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Aufbruchstimmung lag damals in der Luft, ein Brise an Hoffnung, auch wenn es drückend schwül war im Sommer 2005 im texanischen Kuhdorf Crawford, wo sich US-Präsident George Bush so gerne, oft und lange auf seiner Ranch vom Stress des Weltausdenfugenbringens ausruht. Ich hatte nicht lange gezögert, den Flug von New York nach Dallas anzutreten und mich dann vier Stunden lang in einem Meer aus SUVs und Pickups am I-35 nach Waco (ausgerechnet!) zu plagen. Nach einer Übernachtung, wo sie mir in der Hotelbar ohne Reisepass kein Bier servieren wollten (ich liebe Dienstreisen nach Texas…), stand ich ihr schließlich früh morgens im Ortskern Crawfords, gleich hinter einem Schlaftrailer gegenüber: Cindy Sheehan, 49, Mutter des im Irak gefallenen GIs Casey, die Bush zur Rede stellen wollte – und der durch seine schroffe Ablehnung Aktivisten aus dem ganzen Land zur Ranchbelagerung anlockte (das war übrigens knapp bevor Hurrikan Katrina seine Präsidentschaft endgültig auf den Misthaufen der Geschichte spülte).

Die Story begann, die Nation in diesem Sommerloch in Atem zu halten. Sheehan wurde als “Peace Mum” umjubelt, in den vielen in den Großmedien verbreiteten Superlativen sahen einige endlich einen “Vietnam-Moment” gekommen samt der Hoffnung auf eine breite Widerstandsbewegung gegen Bushs Irakfiasko samt Menschenmeeren vor dem Washington-Kapitol. Sheehan steht im gestreiften Pyjama verschlafen da, hält einen Kaffee in der Hand und beantwortet freundlich meine Fragen: “Sie wollte den Präsidenten doch nur fragen”, sagt sie mit leiser aber fester Stimme, “was denn der noble Grund sei, dass unsere Kinder dort ihr Leben lassen müssen”. Das Foto von uns beiden hat einen Fixplatz über meinem Schreibtisch.

Bauernebel und Sheehan
Sheehan und Bauernebel in Crawford

Das spontan eingerichtete Aktivistencamp an der “Prairie Chapel Ranch Road”, die zu Bushs Sommerhaus führt, signalisierte damals ebenfalls Aufbruchstimmung unter der durch die 9/11-Propaganda demoralisierten US-Friedensbewegung: “When Clinton lied, no one died”, hält einer eine Tafel in die Höhe, sein Nachbar “Iraq = Arabic for Vietnam”. Kreuze der Gefallenen errichteten Freiwillige im Straßengraben. Die Medien rissen sich um Cindy, die, großgewachsen und mit einem T-Shirt “We support the troops” wie ein Monument aus der bunten Aktivistenschar ragte. Neben ein paar Kuhfladen werkten ihre beiden Publizistinnen mit Handy, Bluetooth-Headset und Notizblock fieberhaft an einer Interview-Liste: Larry King, Wolf Blitzer, Katie Couric von der Today-Show, Bill Maher, HBO, alle haben angerufen, alle wollten den neuen Star auf Sendung haben. Verzweifelte Mutter, sinnloser Krieg, arroganter Präsident – ein Quotenhit.

Diesen Montag warf Cindy Sheehan, die in den vergangenen 22 Monaten fixer Bestandteil jeder Antiirak-Demo war und Bush rund um den Globus verfolgte, das Handtuch: “Good Riddance Attention Whore” (grob übersetzt: “Seid froh, die sich fürs Rampenlicht Prostituierende los zu sein…”) betitelte sie ihren Abschieds-Blog: “Ich habe genug Hass und Dreckschleuderei gegen mich ertragen seit Casay starb und besonders seit ich das ´Gesicht´ der amerikanischen Antikriegsbewegung wurde”, schrieb sie. Von den Rechten wurde sie als “Terroristen-Freundin”, als neue “Hanoi Jane”, verdammt, ihr Privatleben, samt Trennung von ihrem Gatten an die Öffentlichkeit gezerrt.

Doch das Genick brach ihr, als sie, nachdem sie auch die “weichen Demokraten” kritisiert hatte, nun von der Linken mit dem gleichen Dreck beworfen worden war. “Ich habe versucht, Caseys ultimativer Aufopferung Bedeutung zu geben”, schrieb sei: “Nun weiß ich, dass mein Sohn wirklich umsonst gestorben ist”. Und weiter: “Casey starb für ein Land, das mehr interessiert, wer das nächste American Idol wird als wie viele in den nächsten Monaten im Irak sterben werden während Republikaner und Demokraten Politik betreiben mit Menschenleben”. Dann brach sie unter Tränen zusammen, so Freunde.

Ein Amerikanischer Alptraum.