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AlteAirport
Alte warten auf den Abtransport am Airport

Manfred Hosek hat vorsorglich die Schrotflinte geholt, als wir an das Gitter des Anwesens des Altenwohnheims „Lambeth House“ in New Orleans treten. „Das sind keine Plünderer, das sind Österreicher“, beruhigt ihn seine Frau Stefanie, „du kannst das Gewehr wieder weglegen.“ Die Hoseks sind zwei beherzte Österreicher – er ein 62-Jähriger Koch aus Steyr, sie, 52-Jährig, aus Bleiburg in Kärnten – die es in den 80er Jahren in die USA verschlagen hat. Mit zwei US-Kollegen bewachen sie ein nobles Alters-Domizil im Villenstadtteil St. Charles. Die wohlhabenden Pensionisten haben sie längst im 150 Kilometer entfernten Baton Rouge untergebracht, mit dem Kleinbus und Privat-PKWs die alten Leute auf eigene Faust evakuiert. Nun sitzen sie in Plastiksesseln unter dem Vordach des Backsteinbaus, mit Walkie-Talkie, Revolver und Schrotflinte. Nie hätten Sie gedacht, dass sie einmal in die Lage kommen als bewaffnete Bürgerwehr ihre Arbeitsplatz zu verteidigen. In der Nacht wird nur in Schichten geschlafen, einer hat immer Nachtwache. Seit Hurrikan Katrina reagiert auf den Straßen New Orleans das Gesetz des Dschungels. „Erst gestern ist jemand mit dem LKW die Straße vor dem Haus auf und ab gefahren, wir denken, auf der Suche nach Gelegenheiten, zu stehlen. Wir haben mit der Taschenlampe in die Führerkabine geleuchtet, um ihm zu signalisieren: Du wirst beobachtet. Letztendlich ist er dann verschwunden.“

Die Zeit vertreiben sich die Hoseks mit Erzählungen über die dramatischen Stunden, als der Jahrhundertsturm tobte: „Wenn so ein Hurrikan kommt“, erzählt er, „das ist ein Singen, ein Pfeifen, ein Tosen und Dröhnen – einfach unglaublich. Draußen hat man nichts mehr gesehen, nicht einmal den Regen, da war nur mehr diese graue, dunkle, bedrohliche Wand.“ Je näher der Sturm kam, desto ungemütlicher wurde es im „Lambeth House“: „Im 12. Stock, ganz oben, da ist ein Festsaal, alles aus Glas. Wir haben nur mehr das Klirren der Scheiben gehört und sind nach oben. Wenn erst mal der Wind ins Haus hineinfährt, dachten wir, dann reißt der Sturm das Haus förmlich von Innen auseinander.“ Also rannte Manfred Hosek mit dem Manager des Pensionistenwohnheims hinauf und hielten die Türe, die zum Festsaal führt, zu: „Vier Männer haben die Türe gehalten, einmal hat es unseren Direktor einfach durch die Luft gewirbelt.“ Andere haben einen großen Kühlschrank herbeigeschleppt und ihn als Barriere vor die Türe gestellt und die Türe dann verbarrikadiert.

Hurrikan Katrina – ein meteorologisches Monster der Fläche Großbritanniens mit den viertiefsten, jemals gemessenen barometrischen Druck und einem 100 Kilometer (!) weiten Auge – hatte mit Windspitzen von 232 Stundenkilometern die 1,5-Millionen-Einwohnermetropole New Orleans zur größten Geisterstadt der Menschheitsgeschichte gemacht, Küstenstriche der idyllischen “Gulf Coast” in den Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama in ein derartiges Trümmerfeld verwandelt, dass Vergleiche mit Hiroshima hagelte. Dazu schlingerte die US- und Weltwirtschaft seither wie die Erde nach dem Tsunami-Monsterbeben im Dezember. Über eine Woche nach Katrinas Inferno hagelte es immer düsterere Superlativen: 100 Milliarden Dollar Gesamtschaden, wahrscheinlich über 10.000 Todesopfer, die meisten im zu 80 Prozent in einer braunen Giftbrühe versunkenen New Orleans – eine Stadt, die für Monate unbewohnbar bleibt, eine Million Obdachlose zurücklässt und vielleicht nie wieder ein vollständiges Comeback erleben wird. Als weiteren Kollateralschaden könnten Historiker später die Präsidentschaft von George W. Bush hinzufügen, der durch die tödlichen Stümpereien des initialen Rettungseinsatzes politisch am Abgrund steht.

