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Die Trivialisierung der US-Politik im US-Fernsehen scheint bereits so weit fortgeschritten, sodass ich mich manchmal frage, ob sogar mein fünfjähriger Sohn Maxwell in den Bann der nächsten Präsidentschaftswahlen gezogen werden soll. Als ich mir am Sonntag gerade die von CNN gesponserte Demokratendebatte in New Hampshire anschaute, hörte ich ihn plötzlich von hinten: “Daddy! Die heben alle die Hände – wie bei uns im Kindergarten…”. Er hat es erfasst: Der letzte Hit der Wahlschlacht um die Bush-Nachfolge heißt “Show of Hands”, Aufzeigen! Zehn Kandidaten bei den Republikanern und acht bei den Dems reden über Krieg und Frieden, Gott und Moral, Leben und Tod, die Führung der mächtigsten Militär- und Wirtschaftsmacht des Globus. Und dann müssen sie aufzeigen wie Tafelklassler…

Bei den ersten TV-Duellen war die Methode ja noch recht sparsam eingesetzt worden und förderte mitunter recht unterhaltsame Resultate zu Tage: Erstaunlich schien etwa, dass fünf der acht Demokraten-Kandidaten eine Schusswaffe besitzen, wie durch ein überraschend großes Händemeer deutlich wurde. Völlig unfassbar schien, dass drei der zehn Republikaner nicht an Darwins Evolution glauben, sondern wahrscheinlich an eine Welterschaffung in sieben Tagen (samt Ruhetag).

Doch Wolf Blitzer, das graubärtige Charismawunder als Moderator der jüngsten, von CNN gesponserten Demokraten-Debatte in New Hampshire verwandelte am Sonntag das Auditorium endgültig in ein Klassenzimmer, wo nur mehr George Bush fehlte beim Lesen des Kinderbuches “The Pet Goat” (ja, das, das er legendärerweise sieben Minuten lang studierte, als ihm am 11. September mitgeteilte wurde, dass “Amerika angegriffen wird”).

Bush und The Pet Goat
Nachdenken am 11. September: Bush und „The Pet Goat“

Blitzer setzte das Aufzeigen zur zentralen Waffe gegen mögliche, die Audienz einschläfernde Filibuster von Wahlprogrammen ein. Die Resultate reichten von kompletter Übereinstimmung wie bei der Frage, ob Gays in der US-Armee – sich offen bekennend – zugelassen werden sollen, bis zu tumultartigen Szenen und sogar offener Meuterei. “Wer dafür ist, dass die Gewalt in Darfur per US-Militärintervention beendet werden soll, hebe die Hand”, dozierte Professor Blitzer. “Zur Durchsetzung einer Flugverbotszone?”, wollte Obama wissen und plötzlich gingen die Hände rauf und runter, alle redeten wild durcheinander. Ja, die Welt ist manchmal kompliziert.

Bei der Frage, ob die USA die Olympischen Spiele in Peking wegen Chinas Support für das, für die Darfur-Massaker mitverantwortliche Sudan-Horror-Regime boykottieren könnte, gingen einige Hände noch zögerlich hoch. Doch als Wolf wissen wollte, ob die Kandidaten “Hellfire”-Raketen auf Bin Laden schießen und den Tod von Zivilisten in Kauf nehmen würden, kam es zur Meuterei. “Wir weigern uns, derart Hypothetisches mit bloßem Aufzeigen zu beantworten”, beendete Hillary den Spuk.

Lucky Konservative. Nach dem Aufstand blieb den debattierenden zehn Republikanern das triviale Theater erspart. Blitzer hatte die Taktik geändert, fragte nun jeden Einzelnen, er solle mit “Ja” oder “Nein” antworten auf die Frage, ob der gerade im “Spy-Skandal” verknackte Ex-Cheney-Helfer Scooter Libby begnadigt werden solle. Auch das ging in die Hosen: Giuliani dehnte sein “Ja” in ein minutenlanges Schlussplädoyer aus und ließ sich von Blitzer nicht stoppen….

Und wieder ergingen sich die Republikaner dann in einer ellenlang, sich echt “scary” anhörenden Debatte über die Erschaffung der Welt durch den lieben Gott höchstpersönlich: “Ob er sechs Tage dafür gebraucht hat, weiß ich nicht”, erläuterte Ex-Arkansas-Gouverneur Mike Huckabee: “Ich war nicht dabei”. Wer glaubt, nicht recht gelesen zu haben, bitte Aufzeigen.