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Journalisten-Ikone Bob Woodward war in den letzten Jahren oftmals kritisiert worden, sich für den exklusiven Zugang zu den wichtigsten Insidern des White House, inklusive mehrstündiger Interviews mit dem Präsidenten selbst, mit zwei Bush-freundlichen Büchern bedankt zu haben. Nach Zündung seiner jüngsten Buch-Bombe “State of Denial” (Selbstverleugnung) kann ihm das niemand vorwerfen. Woodward brachte Bush diesmal in arge Bedrängnis: Durch eine einzigartige Sicht inside eines “Kriegskabinetts” aus arroganten Stümpern und plumpen Lügnern, und einem großteils ahnungslosen, entrückten Boss, der sich, fast wie einst am “königlichen Hof”, so Woodward, nur gute Nachrichten überbringen lasse und in Meetings, statt wichtiger Fragen zu stellen, lieber derbe Sprüche wie “Kick Ass!” klopfe. Es ist ein Mix aus Unfähigkeit und Überheblichkeit, die tausenden das Leben kostete und eine der strategisch wichtigsten Weltregionen destabilisierte.

Viele von Woodwards Enthüllungen stellen für aufmerksame Bush-Beobachter keine dramatischen Aha-Erlebnisse dar: Klar, er ist desinteressiert, ein religiöser Eiferer, der mit Saddam vor allem auch den Typen ausschalten wollte, der seinen Dad killen wollte, wie ihm einmal rausrutschte. Klar, Rumsfeld hat zwar Saddam per Blitzkrieg gestürzt, dann aber die Besatzung völlig verhaut, indem er verabsäumte, das Land mit genügend US-GIs zu stabilisieren. Klar, führt das White House mit elegantem “Spin” und Jubelmeldungen über den Fortschritt im Irak und der Aussicht auf einen “Victory” das Volk an der Nase herum. So weit, so bekannt. Doch es sind die haarsträubenden Details und der beschriebene, selbst von Bush-Gegnern für kaum möglich gehaltene Grad an Dilettantismus und Größenwahn, der Woodwards State of Denial so lesenswert – und zur Demokraten-Wahlkampfmunition macht.

Als etwa Jay Garner, der im Post-Saddam-Irak den Wiederaufbau leiten sollte, Bush sein Elf-Punkte-Programm vorlegt, interessiert sich der bloß für Garners Florida-Akzent, freut sich, dass er auf einer Farm aufwuchs und verabschiedet ihn mit: “Jay! Kick Ass!” Garner wurde dann bereits nach Wochen von Rumsfeld weggeputscht und durch Paul Bremer, einem Protegé von Ex-Außenminister und, wie Woodward enthüllte, Bush-Top-Irakberater Henry Kissinger, ersetzt. Bremers trauriger Eintrag in die Geschichtsbücher wird gleich drei kolossale Fehler auflisten: Die viel zu tiefgreifende Entfernung von Mitgliedern von Saddams “Baath”-Partei aus dem öffentlichen Leben, die den Irak praktisch vorübergehend unregierbar machte; die Auflösung der irakischen Armee, die hunderttausende Bewaffnete auf die Straße und viele in die Hände der Aufständischen trieb; und die Entmachtung einer irakischen Beratergruppe aus Kurden, Sunniten und Schiiten, die der US-Besatzung ein “irakischeres Gesicht” geben hätte sollen. Als Garner Rumsfeld darüber berichtet und flehte, es wäre nicht zu spät für eine Kurskorrektur, winkte der ab: “Ich glaube nicht, dass wir da was machen können – wir sind wo wir eben sind”.

Doch Bush gegenüber schwieg Garner, erzählte bloß, wie “dankbar” die Iraker über die “Befreiung” durch die Amerikaner seien. Bush schien da gleich gut aufgelegt, klopfte Garner freundschaftlich auf die Schulter: “Hey Jay, möchtest du als nächstes den Iran machen?” “Ich würde lieber auf Kuba warten”, antwortete Garner: “Da sind der Rum und die Zigarren besser und die Frauen hübscher”. Lustig geht es zu im Oval Office.

Woodward berichtet auch, dass First Lady Laura, anders als ihr Gemahl, sehr wohl mitbekommen habe, wie tief Rumsfeld ihn in den Dreck reite. “Er ist happy mit all dem”, erzählte sie Stabschef Andrew Card, der Bush den Rauswurf des selbstherrlichen Rummy empfahl: “Doch ich bin es nicht”. Und, bei einem weiteren Gespräch: “Ich weiß nicht, warum ihn das nicht aufregt?” Interne Warnungen des Pentagon und der US-Geheimdienste über die eskalierende Lage im Irak wurden von Bush & Co, so Woodward, mit “Top Secret” bestempelt und schubladiert – während der Öffentlichkeit rosige Prognosen über die “Fortschritte im Irak” geliefert wurden (und werden). Dabei hatte selbst der Top-Kommandant für den Irak, John Abizaid, immer wieder vor dem möglichen Schlittern des Landes in den Bürgerkrieg und dem Zerbrechen der US-Streitkräfte durch den zermürbenden Endloskrieg gewarnt, so Woodward. Rumsfeld reagierte, mit der steigenden Zahl an Bombenattacken gegen GIs konfrontiert, mit der üblichen Verwirrtaktik: “Die Zahl ist höher, das stimmt”, sagte er zu Woodward: “Aber wir haben die Zählmethode geändert, wir zählen in mehr Kategorien – es ist wie in Fruchtkorb, Bananen, Äpfel und Orangen”. Woodward sei da sprachlos geblieben, schreibt er: Wie könne der Verteidigungsminister Menschen zerfetzende Attacken mit einem Fruchtsalat vergleichen?

Woodward zitierte dann “Vietnam”-Verteidigungsminister Robert McNamara, der zugab, jeder Militärkommandant mache Fehler, die Leben kosten. Treffe das auch auf Rumsfeld zu? Nein, denn er sei ja nicht ein Kommandant, das seien die mit der Uniform am Schlachtfeld. Und das, so Woodward fassungslos, komme von einem Mann, der alle Kontrolle im Pentagon an sich riss, Militärkommandanten bei Widerspruch feuerte und die verbliebenen zu Ja-Sagern degradierte?

Und wir alle wissen, was aus Andy Card wurde, der Rumsfeld Rauswurf propagierte: Er warf “ermüdet” das Handtuch.