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Seine Stimme klingt gepresst, der Mund ist vor lauter Aufregung trocken, sein Gesicht ist rot, zornesrot. Bill Clinton ist der Kragen geplatzt. Die sich in den letzten Jahrzehnten aufgestaute Wut über Amerikas Rechte entlädt sich in wenigen, explosiven Minuten in einem Interview mit Chris Wallace, Anchor des rechten Nachrichtenkanals “Fox News Channel”. Warum er, Bill Clinton, nicht mehr Anstrengungen unternommen hatte, Osama Bin Laden auszuschalten während er US-Präsident war, wollten Fox-Seher, dass er frage, so Wallace. Es ist der Startschuss zu einer der wildesten Tiraden, die ein Ex-Politiker, noch dazu ein ehemaliger Präsident, wohl jemals vor laufender Kamera abgab. Mit dem Zeigefinger knapp vor Wallace auf den Tisch klopfend verteidigte Clinton seine präsidiale Legacy so leidenschaftlich wie noch nie: Die selben Rightwingers, die ihn damals kritisierten, er verschwende seine Zeit mit Bin Laden oder lenke mit Missile-Attacken von seinen eigenen Problemen ab, kritisieren heute, er hätte ihn ignoriert; er hätte mehrmals versucht, Bin Laden auszuschalten, während ihn seine Nachfolger, Bush & Co, trotz aller Warnungen bis 9/11 ignorierten und sogar den Terrorchef Dick Clarke absetzten; er, Clinton, hätte Osama beinahe erwischt, jedenfalls war es bei ihm knapper als jemals nach ihm; wäre er Präsident, würden US-GIs in den Bergen Afghanistans den Terrorchef jagen und nicht im Irak umherlaufen. Doch Clinton wurde auch sehr persönlich gegenüber Interviewer Wallace: Der mache brav sein Verbal-Attentat im Namen von Fox und den Ultrarechten; kümmere sich einen Dreck um Clintons jüngste Agenda als globaler Wohltäter; sitze da mit seinem überheblichen Grinsen und halte sich für “so clever”; habe sich nicht an die Interview-Vereinbarung gehalten und so weiter. Bei allem Verständnis über Bills Frust für Jahrzehnte an eleganter Tatsachenverdrehung und Verfolgung durch die US-Rechten hat sich einer der schillerndsten und erfolgreichsten Präsidenten (und auch Ex-Präsidenten) der US-Geschichte wieder angreifbar gemacht: Genüsslich dozierten die moralischen Hohepriester der “politischen Korrektheit” nach der Sendung, dass er sehr zornig gewesen sei, dass er so richtig explodierte sei (und das wegen einer so harmlosen und legitimen Frage), dass er ein wenig unstabil wirke. Immer schön die Fassade bewahren, ist das Credo in Amerika. Aber Bills Impulse waren immer schon sein Problem: Legendärer als JFK wäre er geworden, hätte er sich nicht neben dem Oval Office Blow Jobs geben lassen. Prompt kommentierte Fox süfisant, dass sein Fingerwacheln an Bills sicher schlimmsten Moment seiner Politkarriere erinnere, als er 1998 wütend seinen Zeigefinger in die TV-Kamera streckte: “Ich hatte keine sexuelle Beziehung mit dieser Frau, Ms. Lewinsky”.