Als wir beim Lokalaugenschein über die “Crescent City Connection”-Brücke mit zwei schwer bewaffneten Leih-Cops – als Sicherheitsbeistand gegen die Teile der Stadt terrorisierenden Plünderbanden – fahren, erinnert die Szene eher an einen Roland-Emerich-Hollywood-Katastrophenfilm: Die achtspurige, gigantische Stahlbogenbrücke ist völlig verwaist, dahinter flimmert die glühend heiße Luft vor der Skyline, unterhalb liegen menschenleere Straßen, übersät mit umgestürzten Bäumen, Dachziegel, Straßenschildern, Ampeln und dem Müll der wüsten Anarchie-Tage. Darüber knattern dutzende Helikopter, schwere, doppelrotorige “Chinooks”, Armee-Hubschrauber, Maschinen privater Rettungsfirmen.

BauernebelSecurity
In New Orleans mit „Privatarmee“

“Und eine noch furchtbarere Zeit werde auf die Amerikaner zukommen”, warnte Heimatschutzminister Michael Chertoff, der nach dem Feuersturm der Kritik wegen dem dilettantischen Rettungschaos wohl das Thema wechseln wollte: “Dann wenn nämlich das abgepumpte Wasser die Leichen freigibt”. 59 Tote waren bis zum Wochenende gezählt worden, meist gefunden in den Dachböden, die zur tödlichen Falle wurden als das Flutwasser in kurzer Zeit stieg. Nur wenige konnten die Ziegeldächer durchschlagen um sich zu retten. Andere wurden im letzten Moment herausgeholt, nachdem sie Feuerameisen attackierten, die, in Kugeln zusammengeballt, auf der Wasseroberfläche trieben.

Warum sind nicht mehr geflüchtet? “Ich wusste nicht, wie ich aus der Stadt rauskommen soll?”, sagt Ackend Kreeger. Er liegt auf einer Bahre, sein linker Fuss aufgeschwollen vom Wundbrand durch das giftige Wasser. Er ist 67 Jahre alt, sieht aber eher aus wie 80. “Ich hatte schon andere Hurrikans überlebt”, fügt er hinzu. Als das Wasser kam, flüchtete er in den zweiten Stock des Wohnhauses, der fast zur tödlichen Falle wurde. “Mein Nachbar, ein ehemaliger Marine, fischte mich heraus”, sagt er: “Ich verdanke ihm mein Leben”. Wo er ist, und ob er überlebte, weiß er nicht.

Überall in der Stadt liegen Tote: Im weltberühmten, europäisch-idyllischen “French Quarter” nahe der Burbon Street wurde einer gefunden, andere trieben, Kopf nach unten, still durch die überfluteten Straßen der Armenviertel im Norden nahe “Lake Ponchartrain”, der nach mehreren Dammbrüchen New Orleans verschlungen hatte. Eine im “St. Gabriel Prison” eingerichtete Obduktionshalle glich dem Horror der Tsunami-Katastrophe in Khao Lak oder Banda Ace: Aufgedunsene Körper, bräunlich verfärbt, grotesk entstellt.

