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Douglas Cobb, 20, kauert im eisigen Wind in einer Rasenfläche neben dem Universitäts-Parkplatz, sein Gesicht hat er tief in den Händen vergraben. Er weint bitterlich. “Ich habe sie geliebt”, sagt er zu ÖSTERREICH. “Sie hat niemanden etwas getan, ihr ganzes Leben lag vor ihr”, schüttelt er monoton den gesenkten Kopf. Cobb trauert um eines der 33 Opfer des schlimmsten Massakers in der US-Geschichte – dem Amoklauf eines jungen Asiaten am Campus der “Virginia Tech”-Universität, drei Autostunden von Washington D.C..

Wenige hundert Meter hinter dem trauernden Mann haben in der Lobby des “Holiday Inn” hunderte weitere Angehörigen das unfassbare mitgeteilt bekommen: Ihre Geliebten sind tot. Exekutiert wurden sie von blutjungen Killer, der mit zwei schwarzen Armeepistolen so schnell und gezielt mordete, wie noch keiner in der US-Geschichte (im bisherigen Horror-Schulmassaker in der “Columbine Highschool” 1999 starben 15 inklusive der beiden Täter).

In der Hotelhalle kauern kauern einige still am Boden, tränen laufen über ihre Wangen, andere umarmen sich. Eine junge Frau im Jogging Anzug schreit plötzlich: “Nein! Ich will ihn wiederhaben!”

Alexander Evans, ein Polizeikaplan, ist einer, der die Nachrichten überbringen muss: “Die meisten haben ja schon eine schlimme Vorahnung, wenn ihr Kids nicht aufgetaucht sind”, sagt er: “Sie wollen Gewissheit”. Helfer des Roten Kreuzes stehen neben dem Tisch, auf dem die Todeslisten liegen. “Viele fallen einfach zu Boden”, so Evans. Wenige Meter weiter rollen ahnungslose Touristen ihre Koffer in die Lobby.

Am “Day After” sickern unfassbare Details über den Horror durch, der sich in den Uni-Räumen abspielte, die in regelrechte “Killing Fields” verwandelt wurden: Gekleidet mit beigefarbenem T-Shirt, Lederjacke, dunklem Hut und schwarzer Patronenjacke wirkte der Mann fast wie die Militärversion eines “Pfadfinders”, so Zeugen. Er stellte Opfer an die Wand, schlachte sie reihenweise ab, “wie bei einer Exekution”, so eine Überlebende. Die Türen hatte er mit Eisenketten verbarrikadiert, um die Polizei die Erstürmung des Gebäudes “Norris Hall” zu erschweren und Opfern den Fluchtweg zu versperren.

“Er steckte seinen Kopf bei der Türe rein”, so Studentin Erin Sheehan, “verschaffte sich einen Überblick und feuert gezielt und ruhig drauf los”. Sie überlebte, da sie sich, einige Leichen auf ihr liegend, tot stellte. 30 Schüsse soll er in bloß eineinhalb Minuten abgefeuert haben. Der Killer wollte zurückkehren, als er nach dem Verlassen des Raumes noch Stimmen hörte. Mit aller Kraft hielten die Überlebenden die Türe zu.
Sein Gesichtsausdruck war ernst aber ruhig, so Zeugen, sogar ein “leichtes Lächeln” wollen andere gesehen haben. Die Polizei fand, nachdem sich der Amokläufer selbst richtete, Leichenberge und blutverschmierte Korridore vor.

“Bum, Bum, Bum”, beschreibt Student Hector Takahashi das unheimliche Geräusch der durch die Korridore hallenden Schüsse. 20 Minuten hätte das gedauert, sagt er: “Ich kauerte in Todesangst am Boden”. Die Schreie der Verwundeten wären durch Mark und Bein gegangen, so Takahashi. Andere waren in der Panik aus dem Fenster gesprungen.
Am Campus der Elite-Uni in der idyllischen Virginia-Kleinstadt Blackburg herrscht aber auch Wut auf Behörden wie Schulverwaltung. Denn begonnen hatte das Massaker wahrscheinlich Montags um 7:15 Uhr, als der Täter seine Freundin wegen eines Seitensprunges zur Rede stellte und dann sie und einen Streitschlichter im Stundenheim “West Ambler Johnston” tötete. Erst zweieinhalb Stunden später waren die Studenten per Email gewarnt worden – kurz darauf begann das eigentliche Massaker. “Ein Doppelmord wäre doch Grund genug gewesen”, protestiert Studentin Christina Ickhoff, “den Unibetrieb abzusagen”. Ickhoff trauert um Ryan Clark, der mit ihr in der Uni-Band die Klarinette spielte. Der war als Vermittler in der West Ambler zum ersten Opfer des Massakers geworden.