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Nancy Grace, Ex-Staatsanwältin und TV-Kommentatorin, war schon immer eher nervig. Aggressiv, stets im Glauben, wer schreit habe recht, Andersdenkende herabwürdigend wütete sie in Talkshows in den Debatten um Amerikas berühmteste Kriminalfälle: O.J. Simpson, Michael Jackson, JonBenet Ramsey. CNN gab Grace eine eigene Show im US-Kanal “Headline News”, die Quoten waren bestens. Doch dann interviewte, eigentlich verhörte sie Melinda Duckett, die 21-Jährige Mutter eines verschwundenen, zweijährigen Kleinkindes. “Wo waren Sie?”, begann die Inquisition der fragilen und verstörten Mutter, gefolgt von einem Stakkato an Fragen, als wollte sie ein promptes Geständnis herauspressen: “Warum sagen Sie und nicht, wo Sie waren? Miss Ducket, Sie sagen uns das nicht, weil Sie einen Grund dafür haben. Was ist der Grund? Haben sie einen Lügendetektortest gemacht?” Die junge Frau brachte kaum einen zusammenhängenden Satz heraus, stotterte hilflos. Am Tag nach dem aufgezeichneten Telefoninterview holt sie sich das Gewehr ihres Großvaters und jagte sich eine Kugel in Kopf. Das Interview wurde – kaum zu glauben – gesendet, am Schirm stand zu lesen: “Seit dem Gespräch wurde die Leiche von Melinda Duckett im Haus des Großvaters gefunden”. Die Faszination der Amerikaner über Verbrechensfälle ist für Außenstehende stets schwer nachvollziehbar, doch nach Graces TV-Attacke mit indirekt tödlichem Ausgang scheint die Grenze des guten Geschmacks überschritten: Vor allem in der, in den USA besonders lebendigen und zunehmend mächtigen Blogosphäre wird Graces Kopf gefordert und auch gegen CNN gewettert, die Grace heuerten und das Interview trotz aller Tragik ausstrahlten. CNN beteuerte, dass man den Fall an die breite Öffentlichkeit bringen habe wollen, um den kleinen Buben zu finden. Jetzt nach dem Tod der Mutter ist diese Spur endgültig kalt – und Amerikas Sucht nach TV-Justiz ist um ein weiteres ärmliches (und blutiges) Kapitel reicher.