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Um 16:02 Uhr Ortszeit, Montag, 1. Mai, entscheidet sich das Schicksal der Bawag in einem Nebengang im 6. Stock eines wuchtigen Gerichtsgebäudes am Ende des Broadways am Battery Park, dem Südzipfels Manhattans. Im “U.S. Bankruptcy Court, Southern District of New York” unter runden Lampen, fahlem Licht und rosafarbenen Stuck hatten die beiden Anwaltsteams – das Dreamteam der Kanzlei “Millbank, Tweed, Hadley & McCloy LLP”, die die Austrobank im Auftrag eines Refco-Gläubigerkonsortiums auf 1,3 Milliarden Dollar klagten, sowie Bawags New Yorker Rechtsvertreter von “Dechert LLP” – seit fast zwei Stunden um einen Deal gerungen. Einmal offen am Gang, dann wieder abwechselnd die Gruppe Kläger und Gruppe Geklagte zum Durchkauen der jeweiligen Vorschläge solo im “Conference Room 609”. Einige der mit bis zu 500 Dollar pro Stunde höchstbezahlten Advokaten hingen trotz Telefonierverbots am Handy, wahrscheinlich verbunden zum Krisenstab im Wiener Kanzleramt. Andere hatten nervös in ihre Blackberry-Email-Geräte getippt.

Jetzt schreitet ein Anwalt aufgeregt auf die Männergruppe zu: “We have a Deal!” Sinngemäß: Wir haben uns geeinigt. Es ist eine Szene fast wie in einem US-TV-Krimi. Milbanks Chefanwalt Luc A. Despins, ein großgewachsener Feschak, mit dunklem, leicht graumeliertem, zurückgelegtem Haar, rot-pinker Seidenkrawatte und dunklem Maß-Nadelstreif, strahlt, die sichtliche Anspannung der letzten Stunden ist völlig verflogen. Besonders als die Gläubigeranwälte auf ihre Bawag-Gegenüber warteten, die sich gleich ganze 20 Minuten verspäteten. Was in dem Gang, so unglamourös wie ein Wiener Verkehrsamt, gerade passierte, sprengt die Vorstellungskraft: Die Bawag war um gut zehn Milliarden Schilling erleichtert worden.

Konkursrichter Norbert D. Drain, ein freundlicher Mann mit Nickelbrille, kann nun endlich die Verhandlungsrunde in seinem Gerichtssaal, Nr. 610, nach zweistündiger Verspätung durch das transatlantische Ringen um dreistellige Dollar-Millionenbeträge eröffnen. Gut 40 Prozessbeobachter hatten in dem mit 35 mal 15 Meter relativ kleinen Gerichtsaal mit nur drei Zuseherreihen bei zunehmender Hitze ausgeharrt.

Jetzt erläutert Despins den Deal, stehend, von der Anwaltsbank aus, in ein Mikrofon sprechend: Auf vier amerikanischen Bawag-Konten dürfen, so habe man sich geeinigt, die Kontostände nicht unter jeweils 200 Millionen Dollar, 540 Millionen, 350 Millionen und 71 Millionen fallen. Sonst könne – nach dem Einfrieren aller Vermögenswerte durch Richter Drain in der Vorwoche – die Bawag wieder Geschäfte in den USA betreiben. 1,161 Milliarden Dollar bleiben nach dem Deal unantastbar, als “Sicherheit für die Gläubiger”, wie Despins nach dem Verlassen des Gerichtsgebäudes später feststellte.

Bawags führender New-York-Anwalt, Andrew Levander, wirkt bei seinem Auftritt vor Richter Drain bereits sichtlich abgekämpft. Mit kurzem Kopfnicken bestätigte er Despins Erläuterungen, in der Position als Verhandler eines mit der Bawag völlig an die Wand gedrängten Klienten, musste er sich wie in “Mission Impossible” gefühlt haben. Für das Aushandeln der Vergleichssumme, die die Bawag jetzt dem Refco-Gäubigern für ihre angebliche Komplizenschaft im Megaskandal des kollabierten Wertpapierhauses (und dem viergrößten Bankrott-Fall der US-Geschichte) bezahlen muss, verlangten die Anwälte gar das Räumen des Gerichtssaales. Keinerlei Details des Waterloos der österreichischen Bankengeschichte sollten durchsickern. “So etwas habe ich auch noch nicht erlebt”, schüttelt Prozessbeobachter Joe den Kopf vor dem Gerichtssaal.

Ob sich derartige Summen auf den US-Bawag-Konten überhaupt befinden, wollte ich von Despins-Kollegen Alan Clerk wissen, vor allem nachdem Bawag-Chef Ewald Nowotny noch von “geringen Summen in den USA” fabulierte. “Das hat uns die andere Seite mit der Vorlage von Belegen demonstriert”, so Clerk. Ein Gerichtsdiener zieht gerade den Aktenstoß des Bawag-Falles, Nr. 05-0361-rdd”, auf einem Rollwagen vorbei: Es sind 15 große Schachteln mit Dokumenten, fast so viel, als Lewinsky-Sonderermittler Kenneth Starr 1998 seinen Clinton-Oralsex-Report an den US-Kongress repportierte.

Bawag-Bezwinger Despins erscheint nun persönlich, triumphierend diktiert er in die Mikrophone der Reporter, die in strahlender Frühlingssonne und leichter Seebrise Bawags High Noon am Battery Park verfolgten: “Das war ein großartiger Tag für die Gläubiger”, sagt er. Und verschwindet mit fünf Kollegen im Menschengewühl der Rush-Hour nahe der Wall Street. Sie werden die in den USA üblichen Nach-der-Arbeit-Drinks zufrieden genießen.