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“Groundhog Day” heißt der Film, in dem Bill Murray als Wetterfrosch im tristen Nest Punxsutawney jeden Morgen zum gleichen Tag erwacht. So fühlt sich die politische Lage in den USA an, seit Jahren. US-Präsident George Bush, noch vor kurzem wegen innen- und außenpolitischer Debakel in Serie höchst unpopulär, feiert ein Comeback in den Umfragen. Warum? Er redet non-stopp über den Krieg gegen den Terror, 9/11, ein neuer Weltkrieg, ein epischer Kampf, wie der einst der Großväter gegen die Nazis, ein Krieg der Zivilisationen – und der Irak, der ist jetzt die vorderste Front in all dem, und sollten die GIs dort abziehen, dann geht es in Mainstreet USA bald so mörderisch zu wie im Bagdad-Slum Sadr City. Groundhog Day: Die Kriegsrhetorik hat geklappt 2002, als die Republikaner die Midterm-Wahlen gewannen, 2004, als er, trotz Kriegslügen-Skandal und dem sich abzeichnenden Irak-Desaster John Kerry knapp niederrang, und sie könnte funktionieren bei den Kongresswahlen in sieben Wochen, wo ein politisches Erdbeben immer unwahrscheinlicher erscheint. Groundhog Day: Man wacht auf, dreht den Fernseher auf, Bush redet über den 11. September, “als der Terror unsere Küste erreichte”, wie man Kurs halten werde im Irak, sogar die immer gleiche Rede vor der UNO hält er, dazu die finsteren Gesichter seines “Kriegskabinetts”, Dick Cheney, der Kriegskritiker als Feiglinge und unpatriotische Nestbeschmutzer denunziert, Don Rumsfeld, “My Goodness”, der Journalisten und Senatoren belehrt. Groundhog Day. Es klappt wieder: Die martialischen Töne sind lauter, hemdsärmeliger, nach vorne gerichteter und die Aussicht auf Siegesparaden klingt angenehmer, als die von der Opposition vorgetragene Kritik über Amerikas neuer Rolle als internationaler Buhmann, eine inkompetente Regierung, die die Bürger von New Orleans im Stich ließ und außer Steuergeschenke für Superreiche kaum etwas weiter bringt (vor allem nicht beim Klima- und Umweltschutz). Groundhog Day: Bush weiß, dass die Amerikaner nicht gerne verlieren. Die vorgegaukelte Illusion eines “Victory” in Irak, so fern und unrealistisch sie auch sein mag, hilft den Bürgern beim Verdrängen der tristen Realität. Die Kritik der Demokraten, Kriegslügen, Versagen vom Wiederaufbau, Vetternwirtschaft, all die Vergleiche mit Vietnam, schlicht die Wirklichkeit, gehen da eher auf die Nerven. Wer will sich schon gerne an Vietnam erinnert werden? Und niemand muss: Anders als damals, als durch Zwangsrekrutierungen jeder Junge in der Dschungelhölle landen konnte, hat niemand in den USA die Bürde des Irakkrieges zu tragen, außer den Kids, die sich, oft auf der Suche nach einer Ausbildung, freiwillig meldeten. Wie beendet Bill Murray seinen Alptraum? Erst nachdem er sich in einen Menschen entwickelt, der von anderen geliebt, respektiert und geschätzt wird, wacht er schließlich am Folgetag auf. Aber das ist ein Hollywood-Happy-End.