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VATech
Trauerfeier am Spielfeld des Virginia Tech-Campus

Als würde man einem am Boden liegenden nochmals “in den Magen treten”, lautet die Reaktion der Studenten am Campus der “Virginia Tech” in Blacksburg auf das Multimedia-Manifest des Killers Cho Seung-Hui. “Es ist eine Stimme aus dem Grab“, sagt Jonathan Berg (20): “Damit hat er uns gleich nochmals zu Opfern gemacht”. Viele denken, die Medien seien die Komplizen des Killers. Und die Wut gegen die TV-Station NBC, die das Material veröffentlichte, wächst: Angehörige der Opfer sagten vereinbarte Interviews mit dem Sender ab. In Lokalen am Campus forderten aufgebrachte Studenten, die TV-Geräte abzuschalten.

Trotz allem Zusammenhalt der 26.000 Studenten an der Elite-Uni, den sie der Welt beeindruckend in berührenden Trauerfeiern und einem Lichtermeer demonstrierten, sind viele vom Ort des Grauens geflüchtet. Beim Lokalaugenschein vor dem “Harper Hall”, dem wuchtigen dreistöckigen Steinbau, in dem Amokläufer Cho Massenmord und Manifest vorbereitete, laden Studenten ihre Koffer in die Autos. Wie Zombis sehen sie aus: Erschöpft von der Verarbeitung des Horrors, teils verärgert über die Belagerung durch tausende Reporter aus aller Welt, deprimiert über die Tatsache, dass “VT”, das Kürzel ihrer Uni, auf die sie so stolz sind, fortan als Synonym für den schlimmsten Massenmord der US-Geschichte stehen wird.

“Ich bin wütend auch auf mich selbst”, schüttelt Karan Grewal, der mit Cho in der selben Suite lebte, im Gespräch mit mir den Kopf: “Ich wünschte, mir wäre mehr aufgefallen, dann hätte ich warnen und vielleicht Menschenleben retten können”. Grewal hatte Cho am Morgen des Massakers noch beim Verlassen seines Zimmers gesehen. “Er war unauffällig”, sagt er, “wie immer”. Cho habe mit niemanden geredet, sah TV, trainierte in der Kraftkammer, “immer alleine”, so Grewal.

Studenten, die den mit seinen historischen Steinbauten in idyllischer Gartenlandschaft an britische Unis erinnernden Campus aus Solidarität nicht verlassen wollten, eilten die Eltern in diesen dunklen Stunden zu Hilfe. Trotz intensiven Abraten der Uni-Leitung strömten Tausende in die Region, sprengten alle Hotelkapazitäten. Ganze Familien stehen jetzt, sich umarmend vor den spontan eingerichteten Gedenkstätten auf der Rasenfläche des “Drill Field” im Herzen des Uni-Geländes, wo Tausende Botschaften und Blumen hinterlassen haben.

Die Stimmung an der “VA Tech” ist wohl nur mit der in Manhattan nach 9/11 vergleichbar, wenn auch im kleineren Rahmen. Beim Besuch des österreichischen Institutsvorstands für Politikwissenschaft, Ilja Luciak, sitzt das Personal wie gelähmt an den Schreibtischen, Tränen laufen über die Wangen. Als sich Luciak mit dem befreundeten Chef der “International Studies”, Ioannis Stivachtis, trifft, läuft der in seinem Büro im Kreis, seine Augen sind rot vom Heulen. Zwei seiner Studenten sind tot. “Sie waren so brillant”, schüttelt er de Kopf: “So ein Potential, so ein sinnloser Tod”.
In einem Café in abseits des Uni-Geländes sitzen Studenten an der Theke, starren in die TV-Schirme, praktisch alle weinen, einige non-stopp, andere in Intervallen. Studentin Carmen Byker ist inzwischen fast froh, dass am Montag der Unibetrieb wieder aufgenommen wird: “Sonst würden wir hier wohl alle Verrückt werden vor ohnmächtiger Trauer”.