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Sohn Maxwell hat, geboren in New York, einen US-Pass. Seine Erstversion hatte Grenzer rund um die Welt zum Lachen gebracht (außer die in Österreich, deren Schmunzelmuskel wohl operativ entfernt werden…). Da schaut er raus aus der ersten Seite, pausbäckig, blinzelnd, kaum Haare, zwei Wochen alt. Das Foto haben wir selbst geschossen. Mamma Estee musste den Kopf halten, sonst wäre der aus dem Bild gekippt. Nun, Max ist jetzt fünf und brauchte einen neuen Reisepass. Schon das Einreichen geriet, trotz intensiver Vorbereitungen via Websites des “State Department”, zur kleinen Miniodyssee samt ergänzender Ausflüge zum Fotoladen um die Ecke, da das Passbild den Kriterien nicht entsprach und nach Hause, um mehr Dokumente zu holen.

Maxwells erstes Pass-Foto
Da lachten die Grenzer: Maxwell mit zwei Wochen

Zweieinhalb Stunden insgesamt, die uns durch Max, nicht besonders unterhalten beim Schalterstehen, eher wie zwei Tage vorkamen. Doch den größten Fehler machte Dad, weil er zu geizig ist: Das “Express”-Ansuchen mit $180 Kosten war mir nämlich zu teuer und ich entschied mich für das Standardverfahren zum halben Preis (auch nicht ohne für die Neuausstellung eines Passes). Zehn Wochen sollte das dauern, aber ich dachte eher an ein absolutes Worst-Case-Szenario, einem Fall in tausenden – so wie die Warnhinweisen auf Medikamenten, wo die Vierstunden-Erektion nach Viagra-Einnahme auch nur einem in 100 Millionen befällt… Er war damals Mitte März, so Ende Mai wollte ich nach Österreich aufbrechen zum Heimatbesuch mit Max. Zeit genug also.

Leider hatte ich vergessen, dass wir hier verwaltet werden vom “Government that brought you Katrina”: Eine fatale Kombo aus Post-9/11-Paranoia und Inkompetenz hatte zu einem gigantischen Rückstau bei der Passausstellung geführt. Die “Western Hemisphere Travel Initiative” sieht nämlich vor, dass Amerikaner fortan bei Reisen nach Kanada, Mexiko, Bermuda und Karibik-Staaten aus “Sicherheitsgründen” einen Reisepass benötigen. Millionen suchten um das Dokument an, denn nur ein wenig mehr als ein Drittel (!) der Amerikaner besitzt überhaupt einen Reisepass. Die meisten haben zu wenig Geld, Urlaub oder Furcht vor nicht-englisch-sprechenden Horden für konstantes Globetrotting, wie es die Europäer betreiben. Über die Welt erfahren sie meist durch intensive Medienberichte über Staaten, die kurz vor der Bombardierung durch Cruise Missiles stehen.

Nach neun Wochen, meinen Ösitrip habe ich bereits eher Anfang Juni angesiedelt, kommt ein Brief vom Passamt. Hurra, er ist hier, denke ich mir, doch in dem Kuvert, das kann man fühlen, ist kein Pass drinnen. Die Dokumentation des Vaters sei “unzureichend”, heißt es. Die Kopie meines Pass “nicht lesbar”, erfahre ich telefonisch. Komisch, die wurde an der gleichen Kopiermaschine gemacht wie Estees. Die haben also trotz Massenansturm Zeit für Schikanen. Es ist jetzt Zeit zum Nervöswerden, besonders nachdem das Amt telefonisch kaum mehr erreichbar und der Status des Ansuchens via Website ebenfalls nicht abrufbar ist.

“Small Government” ist die Mantra der Erzkonservativen, und unter Bush wurden praktisch alle Regierungsinstitutionen (außer dem Pentagon!) massiv zusammengestrichen und Führungspositionen meist mit unfähigen Spezies besetzt. Das merkt man dann, wenn ein Hurrikan eine Stadt versenkt und niemand ihre Bewohner von den Häuserdächern holen kann. Oder wenn ein zur Verhaftung ausgeschriebener Tuberkulose-Kranker an der Grenze gestoppt werden soll und ihn ein überarbeiteter Einwanderungsbeamter irrtümlich durchwinkt. Oder seine Bürger Reisepässe brauchen.

Es gibt aber doch noch ein Happy End: Gerade als ich meine Reise auf Herbst verschieben will, kommt – nach 85 Tagen! – Maxwells neuer Pass. “… and that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth”, ist Abraham Lincoln auf Seite 1 zitiert. Der würde sich sicher wundern, was aus seiner “Regierung für die Bürger” geworden ist.