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Mein Handy läutet. Es ist ein Bekannter, Juan Sierra, ein Bautischler, den ich in den Tagen nach 9/11 in der Subway zufällig kennenlernte. Ob ich den Artikel gelesen habe, ruft er aufgeregt ins Telefon. Juan leidet an Asthma durch seinen freiwilligen Einsatz in der toxischen Trümmerhalde Ground Zeros. Er meint sicher die Schlagzeilen in den Massenblättern über das Hinzufügen eines 2.750-ten Opfers des Twin-Tower-Infernos: Felicia Dunn-Jones war am 11. September von der Staubwolken bei der Flucht vor den kollabierenden Türmen eingeäschert worden und verstarb acht Monate später nach quälendem Husten und konstanter Müdigkeit. Jetzt erst wurde sie nach langem Rechtsstreit als erstes offizielles “Staubopfer” in die New Yorker 9/11-Todesstatistik aufgenommen, was auch den Weg für Kompensationszahlungen an die Hinterbliebenen frei machen. 2,6 Millionen Dollar, um genau zu sein.

Juan Sierra
Juan Sierra vor der Baugrube Ground Zeros

“Wir werden alle sterben”, fährt Juan aufgeregt fort. Dabei ist Juans Story wirklich inspirierend, da sie so viel vom New Yorker Pioniergeist, spontaner Hilfsbereitschaft und Durchhaltevermögen in diesen furchtbaren Tagen im September vor fünfeinhalb Jahren verkörpert: Als die Towers einstürzten verließ Juan ohne nachzudenken seine Baustelle an der 14. Straße. Er schnallte sich seinen Werkzeuggürtel um und marschierte die West Street entlang auf die Rauchsäule zu. Hunderte Eingeäscherte kamen ihm entgegen. Er hat sich nie umgedreht.

Eine Woche lang wühlte er non-stopp in messerscharfen Metalltrümmern, dem weißen, hochgiftigen Pulverstaub der zermalmten Skyscrapper und Leichenteilen herum. Niemand hat ihm das angeschafft, alles war spontane Hilfe. Er hat es mit seiner Gesundheit bezahlt: Einst kerngesund keucht er heute mit schwerem Asthma selbst nach ein paar Stufen, den kleinen Asthma-Inhaler hat er stets griffbereit.

Hilft ihm jemand jetzt, nachdem er damals half, ohne nachzudenken? Nein, natürlich nicht. Und Juan ist nicht alleine: Zehntausende meldeten sich damals, New York in Rekordzeit wieder auf die Beine zu stellen und die Milliardenmaschine Wall Street wieder anzuwerfen. Bürgermeister Rudy Giuliani feuerte sie an, lief selbst als Ikone leichtsinnigen Machotums ohne Schutzmaske durch die qualmende Grube und bastelte an seinem Helden-Mythos – der ihn jetzt bis ins Oval Office bringen soll. Doch das kann alles leicht zum Eigentor werden: Zwei weitere Todesfälle von Feuerwehrleuten haben Obduktionsmediziner mit der Giftgrube bereits eindeutig in Zusammenhang gebracht – in den heißen Wahlkampfmonaten 2008 wird die Zahl solcher Fälle eskalieren, so Experten. Und “Rudy hemdsärmelig” verstärkten Erklärungsbedarf über das Missachten der Warnungen vor Gesundheitsrisiken für die Helfer haben.

Juan darf sich inzwischen alle acht Monate bei der “Health Registry”, die Langzeiteffekte der Staubhölle studiert, zum Check-Up melden: “Da komme ich mir denn vor wie ein Versuchskaninchen, dessen langsames Zugrundegehen studiert wird”, sagt er frustriert. Von Kompensationszahlungen keine Rede, von Kostenerstattung für die teueren Arztbesuche ebenso.

Eines ist für ihn klar: Sollte wieder ein Jumbo in ein Gebäude krachen oder eine sonstige Katastrophe passieren, wird er in die Gegenrichtung marschieren.