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Seit Tagen wird das neue Enthüllungsbuch des Ex-CIA-Direktors George Tenet im TV in aller Erregung diskutiert. Zeit für mich, mir eines bei Borders an der Ecke Broadway/Wall Street zu holen. Gleich ein ganzer Stapel ist hinter der Eingangstüre platziert, royales Marketing-Treatment, würdig des als “Buch des Jahres” gepriesenen 549-Seiten-Wälzers At the Center of the Storm. Ob sich das Ding auch gut verkaufe, will ich an der Kasse wissen. “Wer ist der Typ?”, starrt die Verkäuferin auf Tenets entschlossenes Gesicht: “CAI…? Nein, das habe ich heute noch nicht gesehen”. Dreamgirls, ruft sie mir nach, ja, Dreamgirls, die DVD, das sei heute der große Verkaufshit. Ob ich den Film gesehen habe? Nein, lache ich, als ich mit meinem Tenet-Loser abziehe.

Der legt gleich auf Seite Eins ordentlich los: Am Day After nach 9/11 hätte er Richard Perl (Bush-Militärberater, Pate der Neocon-Bewegung, Spitzname “Prinz der Finsternis”) aus dem Oval Office kommen sehen, der gleich loslegte: “Irak wird dafür einen hohen Preis bezahlen!” Tenet habe sich bloß gewundert, was der über den Irak fasle, wenn das von Tenet 18 Stunden zuvor höchstpersönlich studierte Passagiermanifest der vier Todes-Jumbos eindeutig belegte, dass Al-Kaida Urheber des Twin-Tower-Infernos war.

Tenet hat – einerseits – einen echten Thriller geliefert, zeigt das Weiterblättern: Während sonst recht wenig über die innere Funktionsweise der US-Spionagetruppe bekannt ist, schildert er in aller detailtreue die Jagd nach Osama bin Laden oder illustriert die täglichen Ströme schriller Alarme über immer perfidere Terror-Komplotte. Besonders das Studium dieser Kapitel macht mich etwas nervös, da ich ja mitten in der Zielscheibe Nr. 1, Manhattan, hocke: Von einem Alarm im Herbst nach 9/11 ist da zu lesen, wonach Al-Kaida eine taktische Atombombe in die USA geschmuggelt habe, die, wo sonst, in New York zum Einsatz kommen hätte sollen. Oder geplante Anschläge mit Zyanid, Angriffe auf Apartmentgebäude oder die Subway. Abgeblasen worden seinen die, so Tenet, da die Terror-Organisation schon was “viel besseres” in Planung habe. Auch sehr beruhigend.

Doch bevor – und jetzt kommt das große andererseits des Buches – ich eine lupenreine Panikattacke aufziehe, schießt mir in den Kopf: Was weiß schon George Tenet? Der Unglücksvogel hat 9/11 verschlafen, Osama in den Bergen Tora Boras entwischen lassen und Bush mit der falschen Bestätigung angeblicher Arsenale an Saddam-Massenvernichtungswaffen (WMDs) einen Persilschein für den Irakkrieg ausgestellt.

Dazu versucht Tenet – und dafür wird er seit Tagen in den Medien geprügelt – auch, sich selbst als Opfer eines kriegslüsternden White House neu zu positionieren: Er jammert, wie er durch den Sager vom Slam Dunk in Sachen WMD-Beweise zum Sündenbock des Irakfiaskos gemacht wurde. Buh-Hu! Tenet hat wohl vergessen, dass er wohl kaum mit der telegenen Top-Spionin Valerie Plame mithalten kann – deren Karriere tatsächlich von den Bush-Kriegern als Rache für die Kritik ihres Gatten Joe Wilson zerstört worden war. Amerika kennt Tenet, als er in der UNO mit versteinerter Mine hinter Colin Powell saß, als der den ganzen, von Tenet abgesegneten Quargel über Saddams Horror-Arsenale runterratterte.

Vielleicht hätte ich mir doch die Dreamgirls-DVD kaufen sollen.

Tenet: Just released, 30% off