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Rainbow Room
Graduation-Riesenfete: Maxwell ist Mr. „I“

Ich hab ja etwas geschmunzelt, als ich zum ersten mal hörte, dass in Amerika Fünfjährige von ihrem Vorkindergarten (“Day Care”) in einer Riesenfeier graduieren. Anderswo wird das eher mit Studienabschluss in Zusammenhang gebracht. Doch nun marschierte letzten Freitag im Konferenz-Raum des “New York Mercantile Exchange” direkt am Hudson River mein eigener Kleiner mit vor Stolz geschwelter Brust zur Übernahme seines Diplomas (seine “Dissertation” erhielten wir Tage zuvor: eine dicke Mappe mit wilden Skizzen von “Thomas The Tank Engine”, tolle Kampfszenen von mit wenigen Strichen dargestellten Dinos, Art-Deco-ähnliche Schreibproben).

Aufgeregt war Maxwell ja schon seit langem, und es hat ihn mächtig genervt, dass er uns von seinem Vorbereitungen in Day Care nichts verraten durfte. Die ganze Aufregung kulminiert dann natürlich prompt in einem Meltdown eine Stunde vor dem Start der Zeremonie, als er die extra angeschaffte Festkleidung nicht anziehen will – und wir ihn erst recht mit dem üblichen Skateboarder-Outfit ins Rennen schicken müssen. Beim Betreten des Gebäudes werden wir gescannt, als wollten wir in Bushs “Situation Room” unter dem Oval Office vordringen. Immerhin: Im gleichen Gebäude bestimmen Trader den globalen Preise von “Crude Oil” – eine als Graduation-Kids getarnte Terror-Truppe könnte hier leicht die Welt aus den Fugen bringen.

Max wird im Vorbereitungszimmer abgegeben und wir Eltern bereiten uns aufs drohende Losheulen vor lauter Rührung vor. Der Einmarsch beginnt: Die Musik ist dem Anlass gerecht, würdevoll, akademisch, die, wie früher ausführlich beschriebene, wirklich bunte Schar an Day-Care-Abschlüsslern stapft im Gänsemarsch durch die nun noch aufgeregtere Elternschar, die mit ihren Fotoapparaten und Video-Rekordern an die Paparazzi-Horden vor Paris Hiltons Villa in Hollywood Hills erinnert (ohne niedergetrampelten Reporter diesmal natürlich…).

Parents und Kids
Eltern-Paparazzi außer Rand und Band: Einmarsch der Kids

Die Kids singen ihre einstudierten Songs, Max am lautesten, was uns keinesfalls überrascht. Ich bemerke gerade, dass die mitgebrachte, kürzlich erstandene Digitalkamera, anders als vermutet, KEINE Video-Funktion hat. Gut vorbereitet, Dad. Nun ist Miss Lindsay, Maxwells Cheftante, an der Reihe, und sie bricht in einem Weinkrampf vor lauter Rührung fast zusammen. Keine Unterstützung von ihr jedenfalls, was das Zurückhalten unserer eigenen Tränen betrifft. Nun kommt der große Moment, Max bekommt seine Rolle, sein Zertifikat für seinen erfolgreich abgeschlossen Vorkindergarten (Nein, durchfallen kann man nicht dabei…).

Meine Kamera (die ohne Video-Funktion) klemmt – und die Direktorin und Max müssen fast eine kleine Ewigkeit lang in eingefrorener Übergabe-Position verharren. Vielleicht bin ich auch deshalb schreibender Journalist und nicht fotografierender geworden. Die Kids beenden ihre Performance mit dem Hochhalten der Buchstaben des Namens ihrer Klasse, “Rainbow Room”.

Dr. Day Care Maxwell hat jedenfalls die erste Hürde seiner akademischen Laufbahn genommen, im Herbst beginnt er im Kindergarten. Auch nach dem gibt es sicher eine “Graduation”, wie auch wahrscheinlich nach jeder weiteren signifikanten Phase seiner Ausbildung. “Die wollen uns wohl finanziell ruinieren”, scherzt ein Vater und spielt auf die traditionellen “Graduation Gifts” an. Aber insgesamt bin ich begeistert von der Praxis: Das Gesicht des so stolzen wie aufgeregten Kleinen werde ich niemals vergessen. Ja, und die Tränen kullerten. Bei allen.