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Es ist ein ordentlicher Skandal und eine Debakel für den TV-Sender ABC: Das heute und morgen zur Ausstrahlung stehende, insgesamt vier Stunden lange und 40 Millionen Dollar teuere TV-Drama “The Path to 9/11” kommt nicht aus den Schlagzeilen. Ex-Präsident Bill Clinton hat kurz vor der Ausstrahlung nochmals in einem wütenden Brief an Bob Iger, CEO Disneys, zu dem ABC gehört, eine Absage der Sendung verlangt: Seit Tagen protestieren Clinton, seine Ex-Außenministerin Madeleine Albright und der ehemalige National Security Advisor Sandy Berger gegen die oft völlig aus der Luft gegriffene, historisch falsche Darstellung entscheidender Momente bei der Jagd auf Osama Bin Laden vor dem 11. September. In dem Film spielt Harvey Keitel den im Twin-Tower-Terror umgekommenen FBI-Mann und Ex-WTC-Sicherheitschef John O´Neill, der jahrelang vor einer drohenden Riesenattacke auf die USA gewarnt hatte. Doch die TV-Doku, die angeblich auf den Reports der 9/11-Kommission basiere, wie der Sender beteuert, zeichnet Bill Clinton als Zauderer, abgelenkt von Lewinsky-Sexskandal, zeigt Szenen, wo Albright die Pakistanis vor Raketenschlägen warnt und Bin Laden dadurch das Entkommen ermöglicht, oder Berger als zögerlichen Bürohengst, der CIA-Leuten den Zugriff auf Bin Laden verwehrt, weil er dafür “nicht autorisiert” sei. ABC musste zugeben, dass die 9/11-Kommission keinesfalls zu solchen Ergebnissen kam. Doch diese Szenen seien eben Fiktion, zur besseren Dramatisierung des Films, so der Sender. Dramatisierung? Fiktion? Und das bei der historischen Aufarbeitung von Amerikas größten Desaster? Stunden vor der Ausstrahlung appellierte Clinton nochmals, fast verzweifelt, den “widerlichen Lügenfilm” einzustampfen. Der Sender nütze eine nationale Tragödie zur Quotenmaximierung aus. Auch Star Keitel distanzierte sich: ABC hätte ihm versichert, dass alle Szenen auf Tatsachen beruhen. Der Film wird wohl ausgestrahlt werden, Demokraten sind bei ihren Sturmläufen gegen historische Ungerechtigkeiten weit weniger konsequent, organisiert und erfolgreich wie Amerikas Rechte: Die schafften es, eine CBS-TV-Serie über Ronald Reagan, angereichert mit dramaturgischen, jedoch weit wahrheitsgetreueren Szenen als im jetzigen ABC-Film, zu versenken (sie wurde in einem Kabelsender spät Abends ausgestrahlt). ABC fürchtete deshalb eine Debatte und schickte erste Kopien des 9/11-Films an, kaum zu glauben, u.a. den rechten Radio-Polemiker Rush Limbaugh. Doch die Rechten hatten mit dem widerlichen Clinton-Bashing keine Probleme, die echten Opfer des Films, Clinton, Albright und Berger mussten sich die Szenen schildern lassen, da ihnen keine Vorabversion gezeigt wurde. Dennoch: Die Demokraten haben sich diesmal vehement zur Wehr gesetzt, in der Debatte ist ABC der klare Verlierer als es nun sogar von erzkonservativen Medien Kritik hagelt. Es bleibt zu hoffen, dass sich Amerikas Demokraten auch bei neuen rechten Attacken vor den Midtermwahlen und besonders in der nächsten Schlacht ums White House 2008 nicht überrollen lassen – wie leider so oft in den letzten Jahren.