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Als die Rauchfahnen der glosenden Trümmerhalde Ground Zeros durch Manhattan wehten, dachten wenige, dass die Airlines-Industrie überleben würde. Man soll sich nicht täuschen, die wichtigsten US-Fluglinien schreiben wieder Gewinne, das Passagieraufkommen hat Pro-9/11-Dimensionen erreicht – und die Luftkorridore platzen aus allen Nähten, schlimmer als je zuvor. Diesmal hatte ich die Ehre, deren – kurzfristigen – Kollaps am Rückflug von Miami selbst miterleben zu dürfen.

Brav fahre ich mit meiner Familie zum Miami International Airport, zeitgerecht, eigentlich früher als ich sollte, weil ich immer nervös bin, den Flug zu verpassen (muss ich geerbt haben…). Am Programm steht Continental, Flug 539, Abflug 15:41 Uhr, nach Newark, New Jersey, gleich über den Hudson Fluss. Als am Gate angekommen auf der Schalttafel noch nichts steht, bekomme ich ein erstes flaues Gefühl. Per Email kommt als “Travel Alert” die Bestätigung: Flug verspätet, dennoch sollen alle Passagiere am Gate pünktlich erscheinen (er könnte ja doch noch pünktlich sein, so die Erklärung). Die Airline will ihre Kunden lieber an den unbequemen Sitzreihen am Terminal versammelt haben, als sie länger am Beach herumplantschen lassen. Wetterprobleme in Newark heißt es. 17 Uhr vielleicht. Ich checke am Computer das Wetterradar und stelle zu meinen Entsetzen fest: Tatsächlich, es regnet in New Jersey. Und da wird aus einer Verspätung leicht ein Alptraum, weil das auf permanentes Schönwetter ausgelegte Aviations-System weder Platz-, Sprüh- oder Schnürlregen, noch Nebel, Schnee, Graupel oder starken Wind verträgt.

Aus 17 Uhr wird 18:15 Uhr und die erste Phase eines derartigen Dramas beginnt: Das Aufbegehren der Fluggäste. Wild gestikulieren einige vor dem leidgeprüften Personal: Wieso? Wann? Gibt es andere Flüge? Wie lange wird das Gewitter dauern? Wann geht es wirklich los? Bekommen wir einen Gutschein für Disneyland? “Ich kenne das”, beruhigt eine Frau alle Umstehenden: “Das letzte Mal kam ich um 5 Uhr früh heim”.

Jetzt sind wirklich alle ausreichend alarmiert. Zeit für die Airline, den Kapitän als Geheimwaffe einzusetzen: Wir wollen verhindern, sagt er mit der geballten Autorität, die ihm Klappen auf den Schultern und die weiße Schirmkappe verleihen, dass alle eingepfercht im Flieger vor der Startpiste stundenlang auf die Freigabe warten. Das klingt einleuchtend: Zu frisch sind die Erinnerungen, als dutzende Jumbos der Billig-Airline Jet Blue am JFK bis zu zehn Stunden ihre Passagiere in einem Graupelsturm in “Geiselhaft” hielten, bis einige per Handy die Außenwelt und Medien um Hilfe anflehten. Auch wolle man vermeiden, dass unser Flug auf einen anderen Airport umgeleitet wird, wie unsere armen Vorgänger auf Flight Soundso, die jetzt im Jersey-”Las Vegas” Atlantic City festsitzen (ob das stimmt, weiß natürlich kein Mensch).

Phase II folgt: Resignation. Besonders, nachdem jetzt immer mehr über 20 Uhr Abflugszeit gemunkelt wird. Immerhin, das Glas ist eigentlich auch halbvoll: Wir haben Strom zum Nachladen der Laptops, denn Sohn Maxwell hat die erste Batterienladung durch “Pooh´s Heffalump Movie” bereits aufgesogen; Daddy hat das Internet zum Arbeiten; Verpflegung für uns alle gibt es ebenfalls, wenn auch die Auswahl von Pizza Hut bis Burger King so bescheiden wie der Wert der uns von Continental zur Verfügung gestellten Essensgutschein ist. Acht Dollar pro Person. Die Atmosphäre am Gate wird mit fortschreitender Erschöpfung gelassener: Ein älteres Paar schaut am tragbaren DVD-Player “Mr. Bean” und haut sich ab, dass es nur so durch die Halle hallt. Maxwell führt einen Zug aus 20 “Thomas”-Loks und Wagons um die Sitzreihe. Einige Passagiere haben Freundschaft geschlossen.

Der komplette Alptraum bleibt uns erspart: Um 19:30 wird geboarded, um 22:30 ist Touchdown in Newark. 3:50 Stunden Verspätung, es hätte dramatischer sein können. Beunruhigend ist bloß der Gedanke, dass wieder ein Platzregen Zehntausende Fluggäste verstreut in den USA aus der Bahn geworfen hat. Und klar ist mir auch, warum Hollywood derart viel Erfolg mit Komödien absurder Travel-Alpträume hat.