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An den Faux Pass kann ich mich noch gut erinnern. Ich war zum Dinner in einem Restaurant am West Broadway. “Was ist dieser Memorial Day”, fragte einer meiner Gäste aus Österreich. Die Kellnerin stand zufällig hinter uns mit dem Getränketablett. “Das ist der inoffizielle Start des Sommers”, plaudere ich recht gedankenunbeladen darauf los, auf Englisch, da nicht alle in unserer Runde deutsch sprechen. Von hinten kommt plötzlich im frostigen Tonfall: “Eigentlich”, wirft die Kellnerin ein, als sie Drinks am Tisch stellt, “gedenken wir an diesem Tag an unsere gefallenen Soldaten…”. (Und wahrscheinlich denkt sie sich, “….auch an die, die gegen euch Nazis-Ärsche gefallen sind….”). “Ooops”, hätte Britney gesagt.

Stimmt, obwohl Millionen Amerikaner diesen freien Montag nützen werden, um erstmals massenhaft über ihre Beaches herzufallen (die haben so wenig Urlaub, dass ihnen jedes lange Wochenende wie ein “Sabatical” vorkommt…), wird offiziell den Toten aus allen US-Kriegen gedacht. Und als in Österreich Geborener vergisst man leicht, dass dieses Land eine stolze Militärtradition hat – die in New York dieser Tage während der “Fleet Week” demonstrativ zur Schau gestellt wurde: Da fahren mehr Kriegsschiffe durch den Hudson, als selbst zur Zeit vor der iranischen Küste manövrieren, schwere Militär-Frachtmaschinen fliegen so tief, dass alle vom post traumatischen 9/11-Stress geplagten, ihre Psychiater anrufen. Auf den Condominium-Baustellen entlang des Flusses hängen Transparente “Welcome Home”. Und die Massen an Seeleuten in ihren blütenweißen Uniformen sind spätestens seit der “Sex and the City”-Episode legendär.

Willkommens-Transparente Hudson
Willkommenstransparente hängen an den Baustellen am Hudson

Kaum zu glauben ist es jedoch, besonders in solchen Tagen, wie die tapferen Kids, die Amerikas Kriege führen, von machtgierigen, zynischen Politikern hängen gelassen werden – und wie diese Politiker alle diejenigen, die GIs aus einem sinnlosen Krieg, wie zurzeit den Irakkrieg, rausholen wollen, als Landesverräter verdammen. Das faszinierendste Beispiel ist John McCain: Der saß selbst fünfeinhalb Jahre im Folterknast “Hanoi Hilton” in einem ebenfalls recht sinnlosen Krieg in Vietnam fest und muss sich ja irgendwann danach auch die Sinnfrage für sein eigenes Leiden und den Tod von insgesamt 57.000 GIs gestellt haben. Zehntausende starben, selbst nachdem Henry Kissinger mit Richard Nixon 1969 offen debattiert hatte, wie Historiker Robert Dallek kürzlich in einem Buch enthüllte, dass der Krieg eigentlich bereits verloren ist (und alle, die ihn beenden wollten, waren damals auch Fahnenflüchtlinge).

McCain fällt zusammen mit dem unsäglichen Mitt Romney über Hillary und Obama her, die zum letzte Woche verabschiedeten Truppenfinanzierungsgesetz mit Nein stimmten, da sie – offiziell – fixe Abzugsfristen haben wollten, und – inoffiziell – die vehementen Kriegsgegner der linken Parteibasis befrieden müssen, um ihre Chancen in den Primaries zu wahren. McCain tobte, die würden gegenüber Al-Kaida die “weiße Fahne schwenken”. Sein Berater legte nach: Obama könne einen Mörser von einer Wasserpfeife nicht unterscheiden, eine Anspielung auf die angebliche Unerfahrenheit des Junior Senator und sporadischen Drogenkonsum als Kid. Dazu können Obama nicht einmal rechtschreiben, da einer seiner Mitarbeiter in einer Aussendung “Flack Jacket” (kugelsichere Weste) und nicht “Flak Jacket” schrieb. Das werden noch lustige 77 Wochen bis zum Oval-Office-Wahltermin.

Gerade als ich mir denke, ob es noch zynischer geht – besonders an einem Wochenende, wo der Aufopferung von Soldaten gedacht werden soll – kommt der nächste Paukenschlag: Bush selbst überlegt, genau jene Strategie zu verfolgen, deren Verfechter er zuletzt als Kapitulierer und Fahnenflüchtlinge anpflaumte. “Cut and Run” kommt nun auch aus dem White House, Truppenreduzierung um 50% bis Sommer 2008, wie die NYT aus einem Pentagon-Plan zitiert. Zu sehr soll den um die Bush-Nachfolge kämpfenden Republikanern bei diese angeblichen so epischen, Generationen dauernden Krieg zwischen “gut und böse” auch wieder nicht geschadet werden.

Und die ganze Region, die dann in Luft fliegt, wie Bush bisher in schrillen Tönen warnte? Und die Terroristen dort, die uns dann alle in die USA nachfolgen, uns in der U-Bahn in die Luft sprengen, mit Zyanidgas vergiften, mit taktischen Nuklearwaffen auslöschen? Was ist das schon, im Vergleich zur Angst der Bush-Krieger, ihre Partei könnte das White House verlieren.

Schönen Memorial Day, Truppen.