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Beer Belly Tower
JP Morgans neues NY-Wahrzeichen: Der Trading-Floor über der Kirche

Über fünf Jahre lang wundere (ärgere) ich mich, dass aus dem sieben Stockwerke tiefen Riesenloch “Ground Zero” nichts rauswächst, da der Wiederaufbau des zerstörten “World Trade Center”-Komplexes so lange wegen kafkaesker Bürokratie und groteskem Polit-Hickhack nicht vom Fleck kam. Doch jetzt, wo die Gebäude zu sprießen beginnen, muss man sich regelrecht davor fürchten und nach Zeiten des Stillstandes sehnen.

Den “Freedom”-Tower, ein obeliskförmiges Monstrum, auf einen 15-stöckigen, fensterlosen, vertikalen Bunker gestellt, ist ja noch zu verkraften. Seine Höhe von 1776 Fuss (541 m) gleichlautend mit dem Jahr des US-Geburtstages ist fast so pathetisch wie der Name. Dazu könnte in den obersten Stockwerken gleich ein Fadenkreuz angebracht werden – so einladend wird das vertikale Monument amerikanischer Widerstandskraft für künftige Terroristen sein. Aber immerhin: Der Freedom-Tower wird New York seine Skyline zurückgeben, die nach der Auslöschung der Twin Towers am Südzipfel Manhattans eher zu einer ähnlich Bostons degradierte.

Doch nun gesellt sich der “Bierbauch-Turm” hinzu! Als die Bank “JP Morgan Chase” erste Zeichnungen ihres neuen Headquarters am Rande Ground Zeros präsentierte, mussten selbst die hartgesottensten Zyniker der kuriosen Wiederaufbau-Odyssee den Kopf schütteln. Da war ein 42 Stockwerke hoher Turm zu sehen, an dem zwischen 12. und 18. Stock ein statisch beängstigend weit hinausragender “Bierbauch” hängt. Und der schwebt auch noch bedrohlich über dem ebenfalls geplanten Neubau der griechisch-orthodoxen “St. Nicholas”-Kirche. Talk about Schattendasein… “Was für eine Zero”, titelte New-York-Post-Kolumnist Steve Cuozzo, der seit 9/11 gegen die vielen Facetten des Wiederaufbauunfugs anschreibt.

Wie kam es zu dem architektonischen Frontalunfall? Im Bauch soll der “Trading Floor” untergebracht werden, der großflächig sein muss – und deshalb normalerweise in Erdgeschossnähe liegt. Dort würde aber die Kirche im Weg stehen, deshalb hängt die neue Geldscheffelhalle der JP-Händler über dem Gotteshaus. Wenigstens ist so auch optisch klar zu sehen, wer wirklich das sagen hat.

Dazu hat viele bereits geärgert, dass die armen Banker mit 99 Milliarden Dollar Jahresumsatz wegen der Standortwahl ihres neuen Towers in Lower Manhattan auch noch mehrere hundert Millionen an Steuererleichterungen nachgeschmissen bekamen (nachdem sie drohten, nach Stamford, Connecticut, abzuwandern…). Nun ist ihnen mit dem “Beer Belly Tower” eine der kuriosesten Sehenswürdigkeiten des Big Apple gelungen.