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Oberösterreichs Landeshauptmann in Ruhestand, Josef Ratzenböck, hatte – wenn ich mich recht erinnere – Ausländer, “denen man die Abstammung ansieht”, als Tourismus schädigend denunziert. Na, der hätte Panikattacken hier in den USA. Jeder Dritte sieht hier inzwischen derart Tourismus störend aus, in vielen Orten sogar eine satte Mehrheit.

Gedacht habe ich mir es ja schon lange, dass es hier irgendwie recht Multikulti zugeht: Meine Steuerberaterin ist Chinesin, die Kinderärztin meines Sohnes Maxwell ebenso, mein Zahnarzt Russe, die Lehrerin von Max ist Afroamerikanerin, ihre Kollegin Mexikanerin, die Mutter seiner besten Freundin Chiara ist Senegal-stämmige Französin. Und seine Klassenkameraden sind sowie ein Mix aller nur erdenklicher Kombination aus Rassen und Nationalitäten.

In meiner eigenen vier Wänden sieht es nicht anders aus: Meine Frau ist koreanisch-chinesisch-stämmig, geboren in Kuala Lumpur, aufgewachsen in Australien, Max ist eurasischer, bereist hörbaren Slang verbreitender New Yorker. Mit drei Reisepässen kreuzen wir bei den Immigrationsschaltern auf: Ein amerikanischer (Max), eine malaysischer (Estee), ein österreichischer (ich). Hat den Vorteil, sich in gleich drei Kontinenten immer den Schalter mit der kürzesten Schlange aussuchen zu können.

Maxwell und Chiara
Chiara und Maxwell

Und warum wie uns in New York und auch sonstwo in den USA so wohl fühlen, belegte am letzte Woche Amerikas statistisches Zentralamt: Die Zahl von Bürgern aus ethnischen Minoritäten (d.h. Nicht-Weiße) ist auf 100,7 Millionen explodiert, das sind mehr, als alle US-Bürger zusammen im Jahr 1910. Heute stammt damit jeder dritte Amerikaner von einer Minorität ab, die in Hawaii (72%), D.C. (68%), New Mexico (57%), Kalifornien (57%), Texas (52%) und natürlich New York City längst die Mehrheit sind. Amerika, stets ein Einwanderungsland, verkörpert immer mehr den Mix der Weltbevölkerung – in diesen dunklen Bush-Tagen eine der wenigen positiven Entwicklungen, wodurch die USA weit besser gewappnet bleibt für die Zukunft der globaler Menschenvermischung als etwa Europa oder Asien.

Ist das hier eine romantischer Schmelztiegel, wo sich alle lieb haben, wie viele Mulikulti-Träumer meinen? Natürlich nicht. In New York steigen sich die Vertreter von 175 Nationen im hektischen Alltag ständig auf die Zehen – und man darf sich auch auf die Nerven gehen. Aber niemand wird gezwungen, sich zu assimilieren. Mit wem auch? Es gibt ganze Straßenzüge in “China Town”, wo man in Englisch so erfolgreich nach Direktionen fragt, als wäre man in Zentralchina. Wen kümmert es. New York ist ein Mosaik, kein Meltung Pot. Doch die totale und komplette Vielfalt scheint genau das Erfolgsrezept für Toleranz zu sein: Ein gewisser Grad an Respekt voreinander ist ein absolutes Muss und der Kitt, der die Bürger des Big Apple zusammenhält. Vorurteile und Xenophobie, auch wenn sie in jedem irgendwo tief drin stecken, müssen dort auch bleiben. Es ist kein einfacher Ort, Rassist zu sein: Eine Minute Fahr im “F Train” nach Queens würde zum mentalen Kollaps führen…

Die Zukunft menschlicher Habitate ist hier vorweggenommen. Es ist besser, sich damit zurechtzufinden, als das Rad der Zeit zurückdrehen zu wollen oder dem kommenden Vielvölkergemisch panisch entgegenzublicken. Wie damals Ratzi.