Print Friendly, PDF & Email

Es wirkte eigentlich wie ein recht normaler Morgen – ein paar Emails, kurze Stories, Routine. Das war, bevor Paris Hilton freigelassen wurde: Das Handy bimmelte, die Chat-Bleeps am Computer starteten in flotter Frequenz, Emailalarms blinkten dazu. Talking about “Breaking News”! Terroralarme, Naturkatastrophen, Abstimmung im Kongress zur Irakkriegsfinanzierung, Wall Street im Freien Fall sind eine Sache – der Exit von Party-Paris aus ihrer kargen Minizelle eine andere…

Breaking News: Paris Free!
Breaking News auf tmz.com: Paris Free!

Verflixt, denke ich, als ich hektisch die herzzerreißenden Details ihres Häfn-Alltages im Frauengefängnis von Lynwood in den Computer tippe: Sohn Maxwell hat heute keinen Kindergarten. Elternsprechtag. Warum fällt Daycare immer aus, wenn die Hölle losbricht, denke ich gerade – als Steve Whitmore, Sprecher des mit Projekt Hilton-Knast betrauten “L.A. County Sheriff Department”, vor der Hundertschaft an, um 7:30 Uhr Ortszeit elendiglich früh angetretenen Reporter erscheint. Um 2:09 Uhr hätten sich, so Whitmore, für die mit ihrem Nullsterne-Hilton-Aufenthalt enorm unzufriedene Hotel-Prinzessin die Tore der Haftanstalt geöffnet. 40 weitere Tage wird sie in ihrer 3,1 Millionen Dollar teuren Luxus-Villa verbringen dürfen, wo ihr Kleiderschrank so groß ist wie eine Studentenwohnung. Ein elektronisches Fussband soll sie von heimlichen Clubbing-Ausflügen abhalten.

“Gesundheitliche Gründe” wurden für die blamable Freilassung genannt, die prompt einen nationalen Proteststurm lostrat (inklusive Schwarzenführer Al Sharpton). Das hatte der hektische Newstag noch gebraucht, frenetisch wurde spekuliert: Welche Gesundheits-Probleme? Ein Ausschlag berichtete “Entertainment Tonight” (Igitt!); reine psychologische Probleme und die Angst vor einem “totalen Nervenzusammenbruch”, rapportierte die Kult-Website tmz.com, die an diesen Tag “exclusives” in Serie lieferte. Hiltons neuer Psychiater (der schon im Michael-Jackson-Kinderschänderdrama auftrat – I love L.A.!) hatte die Knast-Mediziner und Sheriff Lee Baca überzeugt, dass Blondie die 23 Tage nicht durchstehen werde.

Kein Handy, keine Haarverlängerungen, kein Orangensaft mit Wodka, kein Tinkerbell, kein Bassbrummen aus den Disco-Boxen. Diagnose: Lebensgefahr! Baca hatte übrigens noch vor Tagen in knallharter Machopositur geprotzt, es werde “keine Extrawürste für Mrs. Hilton” geben. Was für eine Blamage! Law & Order 2.0, die Lightversion für Superreiche. “Es ist keine Freilassung”, stemmte sich Sprecher Whitmore gegen die nervende Journalistenphalanx an: “Es ist eine Haftverlagerung, sie ist immer noch ein Häftling”. Sicher, nur jetzt am Liegestuhl auf der Veranda ihrer im toskanischen Stil gehaltenen Villa.

Ich muss zum Elternsprechtag: Max mache Fortschritte beim Lesen, benehme sich weitgehend ordentlich und heitere die Klasse oftmals auf. Nett. Eine willkommene Abwechslung.

Als ich zurückkomme kreisen bereits News-Helikopter über Hiltons Hütte. Live im TV. Fast wie bei O.J.. Die Europäer sind arm, dass sie sowas nicht haben. Und die Paparazzi freuten sich: Denen hatte der Sheriff durch regelrechtes Reinschmuggeln des “Jailbird” letzten Sonntag den mit 500.000 Dollar ausgelobten Paris-Knast-Schnappschuss vermasselt. Jetzt belagerten sie ganze Straßenzüge in Hollywood Hills. Die angeblich geplante Willkommens-Party wird sie wohl nicht auf der Terrasse feiern.

Die Haft hat Hilton hinter sich, doch der Aufschrei wütender Bürger über den Justizskandal wird ihre Karriere demolieren. Wie ich bereits vor Wochen schrieb: Die Karriere einer “Gangster-Paris”, die mit Humor und Härte ihre Strafe durchgestanden und dazu vielleicht ein lustiges Buch geschrieben hätte, wäre steil nach oben verlaufen. Von einer “Jammer-Paris”, einer verwöhnten Heulsuse, die es trotz aller Vergünstigungen nicht einmal drei Wochen im Sondertrakt aushält, will niemand was wissen.