Print Friendly, PDF & Email

Ich öffne das Fenster, ein Schwall heißer, feuchter Luft weht in die Wohnung, wie in einem Hallenbad, nur viel heißer. Die Temperatur liegt bei 29 Grad Celsius. Es ist 7:30 Uhr. Bis auf 40 Grad soll die Quecksilbersäule heute klettern, wurde aufgeregt im Frühstücks-TV verlautet, einer der heißesten Tage in der Acht-Millionen-Einwohner-Metropole New York seit Jahren. Dazu wird in den USA stets ein “Hitzeindex” aus Lufttemperatur und -feuchtigkeit errechnet, was stets noch spektakulärere Superlativen ergibt: Wie 45 Grad werde sich das heute anfühlen, sagt der TV-Anchor mit ernster Mine.
Die Stadt ist nicht unvorbereitet, tagelang war vor der herannahenden “Killer Heat Wave” gewarnt worden, der in Kalifornien 150 Menschen zum Opfer fielen und die im Mittleren Westen für Allzeit-Temperatur-Rekorde, Stromausfälle und Ausnahmezustand in gleich mehreren Städten führte. Ich versuche, Termine so früh wie möglich wahr zu nehmen, doch die U-Bahn-Station ist bereits ein Backofen. Wall-Street-Broker stehen in ihren dunklen Maßanzügen und wischen sich den Schweiß von der Stirn, dazwischen Touristen aus Europa, die bereits in diesen Morgenstunden sichtlich erschöpft wirken. Einige der Urlauber hatten sich später, so berichtete die Lokalpresse, vergeblich nach einem der romantischen Fiaker-Fahrten durch den “Central Park” bemüht: Den Pferden wurde freigegeben, sie blieben im klimatisierten Stall.
“Es ist als würde man in einen Backofen gehen”, stöhnt Krankenschwester Tamara Reid, 25, während sie auf die Nummer-Fünf-Zug wartet: “Es ist die Hölle”. Tatsächlich: Die Granituren der New York Subway blasen die heiße Luft ihrer Klimaanlagen direkt in die Stationen mit ihren niedrigen Decken, den ganzen Sommer über fällt die Temperatur dort kaum unter 30 Grad.
Bürgermeister Michael Bloomberg, bereits schwer angeschlagen nach einem Stromausfalldebakel in der Vorwoche im Stadtteil Queens, als 100.000 Menschen eine Woche lang (!) keinen Strom hatten und bereits von einem Behördenversagen á la Katrina die Rede war, warnte eindringlich: “Diese Hitzewelle kann lebensgefährlich werden”. Gleich 400 Kühlzentren hatte die Stadt eingerichtet, die öffentlichen Badeanstalten blieben bis 20 Uhr geöffnet. In der Bronx campten Bewohner vor ihren “Brownstone”-Apartments, die Kids hatten die Wasserhydranten aufgedreht und die Straße in einen Badesee verwandelt.
Doch wie die lähmende Dunstglocke hängt die Angst über der Stadt, ob die Stromversorgung hält. Frisch in Erinnerung ist der Mega-Blackout 2003, als die ganze Region 24 Stunden lang in totaler Finsternis versank. Bereits Dienstags um 15 Uhr wurde mit 33.869 Megawatt ein absoluter Rekord verzeichnet. Bloomberg ordnete in allen Behördenbüros ein Anheben der Raumtemperatur auf 26 Grad an, ließ die Beleuchtungen vom “Empire State Building” bis zu den berühmten Hängebrücken abdrehen.
Ich habe mich nach Midtown zum Times Square durchgeschlagen, völlig durchnässte Menschenströme drängen sich am Gehsteig. Ein Feuerwehrwagen rast vorbei, die Menschen starren fassungslos auf die Männer in voller Montur. “Für uns sind solche Tage die schlimmsten Härteproben”, erzählt mir Stan Jessamin, ein befreundeter Feuerwehrmann, am Telefon: “Allein die Ausfahrten sind ein Horror – und dann erst die Hitze vom Feuer”. Das Geschäft ist gut hingegen für die beliebten Eisverkäufer in ihren “Mister Softee“-Wagen, doch haben sie Riesenprobleme, den Meltdown ihrer Ware zu verhindern. “Ich kann ihnen nur Schokoladewasser anbieten”, zeigt Verkäufer Antonius Jannes Galgenhumor.
Um 18 Uhr hole ich meinen vierjährigen Sohn Maxwell vom Kindergarten ab. Er ist voller Energie, nachdem die Kids wegen der Hitze ihre klimatisierten Räume den ganzen Tag lang nicht verlassen haben. Wir gehen zum Pool, er tobt sich bis nach 20 Uhr aus. Die Temperatur ist kaum gefallen: 33 Grad.