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Bauernebel Rita

# Freitag: Letzter Flug nach Houston

Der Boeing-737-Jumbo ruckelt, wilde Turbulenzen erschüttern das Flugzeug. “Wir fliegen durch die Ausläufer von Hurrikan Rita”, versucht der Pilot zu beruhigen. Auf der linken Seite sind die spiralförmigen Wolkenfelder zu sehen. Kurz danach ist “Continental”-Flug 55 von Newark im Sinkflug auf die texanische Vier-Millionen-Metropole Houston, die zu diesem Zeitpunkt noch genau im Fadenkreuz des Monstersturms “Rita” liegt. Unten ist in der Abenddämmerung die endlose Lichterkette einer der völlig verstopften “Interstate Highways” zusehen, die Fluchtrouten, die selbst zur tödlichen Falle wurden: Millionen steckten bis zu 36 Stunden fest, vielen ging der Sprit aus, ganze Familien waren gestrandet ohne Wasser in der Gluthitze. Mit drei Millionen auf der Flucht war es “der größte Flüchtlingstreck seit dem amerikanischen Bürgerkrieg”, wie ein Sprecher der Stadt Houston vermeldete. Der Flug ist voll mit Continental-Personal, Stewardessen, Piloten, Mechaniker, die alle im letzten Moment zu ihren Familien zurückkehren wollen. “Wir sind eine der letzten Maschinen, die hier landen”, sagt der Captain: “Willkommen in Houston”. Die Terminalgebäude des “George Bush Intercontinental Airport Houston” ist vollgerammelt mit Menschen auf der Flucht, für viele wird es zu Endstation. Flugpersonal ist nicht zur Arbeit erschienen, die elektronische Tafel ist übersät mit den blinkenden Statement “Cancelled”. Auch die Hälfte der Sicherheitskräfte für die Metalldetektoren ist längst auf der Flucht vor Rita. Bis zu fünf Stunden standen Passagiere vor den Schleusen. Die Fahrt nach Downtown Houston ist problemlos, die Megastaus haben sich nach Norden verlagert. Im Hotel unterschreibe ich ein juristisches Formular: Wenn mir was passiert im Sturm, kann das Hotel nicht geklagt werden.

