgetag die aufregende wie berührende Lebensgeschichte des Österreichers, die am 26. Dezember ein so tragisches Ende fand. Es war der letzte Tag von Heinz Oswalds 18-Jähriger Aussteigerkarriere, ein Tag, der eigentlich eine neuen Lebensabschnitt einleiten hätte sollen. Die Sachen standen im Erdgeschoß seiner Tauchschule „Moskito“ im Kern des Touristendorfes auf der Trauminsel Kho Phi Phi. Persönliche Gegenstände, Bilder, Mobiliar, Dokumente – alles verpackt für den Umzug nach Phuket, wo er sich gerade eine Villa in der schicken Wohnanlage „Land and House“ gekauft hat. Oswald wollte neuen Geschäften nachgehen, während die von ihm aufgebaute Tauchschule samt zwei Tauchbooten und dem größeren Ausflugsboot „Excalibur“ von einem bereits eingeschulten Manager weitergeführt werden sollte. „Er wollte ein wenig leiser treten, mehr Zeit mit seiner Familie verbringen“, sagt Claudia. Sein Vater fügt an: „Er hatte eine Operation am Herzen, und das war für ihn ein Warnsignal“.

Sofort erinnert er sich an den Beginn des Aussteigerlebens seines Sohnes. Einen 100.000-Schilling-Pro-Monat-Job hatte er, damals 1987, bei „Steyr Daimler Puch“ hingeschmissen, sei nach Phuket übersiedelt – die Gemeindewohnung habe er noch ein Jahr behalten, dann gab er sie auf. „Heinz kam nicht wieder“, erinnert sich Josef. Sein Ex-Chef hatte den Vater sogar angefleht, ihn vom Umzug ins Tropenparadies Thailand abzuraten: „Er ist unser bester Mann“, flehte der.

Doch rasch war die Oswald-Familie stolz auf ihren Heinz: Er baute sich rasch eine Existenz auf, gehörte zu den ersten in den goldenen Gründerzeiten auf Kho Phi Phi, die sich etablieren konnten. Aus erster Ehe mit einer Thailänderin kommt Tochter Tina, nach der Scheidung erhält er das Sorgerecht für das Mädchen, 1995 heiratet er die bildhübsche Oi. Beide haben noch das Mädchen Anna und den Buben Dino. „Dino, da er im Jahr des Drachen geboren ist“, fügt Claudia an. „Wir waren mächtig stolz auf ihn“, sagt sein Vater, der das Tropendomizil seines Sohnes gemeinsam mit seiner Frau zum jährlichen Langzeiturlaub nütze. „Stammgäste aus aller Welt kamen zu Heinz tauchen“, sagt Claudia, „sein Unternehmen hatte einen derart guten Ruf, dass er nicht mehr am Strand nach neuen Kunden keilen musste“. 2003 kehrt Oswald nach 16 Jahren zum ersten Mal in seine Heimatstadt Wien zurück: Stolz steht er auf einem Foto mit seiner Familie vor dem Schloss Schönbrunn.

Komisch kommt der Familie der Anruf zum Heiligen Abend vor. „Heinz wollte einfach nicht aufhören zu reden“, sagt Josef. „Ich hab dich lieb, Papa“ hat er gesagt. „Reden wir noch weiter, sagte er, obwohl ich gar nicht mehr richtig wusste über was“, fügt Claudia an. Sie schüttelt den Kopf, weil es irgendwie so eigenartig war: „Wie eine Vorahnung“. Unheimlich, besonders aus heutiger Sicht. Zu Weihnachten kommen Oi und die Kinder auf die Insel. „Während der Woche gehen sie in Phuket zur Schule“, sagt Oi, während sie ein Fotoalbum mit Schulgruppenbilder der beiden bildhübschen Mädchen herzeigt. Auf einem sind sie alle herausgeputzt im weißen Festgewand. „Weihnachten“, sagt Oi leise, während sie die Tränen zurückhält.

