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So tragisch der Kollaps der I-35W-Todes-Brücke auch war. Demonstriert wurde neuerlich die Macht des amerikanischen Live-TVs. Binnen Minuten, nachdem der Einsturz der 500 Meter langen, achtspurigen Mega-Brücke nahe Downtown Minneapolis 50 Fahrzeuge bis zu 18 Meter in die Tiefe riss, tauchten unter der grellen “Breaking News”-Signatur die ersten Live-Bilder auf. Sie kamen von stationären Verkehrskameras, zu denen die lokalen TV-Stationen Zugriff haben – noch bevor ihre News-Helikopter aufsteigen können. Zu sehen waren zunächst Rauch, Fahrbahnteile in 45 Grad Neigung, das hektische Rotieren der Lichter hunderter Einsatzfahrzeuge. Von einiger Distanz allerdings.


„Breaking News“: Inferno an erschreckenden Live-Bildern

Am Internet rotiert via “Drudge Report” ebenfalls schon das berühmte Blaulicht: “Bridge Collapse” prangt in magenta. Noch ein paar Minuten und das wahre Ausmaß der Tragödie wird sichtbar. Die gestarteten Helikopter halten jetzt von oben auf Amerikas jüngstes “Ground Zero” zu: Ganze Brückensegmente liegen im Fluss, Autos, Trucks und LKWs drauf, Menschen wacheln um Hilfe. Zerquetschte Vehikel überall. Die Feuerwehr sprüht auf einen brennenden Sattelschlepper, dessen Fahrerhaus unter der Betondecke zerdrückt wurde. “Mein Gott”, ruft nun Paula Zahn, Moderatorin von CNNs Primetime-Sendung um 20 Uhr: “Ein Schulbus!” Das gelbe Gefährt ist, nur wenige Meter vom brennenden LKW entfernt, ans Geländer gedrückt, droht abzurutschen.

Die nächsten Stunden entfaltet sich das Drama dann weiter mit einer Flut unglaublicher “Live”-Bilder: Das Einladen Blutender, Ohnmächtiger und Traumatisierter in Ambulanzen, erste Augenzeugenberichte von Überlebenden, das herzzerreißende Interview mit einem Mann, der mit seiner Freundin telefonierte, als sie sagte: “Die Brücke stürzt ein, ich muss auflegen…”. Aufwand, Tempo und Professionalität der TV-Riesen lohnen sich natürlich: Weit über drei Millionen Zuseher haben die großen Kabelkanäle Fox News, CNN und MSNBC jeweils an diesem Abend, zwei bis dreimal so viele als normal. Mitunter endet der brutale Konkurrenzkampf auch tödlich, als etwa kürzlich über Phoenix zwei News-Helikopter kollidierten und vier Reporter starben.

Am nächsten Morgen geht das Quoten-Rennen im Frühstücks-TV weiter, CNN gibt mit dem ersten Video der einstürzenden Brücke den Ton an. Alle Stars, von Matt Lauer (NBC) zu Diane Sawyer (ABC) berichten vom Flussufer, die ganze Nacht lang wurde wohl um die besten und berührendsten Augenzeugen und Hinterbliebenen gerangelt. Wie brutal dieser Wettkampf ist, konnte ich selbst miterleben, als ich nach dem Uni-Massaker an der “Virginia Tech” spätabends am Tatort eintraf. Dort standen in der Lobby eines Verwaltungsgebäudes die Stars des US-TV-Nachrichtengeschäfts herum, die Fox-Stars Geraldo Riviera und Brit Hume, einige CNN-Anchors, Larry King moderierte einen Stock drüber gerade seine Sendung. Die Knochenarbeit fällt den “Producers” zu: Die suchen nach Zeugen, gewinnen Exklusiv-Bindungen an Sender, händigen Taschentücher zum Tränentrocknen aus und versprechen “jegmögliche Hilfe”. “Sag Larry”, dröhnt da plötzlich Hume und meint Hauptkonkurrenten King: “Er kann meine Zeugen nicht haben – keine Chance”.

Warum sieht man eine derart umfassende Live-TV-Berichterstattung nicht in Europa? Als etwa die stümperhaften Terror-Doktoren ihr brennendes SUV in den Glasgow-Airport lenkten, wurde zwei Stunden via CNN herumgerätselt, ob überhaupt was gravierendes passiert ist. Live-Bilder gab es nie, letztendlich tauchten ein paar alte Videos mit dem brennenden Vehikel auf. “Live-TV ist einfach wahnsinnig teuer”, erzählte mir einst einst ein Kollege von der irischen TV-Anstalt RTE, als wir auf Hurrikan Rita in Houston warteten. Mehrere europäische TV-Reporter teilen sich aus Kostengründen etwa einen einzigen Übertragungswagen der “European Broadcasting Union” – mit dem sie zu großen US-Stories tuckern. Der Kollege scherzte, dass beim hordenhaften Eintreffen der Europäer viele lachen: “Schaut, der Zirkus ist da!” Er schüttelt den Kopf: Es ist irre, wie viel Geld die Amerikaner ins TV stecken.

Das beinhaltet wohl auch Transport-Kapazitäten: Als ich nach vier Stunden Autofahrt am Weg nach Blacksburg zum Campus-Massaker per Mietwagen unterwegs war und und noch 250 Meilen vor mir hatte, hörte ich per Satellitenradio bereits CBS-Anchor Katie Couric bei einer Pressekonferenz Fragen stellen. Wie ist die – ebenfalls aus New York – so schnell dorthin gekommen? Sicher mit dem Privat-Jet. Tragisch, dass Amerika nicht so gute Brücken hat wie TV-News.

P.S.: Nachtrag zu meinem Handy-Verkauf: Der Käufer wollte per Email wissen, ob er es wieder retournieren kann, da es ihm nicht taugt. Ich werde ihm anraten, es einfach weiterzuverkaufen, am besten per craigslist…