Houston
Houston ist eine Geisterstadt

# Samstag: Die Ruhe vor dem Sturm

Houston, die viertgrößte US-Metropole, ist eine Geisterstadt. Die vier-, fünfspurigen Boulevards sind leer, ein gespenstisches Bild für einen Wochentag. Sirenengeheul hallt durch die Hochhausschluchten. Es ist schwül, heiß, eine leichte Brise. Die Ruhe vor dem Sturm. Die Zeitungen in den Automaten sind vom Mittwoch, zwei Tage alt, die Headline von USA Today etwa lautet: “Rita nähert sich Kategorie 4”. Im TV an der Hotelbar laufen neue Horror-Bilder: In einem Evakuationsbus südlich von Dallas verbrannten 23 Altersheimbewohner in einem Inferno aus Feuer und Explosionen ihrer Sauerstoffflaschen. Ein paar Zuseher wundern sich, warum man derart Hilfsbedürftige per Bus hatte evakuieren müssen. “Das ist eine Schande”, murmelt einer. In Pub “Flying Soucer” hat sich die 22-Studentin Rita Rivera mit ihrer besten Freundin Brooke, ebenfalls 22, verschanzt. “Rita, wie der Wirbelsturm”, zeigt sie Galgenhumor. Die Studentinnen arbeiten nebenbei hier als Kellnerinnen, nun wollen sie im Pub den Sturm auswettern. “Eigentlich wollten wir flüchten”, erzählt Brooke, aber dann hätten Freundinnen über den Horror auf den Autobahnen erzählt: “Die brauchten drei Stunden für zwei Meilen – dann sind sie wieder umgekehrt”. Insgesamt 14 Menschen haben sich in den Pub versammelt, “dazu vier Hunde, zwei Katzen und eine Schildkröte”, wie Rita weitere Details verrät. Die Stühle haben sie bereits verkehrt auf die Tische gestellt, die abgewetzten Sofas, auf denen sie übernachteten, sollen am Abend auf die Bar gehoben werden. Am Höhepunkt des Sturmes, so der Plan, den sie in den letzten Stunden ausgetüftelt haben, wollen sie sich in einem fensterlosen Zimmer verschanzen. Bis dahin aber will Rita noch anderen helfen. Als einer befreundeten Familie, unterwegs mit einem neunmonatigen Baby und einem Dreijährigen, der Sprit ausging, reagierte sie prompt: “Die waren in der Hitze gefangen, ihnen ging das Wasser aus”, erzählt sie. Dann rief sie alle Tankstellen in der Umgebung des Ortes Huntsville an und fand tatsächlich im letzten Moment eine mit Vorräten. “Dort habe ich sie dann hindirigiert”, sagt sie.
Draußen wehen die ersten stärkeren Windböen Müll, Zeitungen und Staub durch die leeren Straßen. Ein Mann sitzt in einem Rollstuhl an einer Straßenecke. Er hat einen Arm, und ein Bein verloren, ist verfilzt. Ein Homeless. Eine Frau hält einen kleinen Minibus der Stadtverwaltung auf: “Nehmen Sie den Mann doch mit”, bittet sie. Die Fahrerin nickt, wartet bis die Bürgerin verschwunden ist – und fährt weiter. Der Mann fragt nach einem Cola. Ich hole ihm eines aus dem Hotel. Wer kann alarmiert werden, um ihm zu helfen, will ich wissen. “Sind sie aus Europa?”, reagiert der Hotel-Concierge mit einer Gegenfrage. “Die Behörden scheren sich einen Dreck um die Homeless”, sagt er dann bitter. Schließlich kommt ein weiterer Wagen der Stadtverwaltung vorbei: Diesmal wird der Transport des Mannes in eine Notunterkunft organisiert. Andere Obdachlose irren währenddessen durch die Geisterstadt.
Zwei Angestellte des Hotels haben inzwischen einen Deal mit einem der wenigen, bewachten Parkhäuser abgeschlossen: Sie bringen dort ihre Privatwagen in Sicherheit, ich fahre hinterher. Mein Wagen parkt schließlich während des Sturmes inmitten der Flotte von Houstons Polizei und Taxiunternehmen. “Die Hotelführung überlegt immer noch, wo sie die Autos der Gäste parken wollen”, lacht Daniel. Vielleicht sollten sie ihrem Boss auch wissen lassen, wo er sein Auto abstellen kann, scherzt er. Daniel hat noch keinen Hurrikan erlebt, dafür das große Beben in Mexiko City. Vielleicht wirkt er deshalb so gelassen.
Wie geht es anderen Österreichern, die in Houston den Sturm überdauern wollen? Helga Bratsch, 73, erzählt am Telefon, dass sie in ihrem Eigenheim gemeinsam mit Gatten Johann-Christian, kurz “Chris”, in einem westlichen Suburb alle Vorsichtsmaßnahmen abgeschlossen hat. “Wir haben uns einen Duschvorhang gekauft, mit dem wir gebrochene Fenster verschließen wollen”, sagt sie. Sorgen machen sie sich um die großen Fichten. “Wenn die das Haus treffen, zerbricht es in zwei Teile”, fügt sie trocken an. Warum sind sie dann geblieben? “Ohne ein wenig Risiko macht das Leben doch keinen Spass”, antwortet sie.

# Sturmnacht auf Sonntag: “Entnervendes Heulen”

Mit Einbruch der Dunkelheit peitscht der Wind die ersten Regenschauer durch die Straßen. “Ich bin trotzdem froh, nicht weggefahren zu sein”, sagt Christiane an der Bar des Szenehotels “Magnolia” in der Texas Avenue, Downtown: “Alles was ich gehört habe, waren Horrorstories von der Flucht”, sagt sie. Hat sie Angst, noch dazu hochschwanger? Das Hotel ist sicher gebaut, alles werde gut gehen, ist sie zuversichtlich. Bis dahin lenkt die Arbeit ab: Hundertschaften von Reportern, Gestrandeten, Familienmitgliedern des Personals und sogar Katrina-Flüchtlinge sind zu versorgen. Nonstop werden die letzten Animationen des Wirbelsturm auf den TV-Geräten in den Raum gestrahlt – viele plagen vom stundenlangen Starren auf die Rotation wahrscheinlich schon Gleichgewichtsstörungen.
Mike, eine Flüchtling aus New Orleans reagiert wütend, als er die Bilder von der neuerlichen Überflutung seiner Heimatstadt nach einem Dammbruch sieht: “Das machen die absichtlich”, sagt er: “Sie lassen die Armenviertel volllaufen, um andere Gegenden zu schützen”. In den Tagen zuvor war Katrinas Opferbilanz auf über 1.000 gestiegen. Der dichte Regen prasselt gegen das Hotelfenster, das Gebäude vibriert und schaukelt leicht, dazu das konstante, penetrante, entnervende Pfeifen des Windes. Um 3:30 Uhr erreicht Ritas Auge die Küste an der Staatsgrenze zwischen Texas und Louisiana, zu sehen ist das nur auf den Radarbildern, selbst die hartgesottensten Reporter der großen US-TV-Kanäle haben sich längst in den stabilsten Gebäuden verschanzt. Die Windstärke erreicht 192 Stundenkilometer. Bilder der Anarchie blieben diesmal aus: Houston-Bürgermeister Bill White berichtete von 28 Einbrüchen, und 16 Verhaftungen – weniger als in einer normalen Nacht.

