Print Friendly, PDF & Email

Bitte Al Gore, tritt nicht als Präsident an! Das schoss mir sofort in den Kopf als ich jetzt endlich sein jüngstes Buch “The Assault on Reason” gelesen habe (für eine Rezension, die ich zu schreiben hatte, muss ich zugeben – ein Auftrag, für den ich aber äußerst dankbar bin!) Meckern über Bush & Co tun viele. Und ellenlange Abhandlungen über seine Missetaten füllen ganze Regale in Buchhandlungen rund um die Welt. Doch was Gore auf 350 Seiten in diesem zu Papier gebrachten Wutausbruch anliefert, verdeutlicht wegen seiner Brillanz neuerlich, dass er seinen Weg als Autor, Guru, Aufrüttler, Analyst, Medienmann, Filmproduzent, globaler Lobbyist für das Überleben der Menschheit, was auch immer, fortführen soll.

Politiker war er schon – und warum er dabei letztendlich scheiterte (abseits des Wahlbetrugs in Florida) analysiert er selbst am besten: Die Medien, vor allem das TV, mit dem die Amis zwei Drittel ihrer Freizeit zubringen, haben die ganze Politik auf derart triviale “Personality Stories” reduziert, dass Sachargumente wenig Platz mehr finden. Und Gore war damals ein echtes Opfer: Ha! Ha! Er hat das Internet erfunden! Er ist steif! Hölzern! Berater souflieren ihm alles ein! Er wechselt seine Gardarobe, da ihm Meinungsforscher Erdfarben empfahlen! Er seufzte hörbar in der großen TV-Debatte! Stimmt, das war ja alles sehr witzig. Doch was er zu sagen hatte, seine Pläne für Amerikas Zukunft, die Tatsache, dass er acht Jahre lange als Vize in einer der besten Zeiten der US-Geschichte die Fäden mitzog? Who cares.

Daneben sein Gegenüber, George W. Bush: Ja, der ist kumpelhaft! Mit dem würde man gerne auf ein Bier gehen! Ihn würden die Amerikaner wohlwollend in ihr Wohnzimmer lassen! Ein klasser Kerl, verbreiteten diese Luftköpfe an TV-Analysten rund um die Uhr. Dass der keine drei ausländischen Länder benennen konnte, kaum gerade Sätze rausbrachte und durch seinen Daddy während seines ganzen Lebens bei jeder Pleite nach oben fiel? Who cares.

Al Gore, tu dir das nicht mehr an. Politiker, inklusive denen im Oval Office, sind in einer Zeit, wo Lobbyisten-Horden den ganzen Politprozess mit ihren Geldkoffern fast restlos ad absurdum geführt haben, ohnehin meist nur mehr Statisten. Vielleicht kümmern sich die US-Medien deshalb so sehr um die persönlichen Aspekte.

Ein Bild in in einem “Time”-Fotoessay sagt mehr als tausend Worte über Gores Zukunftsperspektiven: Da sitzt er in seinem Büro, am Schreibtisch gleich drei “Apple Cinema Display”-Riesenflachbildschirme nebeneinander, eine “Flip Chart” daneben, Papierstapel überall, Bücherregale. Das ist das kreative Chaos eines Visionärs, der nächtelang eben so viele Fakten zusammenträgt, bis er den drohenden Klima-Gau in seinen Vorträgen und dann in der Oscar-gekrönten Doku “An Inconvenient Truth” so erklären kann, dass er gleich weite Schichten der Menschheit aus ihrer Lethargie reißt. Dort entstehen die brillanten Buchpassagen, wo er die vom TV eingelullten Wähler mit hypnotisierten Hühnern vergleicht, die man in diesem Zustand als Briefbeschwerer oder Türstopper verwenden könne (nicht jedoch als Fussball, da sie dann doch aufwachen…).

Al Gore soll uns außerhalb des White House erhalten bleiben – um die Welt aus ihrem Rückwärtsgang zu befreien. Als ich diesen Satz fertig tippe, sehe ich gerade Wolf Blitzer auf CNN, wie er eine Schautafel mit den Körpergrößen früherer Präsidenten und heutiger Kandidaten präsentiert. Wie gesagt…