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Es ist ein verwackeltes, körniges Video, hergestellt von der Aufständischengruppe “Islamic Army of Iraq”. Zu sehen ist eine Gruppe von Zivilisten, dazwischen ein GI in voller Kampfmontur. Gefilmt wird von der Position eines “Sniper”, eines Scharfschützen, zu hören ist dessen makabere Unterhaltung mit dem “Spotter”, dem Spähorgan der meist im Doppel operierenden Teams: “Da stehen Leute herum”, sagt der: “Sollen wir einen anderen Ort finden?” “Nein, nein”, sagt der Schütze: “Gib mir eine Sekunde”. Ein Knall ist zu hören, der US-Soldat kippt nach vorne zusammen, die Killer jubeln “Allah Akbar”, starten ihren Wagen und fahren davon. Fast 2.800 GIs sind in der Irakhölle bisher gefallen, viele von Scharfschützen erledigt – wie in diesem, von CNN ausgestrahlten, grausamen Video dokumentiert.

Eine derart heftige Reaktion an der Heimatfront hätte sich der Nachrichtenkanal jedoch nicht erwartet: In Blogs, Radioshows und TV-Debatten wurde CNN als Handlanger der Aufständischen-Propaganda bezichtigt, als Vaterlandsverräter beschimpft, sogar das Leben der Soldaten werde durch den Sender gefährdet, wurde protestiert. Bushs White House, gerade wegen dem immer tödlicheren Irakdebakel in einen politischen Überlebenskampf geschlittert, wollte mit der Debatte prompt das alte Klischee von den “Medienlügen” im Antiterrorkrieg schüren. Schlimm genug, so wurde geflüstert, dass die Medien alle “good news” aus dem Irak (was immer damit gemeint ist…) nicht rapportieren, jetzt würden sie auch noch als Komplizen der Terroristen aktiv werden. Ein Republikaner forderte sogar, dass CNN nicht mehr in Truppenverbände “embedded” (eingebettet) werden dürfe.

Klar, sind diese Bilder schwer zu verdauen: Blutjunge Amerikaner in einem fremden Bürgerkriegsland, gejagt in den Straßen von unsichtbaren Schützen wie Wild? Doch die Debatte zeigt vor allem, wie sehr es Bush & Co bisher gelungen ist, den Horror des Irakkrieges an der Heimatfront so gut wie möglich auszublenden. Es ist eine der striktesten Medienzensuren wohl aller Zeiten, selbst Bilder der heimkommenden Särge dürfen nicht publiziert werden (die ersten Fotos tauchten erst im zweiten Kriegsjahr auf und waren von einem Insider den Medien zugespielt worden). Die Einschränkung der Pressefreiheit hat lange Spielraum für die Verbreitung von Bushs Märchen von der Stabilisierung des Iraks, dem Marsch der Freiheit und vom Victory gleich um die Ecke gelassen. Jetzt bricht auch diese letzte Gerüst des Lügengebäudes zusammen.

Der Versuch, CNN als Verräter zu brandmarken, scheitertet auch deshalb: Trotz wütender Zuschriften überwiegen Glückwünsche nach dem Motto: “Endlich wird die Wahrheit gezeigt!”