ConventionCenter
Das verlassene „Convention Center“

Im Zimmer 207 des Luxushotels Hilton Post Oak” im 560 Kilometer entfernten Houston springt die fünfjährige Sophie und ihre um drei Jahre jüngere Schwester Caroline auf dem Bett vor Freude auf und ab: “Elektrizität, Elektrizität!”, ruft die Ältere vor Freude. Gerade waren sie, gemeinsam mit ihren Eltern, dem Techniker Christian Ondrusek (45) aus dem niederösterreichischen Scheibbs und seiner amerikanischen Frau Michele (33) von Mitarbeitern des Bundeskriminalamtes vom völlig verwüsteten New-Orleans-Suburb Covington evakuiert wurden – nach sechs endlosen Tagen ohne Strom und schwindenden Vorräten. “Ich hasse den Sturm”, ruft Sophie spontan, als der seit sechs Jahren in New Orleans Ansässige über die Schreckensmomente der Katrina-Attacke auf das Haus seines Schwagers, in das sie vor dem Sturm geflüchtet waren, erzählte. Zehn Leute kauerten zusammen, die Kinder meist im Badezimmer, das zum “Safe Room” deklariert wurde, dem, wie die Amerikaner schon in der Volksschule lernen, stabilsten Raum während eines Wirbelsturmes. Draußen heulte der Sturm, das Haus wackelte, die Fenster vibrierten.

“Und dann immer wieder diese dumpfen Aufschläge”, erzählt Michele: “Bumm! Bumm! Bumm!” Jedes Mal ein neuer Baum, dessen Stamm der Sturm bis zum Brechen in der Mitte verwand, und dann die Krone mit voller Wucht auf Autos, Häuser, Garagen oder in Swimming Pools schleuderte. “Ich musste sie beruhigen”, sagt Christian: “Mit jedem Baumfall kreischte sie angsterfüllt durch das Haus”. Ihr Vater spähte aus dem Fenster, um vor fallenden Bäumen auf das eigene Haus zu warnen. “Run, Run, Run”, rief er dann, und die Kinder, sollten sie sich nicht gerade ohnehin dort aufhalten, liefen in den Safe Room. 12 mal mindestens, glaubt Michele. An den Händen haben sich alle gehalten und gebetet. Niemals vergessen werden sie das panische Heulen der kleinen Sophie, die mit der Verabreichung dutzender, aus Österreich mitgebrachter Kinder-Eier beruhigt wurde. Nur die zweijährige Caroline konnte die Todesangst in ihrer Umgebung abschütteln. “Sie absolvierte ihr Mittagsschläfchen, als ginge nichts vor sich”, sagt die Mutter.

“Eineinhalb Tage haben wir dann gebraucht”, erzählt Ondrusek, “um mit Kettensägen die Straßen freizumachen, damit wir mit dem noch fahrtauglichen Auto erste Versorgungsfahrten machen konnten.” Warum sie nicht einfach aus der Hurrikan-Katastrophenzone wegfuhren? Weit weg, nach Florida etwa, oder gar New York? “Es gab keinen Benzin in der Gegend – wir mussten höllisch aufpassen, genug für den Rückweg zu haben”, sagt Christian, der mit der Familie für ein paar Wochen nach Österreich fliegt, bis klar wird, ob und wann sie ihr Haus im prächtigen Villenbezirk New Orleans wieder beziehen können und ob Christian auch dort einen neuen Job findet. Über die Katastrophe sind die noch völlig geschockt: Sogar die Särge meiner Großeltern treiben im Wasser.

Die Ondruseks konnten sich, dank dem Besitz eines Autos retten, andere blieben mangels an Mobilität zurück: In der Abflughalle des “Louis Armstrong”-Airport, gleich vor den Schaltern der US-Luftlinie Delta, liegt eine gut Neunzigjährige auf einer olivgrünen Armeebahre am kalten Steinboden: Die Augen sind aufgerissen, der Mund geöffnet, nur das leise Röcheln verrät, dass sie – offenbar gerade aus einem der Spitäler in der Flutzone evakuiert – noch lebt. Neben ihr läuft gerade Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vorbei, inmitten eines Journalistentrosses. Er ist unterwegs in Operation Schadensbegrenzung und will zur Schau stellen, das sein Pentagon als Retter in der Not die Lage endlich unter Kontrolle gebracht hatte. Doch die Tatsache, dass am Tag Sechs nach dem Aufprall des Killersturms, Alte noch am Flughafenboden liegen, ließ den Auftritt zur Farce werden. “Was sagen sie zu den Vorwürfen, dass die Armee viel zu spät gekommen ist?”, hallt eine aggressive Reporterfrage durch die Hallen. Rumsfeld eilt weiter. Tagelang hatte das Personal in den Spitälern auf den Intensivstationen Beatmungsgeräte händisch in Betrieb gehalten. Sie sind Helden in einer Katastrophe, wo es mehr Versager und noch mehr Opfer gibt.