# Sonntag: Fahrt ins Zentrum der Verwüstung

Dichter Regen verlangsamt die Fahrt am Interstate I-10 zu Ritas “Ground Zero”. Von den Überführungen baumeln Straßenschilder im Wind, der Highway ist übersät mit Schilderteilen, Baumästen, Dachziegeln von nahen Häusern. Am Parkett stehen immer wieder verlassene Autos, von Rita-Flüchtlingen, denen der Sprit ausging. Beaumont, 111.000 Einwohner, liegt knapp westlich von Ritas Verwüstungsschneise. Der Wind pfeift immer noch mit gut 80 Stundenkilometer durch den Stadtkern, messerscharfe Metallteile fliegen horizontal vorbei. Stromkabel liegen überall herum, die Straßen sind übersät mit Ziegeln umgestürzter Hausmauern. Die Bilder der Zerstörung verdeutlichen den gigantischen Gesamtschaden, den Versicherungen mit sechs Milliarden Dollar bezifferten. Im Radio laufen Berichte von Plünderungen. Ein einsamer Armee-Cheep kreuzt durch die Haupteinkaufsstraße, die Polizei ist nirgendwo zu sehen. “Stundenlang hockten wir im Keller eines Betongebäudes”, sagt Frank vom TV-Sender “Fox” in einer kurzen Sendepause. Viele Hurrikans hat er bereits “gecovert”, Rita falle definitiv in die Kategorie “scary”, Angst einflößend, wie er urteilt.
An der US-Bundesstraße Nr. 59 am Weg nach Port Arthur steht ein Polizeiwagen mitten auf der Straße, das Blaulicht rotiert wild. Doch das Fahrzeug ist verlassen, ein umgefallener Strommasten hat die Windschutzscheibe getroffen, die Fensterscheiben sind Blutverschmiert. Port Arthur, eine Stadt der Größe St. Pöltens, geriet ebenfalls in Ritas Visier – mit weitereichenden Konsequenzen: Eine der vielen Großraffinerien im Stadtgebiet, betrieben von “Valero Energy Corps”, alleine liefert pro Tag 255.000 Barrel Sprit. Jetzt lodert eine riesige Stichflamme aus einem der Türme, die pechschwarze Rauchfahne weht über dem Katastrophengebiet. Viele derartige Wirbelstürme kann die Supermacht USA nicht mehr durchstehen, bevor der Motor der Weltwirtschaft massiv ins stottern gerät und die Erde in eine ernste Energiekrise schlittert, warnt das konservative “Wall Street Journal”: Schon Katrina hatte 50 Ölplattformen im Golf von Mexiko versenkt, ein Produktionsausfall von 1,5 Millionen Barrel täglich. Dabei hat sich der weltweite Verbrauch allein seit dem Vorjahr um 2,9 Millionen Barrel pro Tag vergrößert. Doch die größten Engpässe gibt es bei den Raffineriekapazitäten, und genau die eskalieren durch die teilweise demolierten 16 Großanlagen zwischen Houston und New Orleans, 20 Prozent der gesamten US-Produktion. Die Probleme beschränken sich nicht nur auf Benzin: Rita hatte im Golf eine unterirdische Erdgaspipeline zerstört, Helikopterpiloten meldeten erstaunt ein wildes Sprudeln aufsteigenden Gases.