Als die Welle kommt, ist die Familie gerade fertig mit dem Packen für den Umzug. Heinz will noch den Rollbalken vor seinem Geschäft runterziehen, denkt wohl eher an eine Überschwemmung als die Monsterwelle, die binnen Sekunden mehrere Meter hoch das Tropenparadies überschwemmen wird. Oi nimmt den kleinen Dino in die Hände und rennt, Heinz flüchtet mit Anna, die älteste Tina läuft allein voraus. „Papa!“, kreischt Oi, als sie die Welle erfasst. „Ich nannte ihn immer Papa“, sagt sie: „Dort in den Chaos habe ich ihn zum letzten Mal gesehen“. Sie hält Dino hoch, der von Touristen auf das Dach eines Restaurants gezogen wird. Oi selbst wird im letzten Moment selbst aus den reißenden Wassermassen gefischt. „Dabei war die erste Welle gar nicht die schlimmste“, erinnert sie sich. Überall schreien Menschen, verletzt, eingeklemmt unter den Trümmern umgestürzter Gebäude. Minuten später kommt die zweite Flut. „Viele Verletzte sind hilflos ertunken“, sagt Oi, und fügt traurig an: „Auch Heinz, Anna und Tina…“

Die dramatische Rettung von der Todesinsel beschreibt Familienfreund Aron Le Bontillier. Gegen Abend hätten sie ein zu den Tauchbooten gehöriges Schlauchboot gefunden, doch jemand hatte versucht, es zu entwenden und den Motor demoliert. „Wir ruderten mit Holzplanken und Wasserkübel“, so Aron: „Wie in einem Robinson-Film…“. Rundherum ist es totenstill, der Vollmond wirft ein gespenstisches Licht auf die Desasterzone. Zu viert schaffen sie es zum Tauchboot, mit dem auf eine Nachbarinsel, „weil uns dann auch noch am Weg nach Phuket der Sprit ausging“, berichtet Aron.

Die Oswald-Familie hört in Wien im Radio von der Katastrophe. „Von Phi Phi gab es Anfangs gar keine Informationen“, erinnert sich Claudia an die Stunden, dann Tage des Bangens und Hoffens. Erste Anrufe nach Thailand bestätigen die erste lähmende Vorahnung, die die Familie sofort befällt. „Heinz war vermisst, hat es geheißen“, sagt Claudia. Tage später läutet plötzlich zu Hause das Telefon. Am Anrufanzeiger steht „Heinzi“. Vater Josef ruft durch die Wohnung: „Es ist Heinz!“ Es sind nur wenige Sekunden der Euphorie. Denn am anderen Ende ist Oi, die thailändische Handy-Gesellschaft hat ihr bereits die Nummer ihres verstorbenen Gatten übertragen. Oi gibt die Hoffnung, Heinz, Anna und Tina lebend zu finden rasch auf. „Am nächsten Tag kehrte ich nach Phi Phi zurück, um nach ihnen zu suchen – doch die Stelle, wo sie hinliefen war völlig zugeschüttet“, so Oi. Vier Mal kehrt sie auf die völlig devastierte Insel zurück. Erst am 2. Jänner, acht Tage nach der Katastrophe, wird Heinz gefunden, unter meterhohen Schlammmassen, am ehemaligen Marktplatz der kleinen Touristenstadt. „Mein Sohn war alles für mich“, sagt Josef, und ergänzt, dass er sich sogar gemeinsam mit seiner Frau das Leben nehmen hatte wollen wegen der ohnmächtigen Trauer: „Wir haben den Plan rasch verworfen, wegen meiner verblieben Tochter und meinen Enkelkindern“, sagt er.

Dino spielt inzwischen im Garten, er muss wohl traumatisiert sein, doch will es sich nicht anmerken lassen. Als ihm jüngst jemand fragte, wie es ihm gehe, habe er, erzählt Oi fast stolz, ganz trocken gesagt: „Ich habe die Welle überlebt und meine Vater und meine Schwestern sind gestorben“. Oi steht vor einem schwierigen Neubeginn: Zwar blieben die zwei Tauchboote und das Boot Excalibur unversehrt, doch die Tauchschule ist zerstört. Oi will sie wieder aufbauen und von einem Manager führen lassen, sollten es staatliche Hilfskredite oder Privatspenden ermöglichen. Unter den geretteten ist auch ein Bild der Excalibur. „Das war sein Lebenswerk“, sagt Claudia und beginnt bitterlich zu weinen: „Es ist so sinnlos…“