Fassungslos hatte die Supermacht USA und die Welt auf die Lawine an herzzereißenden Bildern gestarrt: Verhungernde Kleinkinder, Mütter die nach Wasser und Essen betteln, gestrandete Flüchtlinge in der prallen Mittagssonne auf den Brücken des Interstate “I-10” in Downtown New Orleans. Die Opfer: Arm und Schwarz. Alles mitten im reichsten Land der Erde. Zuletzt kamen solche Horrorbilder aus Somalia und Ruanda – oder den ausradierten Tsunami-Orten, nur ohne Plünderungen. An Bagdad oder Bangladesch erinnere das alles, fügte der pensionierte Harvard-Historiker David Herbert Donald, Spezialgebiet Amerikanischer Bürgerkrieg, hinzu: “Ich bin 84 Jahre alt – solche Bilder habe ich in diesem Land noch nie gesehen”.

Dianne Lewis, 56, sitzt auf einem Stuhl am Airport, während sie auf ihre Evakuierung mit Sondermaschinen wartet. Sie weiß nicht, wohin sie gebracht wird, ob ihr Mann noch lebt, oder ihre beiden Töchter. Als die Fluten kamen, war die Familie auseinander gerissen worden, erzählt sie, ihr Blick ist leer, “erschöpft sei sie”. Kein Wunder, hatte nach ihrer Rettung das wahre Martyrium erst begonnen: Lewis landete im Footballstadium “Superdome”, der überdachten Betonwanne der “New Orleans Saints”. Die Lage in dem als Zufluchtsort für Gestrandete designierten Riesenbau war rasch eskaliert: Regenwasser drang ein, die Klimaanlage fiel aus, Wasser und Essen waren immer knapper geworden. Menschen ließen Urin und Kot in Ecken und Stiegenaufgängen zurück. Verzweifelte sprangen von den Tribünen in den Tod. Szenen wie am 11. September, nur nicht live im Fernsehen. Dazu drangsalierten Verbrecherbanden die Flüchtlinge. “Ich dachte nicht mehr, dass ich lebend da raus komme”, sagt Lewis. Als ihre Retter kamen, war die Halle schon fast leer, zurück blieb der Gestank, die Verwüstung, vielleicht auch der Stolz einer mächtigen Nation.

“Wer kümmert sich schon um uns”, ruft uns Vincent Wallace zu, um das laute Knattern eines Armeehelikopters zu übertönen: “Tagelang hat man uns hier auf Häuserdächern sitzen lassen, in der prallen Sonne, ohne Wasser, Menschen sind zusammengesackt und leblos ins Wasser geglitten”. Vor dem Evakuierungsflug, sechs Tage (!) nach dem Hurrikan, kommt noch die letzten Demütigung: “Alle Knarren, Messer und Alkoholflaschen müssen sofort abgegeben werden”, brüllt ein Sergeant, bevor seine Kameraden von der Nationalgarde die Flüchtlinge am ganzen Körper filzen und ihre wenigen Habseligkeiten, verpackt in Plastiksäcken, durchsuchen. “Sie behandeln uns automatisch wie Verbrecher”, sagt Vincent, dann verlässt er per Helikopter seine Heimatstadt, vielleicht für immer.

H. Bürgermeister Ray Nagin übersah den Untergang seiner Stadt vom 27. Stock des ramponierten Hyatt-Regency an der Loyola-Avenue in Downtown, anfangs kein Telefon, kein Strom, kaum Übersicht. Der Rest der Stadtverwaltung war in die Louisiana-Kapitale Baton Rouge geflüchtet. 9/11-Helden Rudy Giuliani konnte Nagin als Krisenbürgermeister nicht den Rang ablaufen, dafür bombardierte er Bush mit einer historischen Schimpfkanonade: “Der solle endlich seinen Arsch bewegen, um Menschenleben zu retten”, tobte Nagin in einem Radiointerview.

