Print Friendly, PDF & Email

Es ist ein Treffen mit einer Medien-Ikone: Tina Brown, 53, geboren in England, heimisch in New York, eine Legende des internationalen Society-Journalismus. Weltberühmt wurde sie vor allem als Blattmacherin der Kult-Magazine “Vanity Fair” und “The New Yorker”. Ihr eigenes Magazin, “Talk”, das mit Riesenpomp 1999 unter der Freiheitsstatue im Gewurrl des Who is Who der New Yorker Szene eingeweiht wurde, verglühte nach drei Jahren im miesen Anzeigenmarkt des Post-9/11-Amerikas.

Jetzt ist Brown wieder in aller Munde: Kurz vor dem 10. Jahrestag des plötzlichen Todes von Lady Di hat sie mit den “Diana Chronicles” die ultimative Bio der Legende publiziert. Die großen US-Medien reißen sich um sie: ABCs 20/20, Newsweek, gleich drei große Feature in der New York Times, dazu Serienauftritte im Frühstücksfernsehen von Manhattan bis Berlin.

Ein wenig Nervosität darf daher sein, als ich an der Türe ihres Zuhause an der teuren Upper-East-Side klingle. Ihre Assistentin führt mich ins Wohnzimmer. Dort sieht es aus, wie in einem englischen Landhaus: Komfortable Sofas, ein Kamin, barocke Wandlampen, Bücherregale überall, eine regelrechte Orgie aus Pastelltönen sorgt für weiches Licht. Im Nebenraum höre ich Gatten Harold Evans, ein Veteran des Zeitungsjournalismus seit Jahrzehnten, hinter einem Wust hoher Papierstapel wild werken. Im Hof draußen – Tinas Wohnung ist im Erdgeschoß – sprudelt ein Brunnen, mit Steinlöwenkopf und allem Drum und Dran. Was für eine Idylle in Manhattan, wo im großen Gier-Rausch des Immobilien-Fiebers gerade jeder Quadratzentimeter renoviert oder neu gebaut wird.

Tina erscheint im schwarzen T-Shirt, dicker Designer-Gürtel, blonde Kurzhaarfrisur, unauffälliges Make-Up. “So würde Diana heute aussehen”, sagt Estee, als sie später die Fotos sieht. Tina redet mit leichtem britischem Akzent, doch schnell und präzise wie eine New Yorkerin. Das ist kein Gesprächspartner, dem man mit zu wenigen Fragen gegenübertritt. Das Leben Dianas rattert sie im Zeitraffer herunter, sie hat Praxis nach den vielen Interviews.

Und man merkt: Tina hat sich bei den unzähligen Stunden an Interviews mit ihren 250 Gesprächspartner und dem Tippen der 560 Seiten ein wenig selbst verliebt in den Star ihres Bestsellers. Für dieses Phänomen unter Autoren sollte es eigentlich einen Fachbegriff geben – so wie “Stockholm Syndrom”. Ja, Diana hatte Schwächen, doch in ihre Fussstapfen als globale Wohltäterin solle erst einmal jemand treten.

Und jetzt sind wir auch schon beim Thema, wo Tina etwas melancholisch vergangene Zeiten vermisst: Diana war eine Klasse für sich, ein Star, der die Welt veränderte, sie in Atem hielt. Eine Ikone, im Olymp der ganz Großen wie JFK, Marilyn Monroe oder Elvis. Heute dominieren “Möchtegerns” wie Paris Hilton, Lindsay Lohan oder Britney Spears die Headlines. Sie schaut etwas traurig, ich auch, man erinnert sich in solchen Momenten wehmütig an die “guten alten Neunziger”: Damals war Bill Clinton US-Präsident und Diana globaler Superstar – heute haben wir Bush und Paris.