Port Arthur
Zerstörung in Port Arthur

Der Highway endet schließlich bei einer Bahnunterführung, weite Teile der Innenstadt sind überschwemmt. “Mein Büro ist verloren”, jammert Vicky Livingston, eine 45-Jährige Bankangestellte. Sie hat den Sturm im nahem Baytown überstanden und ist jetzt die erste, die den Schaden an ihrem Arbeitsplatz begutachtet. Schon Katrina hat 250.000 Amerikaner arbeitslos gemacht, durch Rita geht die Jobvernichtung weiter. “Dabei hatten wir bis zum Sommer wirklich gute Geschäfte gemacht und eine Rekordzahl von Krediten vergeben”, sagt Livingston: “Jetzt weiß ich nicht, wie es weitergehen soll, viele werden wohl wegziehen”.
US-Präsident George W. Bush, politisch schwer angeschlagen nach dem New-Orleans-Debakel, wollte diesmal Leadership demonstrieren: Mit stets aufgekrempelten Ärmeln ist er zu sehen, eine Strategiebesprechung jagt die andere. Die Sturmnacht verbringt der Texaner am “Northern Command”-Armeestützpunkt im Rocky-Staat Colorado. Dort werden die Armeeeinsätze koordiniert, viel telefoniert habe der Präsident, lässt sein Pressesprecher ausrichten. Doch die ersten Retter für mögliche Flutopfer in Port Arthur sind wieder nicht die Bundesbehörden, sondern private Organisationen, wie eine Staffel des “Texas Rescue Service”. Brandy McCurly, 43, der mit Kollegen gleich nach dem ersten, leichten Abebben des Sturms, losgerast ist, legt regenfestes Zeug an, während Kollegen die zwei Schlauchboote zu Wasser bringen. “Wir suchen nach Leuten, die vielleicht noch eingeschlossen sind”, sagt er. Wo der Rest der Kavalerie, wie die Feds im Einsatzkräftejargon heißen, ist? “Keine Ahnung”, schüttelt er den Kopf, “Wir sind es gewohnt, vor den Behörden oder der Armee am Schauplatz zu sein”. Tatsächlich soll sich der Treck an Armeelastern und Ambulanzen erst am späten Nachmittag von Houston aus in Bewegung setzten. Da bin ich bereits wieder am Rückweg aus dem Katastrophengebiet.

Survivor
Jeremy Williams: „Ohrenbetäubendes Röhren“

Jeremai Williams, ein 38-Jähriger Gerüstbauer, räumt in einem etwas ärmlich wirkenden Teil von Port Arthur gerade dicke Äste von der Straße. Er ist offenbar einer der ganz wenigen, die nicht vor dem Sturm geflohen sind. “Nach zwei Stunden im Stau bin ich wieder umgedreht”, sagt er, mit einem Gesichtsausdruck, der verrät, dass er das wohl bitter bereut hat. Wie das Gebrüll eines Löwen hätte Rita über seinem klapprigen Holzhaus gewütet. “Ich stand nahe bei der Türe”, sagt er, “um rausspringen zu können, falls der Sturm das Haus wegbläst”. Er zittert am ganzen Körper, offenbar völlig traumatisiert von den zu vielen endlosen Stunden purer Todesangst. Ob ich seine Verwandten benachrichtigen soll, dass er überlebt hat? Klar, wenn das geht, ist er begeistert und gibt mir die Handy-Nummer seiner Schwester. Die Innenstadt von Port Arthur sieht aus wie ein Kriegsschauplatz. Die Fenster der Hochhäuser sind allesamt zerborsten, Dächer wurden abgetragen, die Bar des Hotels “Erika” ist ein einziger Trümmerhaufen. Hunde streunen durch die Straßen, wie in einem Horrorfilm. Einzig der Damm zu einem großen Kanal, die Ausfahrtsroute für den Hafen der Ölstadt, hat gehalten. Riesige Wellen schwappen landeinwärts, das Wasser ist schokoladebraun, es stinkt nach Öl.

# Montag: Flug über die Desasterzone

Seit bereits einer Stunde fliegt der Boeing-737-Jumbo der Fluglinie “Continental” über das Katastrophengebiet. Mit einer der ersten Flüge verlasse ich Houston vom gerade wiedereröffneten Airport. Gut 80 Prozent des Gebietes sind überflutet, manchmal ist der Küstenstreifen kaum auszumachen. Straßen sind nur stückweise erhalten. Wir überqueren schließlich New Orleans, der nun weltberühmte Lake Pontchartrain, dessen Wassermassen die Stadt verschlungen haben, ist gut zu erkennen. Hübsche Schäfchenwolken liegen über der Golfküste, spiralförmig angeordnet, die äußersten Bänder von Rita, die als mächtiges Tiefdruckgebiet in Arkansas festsitzt. Zwei Monate noch dauert die heurige Hurrikan-Saison.