Im gleichen Hotel war der Grazer Soziologe Manfred Prisching, der ein Semester an der Universität New Orleans lehren wollte, gefangen. Er konnte dafür ein Feldstudien zur US-Gesellschaft betreiben: Vor dem Fenster lag der Superdome. „Dort drüben waren alle schwarz. 67 Prozent der Einwohner von New Orleans sind Afro-Amerikaner aber fast 100 Prozent der Leute im Superdome. Seltsam, nicht?“, sagt Prisching. Die Frustration des über ihn wütenden, farbigen Bürgermeisters versteht er: „Die Menschen in den USA sollen Gefühl haben, in Katastrophen zusammenhalten zu müssen, und das verdrängt dann die Frage nach der Verantwortung für die Katastrophen. Die drüben vor dem Superdome standen, die Unterschicht, Menschen, die stundenlang in der Hitze anstehen, die kümmern ohnehin keinen.“

Barbara Koblmiller-Roberson ist eine 41-Jährige Mühlviertlerin, die seit 1984 in den USA lebt. Sie zog es nach New Orleans, liebte den Klang dieser Stadt, die Musik, den Flair – und verliebte sich rasch in ihren künftigen Gatten Larry, ein Afroamerikaner aus einfachen Verhältnissen. Koblmiller-Roberson arbeitete bis vor kurzem beim Bekleidungsgeschäft “Gap” im Suburb Slidell, ihr Mann hat eine erfolgreiche Teppichreinigungsfirma aufgebaut. in den Suburb ist die Familie vor allem wegen der Kinder gezogen: Die Koblmiller-Robersons haben drei Söhne und zwei Töchter. „Dort gibt es gute Schulen, ideal für Familien“, sagt sie.

Larry arbeitete auch als Tontechniker in der New-Orleans-Musikszene gearbeitet, seine ganze Familie lebte noch dort. „Es ist ein Wunder, aber alle haben überlebt.“ Das Haus des Bruders, Clarence, steht bis unters Dach unter Wasser. Juanita, die Schwester ihres Mannes hat ihr am Telefon von den schlimmen Momenten erzählt: Wie das Wasser immer höher gestiegen ist, wie plötzlich rund um sie riesige Ratten geschwommen sind. „Dabei kann meine Schwägerin nicht schwimmen, gottseidank hatte sie die Schwimmweste an.“

Die Familie Koblmiller-Roberson hat den Hurrikan aber nicht in Slidell erlebt, sondern sie haben sich rechtzeitig in Florida in Sicherheit gebracht. Als dann das schlimmste vorüber war, haben sie die Reise zurück nach Hause angetreten, durch Pensacola, Mobile, vorbei am völlig zerstörten Biloxi und Gulfport, wo sie schmale Feldwege benutzen mussten, weil die Straße völlig unpassierbar war. Überall lagen Baumstämme, Larry fuhr mit dem ältesten Sohn Simon (15 Jahre) mit dem Firmenvan voraus, Mutter Barbara mit den kleineren Kindern mit dem Kleinbus der Familie hinter ihrem Mann her. Als es Nacht wurde, haben die Kinder immer geschrien, „links“, „rechts“, „ständig mussten wir den Baumstämmen, die wie Mikado über die Straße verstreut lagen ausweichen, es gab nur einen schmalen Pfad, der freigeräumt war.“ Es war stockdunkel, erzählt Barbara, „wir haben alle Sterne gesehen, sogar die Milchstraße. Denn durch den Stromausfall gab es nirgends Lichter.“ Besonders gespenstisch: „Immer wieder waren am Straßenrand verlassene Autos, ich habe den Kinder gesagt, leuchtet mit eurer Taschenlampe bloß nicht hinein, vielleicht sind da Tote und ihr habt dann euer Leben lang Albträume.“

