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Sechseinhalb Jahre geht das jetzt so, die absurden Bush-Reden, die gleichen unsinnigen Argumente, die Tiraden seiner Sprecher, die alle Andersdenkenden als Fahnenflüchtlinge und tapfer kämpfende GIs im Stich lassende Feiglinge denunzieren. Ich könnte den Fernseher ja abdrehen. Leider geht das aus beruflichen Gründen nicht: Ab und zu gibt es ja doch echte Breaking News, die ich als Korri nicht versäumen sollte…

Daher ist 20 Uhr auf dem Nachrichtenkanal MSNBC ein Highlight, auf das ich mich täglich freue – es hilft mir, halbwegs bei Sinnen zu bleiben. Der Moderator ist Keith Olbermann, das linke Pendant zu “TV-Staberl” Bill O´Reilly auf Fox, der täglich eine Stunde lang gnadenlos mit Bush & Co abrechnet und mitunter fast mit “Daily Show”-Star Jon Stewart um die besten Pointen des Tages wetteifert.

Und wenn sein Studiogast die vielleicht schärfste Feder des US-Printjournalismus, Frank Rich von der New York Times, ist, fliegen wirklich die Fetzen. Besonders am vierten Jahrestag von Top Gun Bushs Landung im Kampfjet am Flugzeugträger, um den frühzeitig Sieg im Irak zu verkünden. Man könnte sich ja eigentlich zerkugeln über die komplette Absurdität des makaberen Polittheaters, das Bush seit 9/11 abzieht. Wenn die Sache nicht so tragisch wäre: Ja genau, die über hunderttausend toten Iraker, die 3.350 gefallenen GIs, der Nahe Osten am Abgrund und die Reputation Amerikas auf Generationen atomisiert.

Olbermann leitet das Gespräch mit der Bemerkung ein, dass ihm die Bush-Rede vorkam, als hätte er sie 2003 aufgezeichnet, ein komplettes Wiederkäuen so bekannter wie hahnebücherner Argumente. Und: “Wen kümmert es eigentlich noch, was er über den Krieg sagt?” Wegen dem Ausmaßes der Verheerung vergleicht Bush dem Post-Saddam-Irak etwa bereits mit dem Nachkriegsdeutschland, wo langfristige Wiederaufbaupläne nötig seien, fügt Rich hinzu. Doch auch hier gibt es keine Good News: Die wenigen von den USA im Irak gebauten Prestige-Projekte verfallen durch einen Mix als Korruption und Inkompetenz.

Dann argumentiert Bush, so Olbermann, er könne nicht zulassen, dass Politiker in Washington 6.000 Meilen weit entfernt den Krieg befehligen – als hätten sich 2003 die US-Streitkräfte ohne Zutun von Politikern (wie etwa dem US-Präsidenten, seinem Vize oder Verteidigungsminister?) völlig eigenständig in Richtung Bagdad in Bewegung gesetzt. Dann wundert sich Rich, wie Bush so komplett durchgeknallt sein kann, sein Veto auf das Kriegsfinanzierungsgesetz ausgerechnet an Jahrestag Nr. 4 seines kolossalen “Mission Accomplished”-Flops zu kritzeln: “Der lebt wohl inzwischen komplett in einer absoluten Luftblase, abgeschirmt von jeglicher Realität”, so der Kolumnist.

Und dann klang wieder durch, ätzte Olbermann weiter, dass die Dems die Truppen nicht unterstützen: “Und das kommt von denen, die US-Soldaten in einem sinnlosen Krieg schickten, ohne ausreichende Rüstung, ohne gepanzerte Humvees, deren verkrüppelte Veteranen in lausigen Militärspitälern dahinvegetieren”. Rich: “Ja, jene, die den Dems vorwerfen, durch ihre Politik würden Militärfamilien länger ohne ihre Geliebten auskommen müssen – und die dann am Folgetag die Tours von 12 auf 15 Monate verlängern”.

Olbermann fügt an, dass er kürzlich Orwells 1984 nochmals durchgeblättert hätte, da der Stoff fast schon gespenstisch an Bushs adaptiertes Drehbuch eines “endlosen Krieges” erinnere. Das wichtigste ist, die Kriege zu führen – immer neue Gründe dafür können nachgeliefert werden. Rich kontert, dass das White House zum Ausbrüten solch komplexer Strategien nicht einmal fähig sei: “Die dachten an einen schnellen Joy Ride durch Bagdad gefolgt von einer triumphalen Heimkehr vor Weihnachten 2003”. Nachsatz: “Wie zündelnde Kinder. Und jetzt ist das ganze in deren Gesichtern explodiert”.

Wie gesagt, köstlich – wenn es nicht so makaber wäre.