Print Friendly, PDF & Email

Der Mann war vielleicht 45 Jahre alt, teurer Maßanzug, Blackberry in der Hand, Ohrenstöpsel, Wallstreet-Typ, keine Frage. Und er war in Eile, als er mich bei einer provisorischen Fussgängerbrücke am Südrand von “Ground Zero” überholt (obwohl ich auch recht flott marschiere, da man sich das recht schnell angewöhnt in Manhattan). Beim Runterlaufen über die Stiegen behindert ihn plötzlich ein entgegenkommender Fussgänger. “Wissen sie nicht, dass Sie auf der anderen Seite raufgehen sollen?”, plärrt er den verdutzten Bürger an, obwohl keine Schilder und schon gar keine Gesetze die Behauptung unterstützen. “Sie Vollidiot”, ruft er dem Mann noch nach und verschwindet im Getümmel zehntausender kreuz und quer durch das enge Straßenlabyrinth des “Financial District” rennender Banker.

Ich schüttle den Kopf und denke mir noch, dass Geld wohl nicht glücklich macht. Denn Kohle wird dieser reizende Mitbürger genug machen. Falls nicht, hätte er in einem Klima explodierender Aktienkurse, Hedgefonds-Profite oder lukrativer “Private-Equity”-Riesendeals wirklich einen Grund für schlechte Laune.

Die Szene ist auch ein weiterer Beweis, dass New York bereits weit entfernt ist von den Tagen nach 9/11, als die in Trauer geeinte Metropole einer gigantischen Massenumarmung glich. Und der Zwischenfall, von denen sich sicher – während ich diese Zeilen tippe – dutzende in den überfüllten Hochhausschluchten wiederholen, verdeutlicht, dass ein kühlerer Wind durch den Big Apple bläst.

New York ist der letzte Ort der Erde, wo leicht Neidgefühle aufkommen. Doch das Abkassieren einer einzigen Berufsgruppe, nämlich allen mit der Finanzindustrie Assoziierten, führt wegen seiner zunehmenden Absurdität zu kollektivem Kopfschütteln bei der Restbevölkerung: 16 Milliarden Dollar hatte die Investmentbank “Goldman Sachs” allein als Weihnachtsbonus ausgeschüttet, nachdem deren Quartals-Profite um 93% explodierten. Spitzenhändler konnten sich auf Schecks in der Höhe von über 100 Millionen Dollar freuen. Vor dem Goldman-Sachs-Headquarter teilten fesche Girls Broschüren für Privatjets, Ferraris und die teuersten Penthouse-Suiten Manhattans aus. Und damals dümpelte der Dow noch bei mickrigen 12.200 Punkten herum und nicht die stolzen 13.309,07, bei denen er am Dienstag schoss.

Insgesamt spült das alles jede Menge Steuereinnahmen in die Kasse der Metropole. Bürgermeister Michael Bloomberg kann sich über Budgetüberschüsse freuen – und auch darüber, dass sein eigener “Net Worth” als Besitzer des gleichnamigen Finanzdienstes durch die Dagobert-Duck-Ära an der Wall Street, wo der Dow den besten Bullenlauf seit 80 Jahren absolvierte, sich von fünf auf 13 Milliarden Dollar erhöhte. Doch die Explosion an Reichtum macht das Leben für alle anderen unerschwinglicher, da die Preise in immer loftigere Höhen getrieben werden: Wer außer einem Investmentbanker soll etwa im “William Beaver House” einziehen, einem der jüngsten Super-Mega-Hipp-Condo-Projekte unter dem Titel “Supercharged Downtown Lodge & Residence” (die Designer kümmerte es nicht einmal, dass “supercharged” auch leicht als “overcharged”, also Beschiss interpretiert werden könnte). Laut Broschüre lungern dort in der Bar im 45. Stock, der durchgestylten Lobby oder am Indoor-Pool lauter 20-Jährige Supermodells mit Cosmo-Cocktailgläsern herum. 2,2 Millionen Dollar kosten dort die etwas größeren Apartments. Dutzende solcher Projekte rasen in New York zur Zeit gen Himmel.

Junge, kreative Künstler, Cops, Lehrer, Beamte und Arbeiter mussten Manhattan schon längst verlassen, nun dürften auch “Professionals” folgen. Vielleicht sind die Banker dann bald unter sich in ihrer Luxusstadt – und können sich gegenseitig anpflaumen, wenn jemand die Fußgängerübergang-Treppe auf der falschen Seite raufsteigt.