Wird New Orleans überleben, eine Stadt, dessen erweiterter Kern zu 80 Prozent wegen der Vergiftung durch die vielleicht toxischste Brühe der Erde und der Furcht vor Seuchen wie “West Nile”, “Hepatitis A”, “E. Coli” oder Salmonellen-Vergiftung abgerissen und entseucht werden muss? Erste Anzeichen sind im weltberühmten French Quarter zu sehen, dem Touristenmagneten, Schauplatz des bunten Karnevalumzugs Mardi Grass und Herz des Müßiggangs im biedern US-Süden, liebevoll “Big Easy” genannt. Jetzt sind in der Borboun-Street die Straßen leer, die „schönsten Stripperinnen des Südens“, wie sie auf einem Werbeschild angepriesen werden, sind verschwunden. Ashley McCoy (29) und ihr Freund Ty Watford (31) stehen mit Besen in einer der engen Gassen. “Unser Kunstladen ist o.k.”, sagt Ashley und hofft auf eine baldige Rückkehr der Touristen. Die Tragödie, die sich nur ein paar Blocks entfernt, wo die Flut beginnt, abspielt, kommentiert sie eher kaltherzig: “Jeder ist für sich selbst verantwortlich – sie hätten eben die Stadt verlassen sollen”.

Um die Ecke sitzt der 77-Jährige Sunny Fagart auf der Veranda seines Hauses und liest ein Buch, Titel “First To Die”. Er habe genug Essen und Trinken für die nächsten Wochen. Wegen der Musik ist der Jazzfan von North Carolina in den Big Easy gezogen. Wann wird die Musik wieder spielen? “Fünf Minuten nachdem der Strom wieder da ist”, lacht er. Die kleine Gemeinde (einer schätzt, dass 400 der einst 5.000 Bewohner des French Quarter noch hier sind) bedient sich ökonomischer Steinzeitregeln beim Überleben: “Den meisten ist das Bargeld ausgegangen”, sagt Künstler Roy Bulkin, während er auf seinem Türstock in der Mittagshitze sitzt: “Wir tauschen einfach Gütern aus”.

Ein Lokal hat sogar geöffnet, es gibt warmes Bier, warmes Cola und warmes Wasser. Auch gegen Geld. Einige bunte Vögel der Szene haben sich zur „Southern Decadence“, der Schwulenparade versammelt. Einer, er sieht aus wie Jesus mit „Oakley“-Sonnenbrillen, tritt mit nacktem Oberkörper und Arbeitshelm auf, auf dem Schild, das er hochhält, steht die bange Frage: „Life goes on? – Geht das Leben weiter?“. Eine junge Frau versucht es mit Humor. Auf ihr T-Shirt hat sie einen Spruch gemalt: „Ich habe Hurrikan Katrina überlebt. Alles, was ich geplündert habe, ist dieses lausige T-Shirt.“ Es will keine richtige Stimmung aufkommen, aber man will durchhalten.

Stefanie Hosek, deren Mann das Haus mit Waffengewalt verteidigen will, hat nun selbst etwa zu beichten: Sie steht plötzlich auf und geht zu einem roten, schnittigen Sportwagen und öffnet den Kofferraum. „Schauen sie, was da drin ist!“ Kaffee, Tee, einige Paare Socken, Konservendosen, zwei T-Shirts, ein paar Sportschuhe. Ihre Augen werden glasig, die Kärntnerin ringt mit den Tränen: „Ich war auch in einem Geschäft vor ein paar Tagen. Wir haben keine Kleidung von Zuhause hierher mitgebracht und nun können wir zumindest die Wäsche wechseln. Einkaufen kann man nichts mehr. Aber als ich in dem Geschäft gewesen bin, unter all den Leuten, die dieses und jenes, alles herunter geschmissen haben, was sie nicht brauchten, da fühlt man sich nicht gut, das ist nicht recht, habe ich mir gedacht. Dass ich auch eine denen, von den Plünderern bin, ist schlimm. Aber was hätte ich denn tun sollen?“