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Es ist ein Wahljahr, und US-Präsident George Bush kommt nach New York. Zum fünften Jahrestag des 11. September wird er – acht Wochen vor den Midterm-Wahlen, wo seine Republikaner-Parteifreunde den US-Kongress verlieren könnten – Ground Zero besuchen. Dort hatte er, als er mit Feuerwehrmann Bob Beckwith auf die rauchende Trümmerhalde kletterte und per Megafon Rache schwork, seinen besten Auftritt, seine Popularität schoss auf fast 90% hoch. Dann kehrte Bush, der Antiterrorkrieg bereits entgleist und die US-Truppen im Irak festgefahren, 2004 in den Big Apple zu seiner „Convention“ vor dem Wahlthriller mit John Kerry zurück. Ich kann mich noch gut an meine Fassungslosigkeit erinnern: Kaum vorstellbar schien es, in welcher Schamlosigkeit der Horrortag, bei dem allein im ausgelöschten World Trade Center 2.602 Menschen starben, für politische Zwecke missbraucht werden könnte. Doch die Republikaner sind die Partei des Bauches, der rohen Emotionen: Und da gab es dann im „Madison Square Garden“, 40 Blocks nördlich des Loches, ein Inferno an Patriotismus, Ehre, Vaterland, Heldentum – und vor allem Rache! Jetzt kämpft Bush mit dem alten Konzept um eine Comeback, nachdem ihn Irak- und Katrina-Debakel ungefähr so populär wie Watergate-Präsidenten Richard Nixon kurz vor dem Rücktritt machten. Eine Vorschau auf die neue Kampagne gab es bereits in den letzten Tagen: Irakkriegskritiker litten, so Don Rumsfeld, an “intellektueller Verwirrtheit” und erinnerten ihn an die Hitler-„Appeaser“ in den 30igern. Bush sah Amerika im Irak bereits in einem noch epischeren Kampf als selbst gegen die Nazis verwickelt – und im “dritten Weltkrieg” sei Amerika sowieso seit langem, wie Hardliner seit kurzem tönen. Hinzu kommt natürlich immer die zentrale Botschaft: Liebe Amerikaner, fürchtet euch sehr vor weiteren Terror-Attacken! Natürlich soll durch das martialische Getöse die Demokraten-Opposition als unpatriotische Feiglinge und Nörgler, noch dazu in Kriegszeiten, denunziert werden. Die Strategie hat bisher gut funktioniert für Bush & Co, und er wird, wenn er 9/11-Opfer auf Ground Zero umarmt am 11. September 2006, es nochmals versuchen. Doch die Kernfrage ist: Haben es die Amerikaner durchschaut und werden sie der Regierung und dem Republikaner-Kongress Anfang November spät aber doch die Rechnung präsentieren?