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Da musste ich mir fast die Augen reiben in der Früh beim Durchblättern der New York Post – und das lag nicht an meiner nervigen Frühjahrspollen-Allergie. Das rechte Massenblatt freute sich über die Wahl von Nicolas Sarkozy als eine Art “französischen Rudy” – in Anspielung auf New York Ex-Bürgermeister und Republikanerkandidaten für den hiesigen Präsidentschaftsposten Rudy Giuliani – und schrieb: “Die Franzosen wählten einen Mann, der den Bruch mit der Vergangenheit versprach, genau wie die New Yorker 1993 mit Giuliani, da die Verhältnisse so schlimm waren, dass das Risiko gering schien”.

Ich erspare mir den Versuch einer Analyse des Vergleiches zwischen Frankreich 2007 und New York 1993 – und auch über Sarkozy weiß ich gerade so viel wie man als interessierter Mensch so aufschnappt aus Zeitungen und Web. Doch zu Giuliani fällt mir einiges ein. Und ich hoffe für Frankreich und Europa, dass sich Sarkozy letztendlich nicht als Rudy Tricolore entpuppt.

Ich muss eingestehen, erst 1999 nach New York übersiedelt zu sein, wo die erste verdienstvolle Phase Giulianis bereits vorüber war: Er hatte aufgeräumt im desolaten Großstadtdschungel, New York zu einer reichen, lebenswerten und sicheren Metropole gemacht. Doch genau deshalb schlitterte er selbst in die Krise, denn Giuliani braucht Konflikt und Angriffsziele.

So führte er weiter Krieg in einer Stadt, die er längst befriedet hatte: Gegen Museen wegen angeblicher Gotteslästerung, gegen seine eigene Frau, die er per Pressekonferenz über seine Scheidungsabsichten unterrichtete, gegen unschuldige Todesopfer von Polizeiübergriffen, als er die Jugendstrafakte eines von Cops getöteten Bodyguards veröffentlichte, das der gerade aufgebahrt wurde. Die New Yorker hatten genug von Rudy, seine Popularität unter Farbigen war sogar “statistisch nicht erfassbar”, also praktisch Null, wie Meinungsforscher staunten. Keine Ruhmesblatt für den Chef des bunten Big Apple.

Als am 11. September tatsächlich der Krieg nach New York kam, blühte Giuliani auf – und ich muss offen sagen, dass ich ihm Leadership, Charisma und all seine Mahnungen gegen Rachegelüste in diesen bitteren Tagen hoch anrechne. Doch auch hier folgte das Comeback seines unbändigen Egos zu rasch, als er ernsthaft vorschlug, die Verfassung außer Kraft zu setzen, um drei Monate länger regieren zu können (ja, so verrückt waren die Zeiten damals im Post-9/11-NY). Und aufgearbeitet ist heute auch, wie unvorbereitet New York unter Giulianis Führung war auf den Jumbo-Terror, trotz der ersten Attacke auf die Twin Towers 1993 als Warnung: Sein 23 Millionen teures “Kommandozentrum” etwa hatte er in WTC-Gebäude Nr. 7 praktisch mitten in der Zielscheibe installiert (es kollabierte am 11. September sieben Stunden nach den Twin Towers).

Rudy versucht nun, mit dem Rest des 9/11-Schocks der Amerikaner ins Oval Office zu gelangen und führt das Feld an Republikaner-Kandidaten an.

Doch wieder werden seine Schwächen und vor allem sein autoritärer Stil sichtbar:

  • Er herrschte Medien an, seine Frau, Gattin Nr. 3, “in Ruhe zu lassen” oder beschwerte sich bei den Bossen des Senders NBC über den, ihm gegenüber kritischen TV-Anchor Keith Olbermann (Rudy lässt sich eben nicht gerne kritisieren);
  • Dem Wahlvolk hat er offen gedroht, dass, sollten sie einen Demokraten ins Oval Office wählen, ein neues 9/11 drohe (bravo, nach sechseinhalb Jahren Bush/Cheney sehnen wir uns wohl nach einer Fortführung derart perfider, politisch motivierter Panikmache);
  • Und offensichtlich ist auch, dass Rudy, wie die meisten Egomanen, bei seinem Beraterstab eher auf Loyalität als Kompetenz setzt: Sein ganzes Wahlkampf-Team besteht fast ausschließlich aus Buddys seiner New Yorker Bürgermeisterzeit.
  • Giuliani hat Sarkozy 2002 bereits getroffen und wird den Pariser Wahlsieg sicher für seine eigene Oval-Office-Kampagne ausnützen. Aber ich hoffe, dass die beiden Rechtsausleger das nächste Mal nicht im White House zusammenkommen.