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Es geht einfach durch Mark und Bein, niemals, auch nicht bei der vierten 9/11-Jahrestag-Trauerfeier, kann man sich daran gewöhnen: Namen, Namen, Namen. James F. Murphy IV, Susan Dee Murray, Robert B. Nail. Vier Stunden lang muss gelesen werden, so lange dauert es, die 2.759 Opfer des 11. September in New York zu erwähnen. Und die Welt starrt traurig und immer noch geschockt auf ihre Hinterbliebenen: Die widmen ihren Geliebten, die an diesem sonnigen, vermeintlich normalen Spätsommertag vor fünf Jahren ihnen noch schnell einen Kuss gaben, dann ins Büro fuhren oder ihren Dienst bei Polizei und Feuerwehr antraten – und nicht mehr nach Hause kamen. “Mein Ehemann für 37 Jahre”, hallt die verzweifelte Stimme einer Hinterbliebenen durch die Hochhausschluchten Lower Manhattans: “Ich werde dich nie vergessen!” Eine andere Witwe ruft in den Himmel: “Ich liebe dich, ich denke jeden Tag an dich”. Dann bläst sie einen Kuss in die Luft. “Ich wünschte, du könntest sehen, wie unsere wunderschöne Tochter aufwächst”, sagt eine andere Witwe. Die Fünfjährige, mit goldigen Locken, hängt verlegen an der Hand ihrer nun unter Tränen fast zusammenbrechenden Mutter. Es sind hauptsächlich Frauen, die an ihre Gatten erinnern, wohl ein Zeichen, dass die ehemaligen Büros der Finanzfirmen im WTC wohl fest in Männerhand waren. Meist stumm steht die Gruppe der tausenden Hinterbliebenen vor dem Podest, einige umarmen, andere bekreuzigen sich. Sie halten Polaroids ihrer Geliebten in die Höhe, einige sogar direkt und trotzig in die TV-Kameras. Die Botschaft: Die ganze Welt soll sehen, welch unglaubliches Leid unschuldigen Zivilisten angetan wurde. Und: Es soll niemals vergessen werden. Doch New York nimmt sich den Tag nicht frei, um an den Horror zurückzudenken. Bloß 20 Meter hinter dem Podium quält sich eine Wagenkolonne durch die verengte West Street, der Straßenlärm übertönt die Stimmen der Hinterbliebenen: Da dröhnt Rapmusik aus einem Wagen, ungeduldige Autofahrer hupen, ein Idiot fährt mit einem, von kitschigen Patriotenmotiven total bedeckten Monstertruck (!) vorbei, dazwischen schwere Harleys, deren Lärm durch die Baugrube Ground Zeros hallt. Die Frage drängt sich auf: Warum kann die Stadt nicht für einen Tag auf diese eine Straße verzichten und den Verkehr verbannen?