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PartyBrooklyn
Rave im „Fort Greene“-Park: Gute Stimmung Sonntag nachmittags

Ich treffe Freunde zum Brunch in Brooklyn. Die Reise ist kurz von Lower Manhatten aus, drei Stops mit der “R”-Linie. Bald sitzen wir im schattigen Gastgarten des “Chez Lola”, einem netten französischen Bistro. In einer bequemen Sitzecke schlägt eine Gruppe 20-Jähriger den beginnenden, schwülen Sonntag Nachmittag mit relaxtem Small-Talk über die Bar-Ausflüge des letzten Abends tot. Man erzählt sich aber auch über neue Gallerien, berät über Projekte, Firmenideen. Eine jungendliche, kreative Unbekümmertheit liegt in der Luft.

Nächster Stopp: Der “Havana Club”, ein paar Blocks weiter. Aus den Boxen dröhnt cooler Funk mit Latino-Anstrich, ein ähnlich junges Publikum genießt “Frozen Margaritas” und “Mojitos” auf grell gestrichenen Holzbänken unter bunten Sonnenschirmen. Mitten drinnen steht ein kitschiger Springbrunnen. Man ist in Partylaune, um 3 Uhr am Nachmittag. Ein Kellner kommt mit einer Runde Gratis-Margaritas vorbei. Gratis? So was habe ich auch schon lange nicht erlebt. Wir lehnen ab, da die stechende Sonne gepaart mit dem hohen Tequilla-Anteil des ersten Cocktails schon fast ein Teekannen-Sausen in meinem Kopf verursacht – und Sohnemann Maxwell nun schon recht innständig seinen versprochenen Trip zum Spielplatz einmahnt. Danach, am Heimweg zur U-Bahn, kommen wir auch noch an einem Outdoor-Rave vorbei, wo Hunderte unter den alten Bäumen des idyllischen “Fort Greene”-Park happy vor sich hinstampfen. Max sitzt auf meiner Schulter und will gar nicht wirklich heim.

Havana
Havana Club, Fort Greene, Brooklyn: Bunte Schirme, Frozen Margaritas

Wow! So viel Spass hatte ich in New York seit langem nicht! Es scheint zu stimmen: Der Borough Brooklyn ist heute unumstrittene “Party Town USA”, das coole New York. Die Abwanderung der Jungen und Kreativen aus Manhattan über den East River scheint komplett. Der “Lonely Planet”, die Bibel der Rucksack-Touristen, erklärte Brooklyn kürzlich nicht umsonst zur “besten Reisedestination 2007”, Brooklyn wohlgemerkt, nicht Manhattan (das liegt sicher auch daran, dass niemand von den Globetrottern mit Mini-Budgets seinen Tramper-Rucksack in die Lobby des “Four Saisons” schleppen wird können…).

Irgendwie erinnert mich Brooklyn heute an das East Village, die Lower Eastside oder das West Village Ende der Neunziger. Das war bevor durch Wall Streets Bonus-Milliarden und dem irren Hype um Immobilien-Investments die Insel zu einem Tummelplatz der Superreichen verödete. Tribeca, mit seinem Durchschnitts-Familieneinkommen von mittlerweile 350.000 Dollar, seinen durchgestylten Kids, Mommys im “urban chique” samt “Bugaboo”-Strollers und Hollywoodstars, wirkt überhaupt bereits wie eine urbane Version von Malibu. In Soho und dem Westvillage wachsen immer kühnere und teurere Glaswürfel-Luxus-Condos in die Höhe, selbst in Harlem eröffnen 2009 zwei Boutique-Hotels (!). Dazu werden Mietwohnhäuser immer schneller konvertiert zu Condos, die dann um Millionenbeträge verhökert werden. Es wird recht einsam für die Mittelklasse auf dieser Glitzerinsel.

Warum wohnen wir noch in Manhattan? Zum einen ist es “close to Brooklyn”. Scherz beiseite: Die Lage mit den tollen Grünflächen des Battery Park am Hudson-Fluss ist für Kids ideal. Dazu haben wir noch einen recht günstigen Mietvertrag, da wir hier 2002 einzogen, als das vier Blocks entfernte “Ground Zero” noch schmorte. Und Maxwell kann ab September in den Kindergarten einer der besten, öffentlichen Schulen New Yorks. Aber wer weiß? Vielleicht platzt die ganze Real-Estate-Blase ohnehin bald und die Karten werden neu gemischt in der Stadt, die Höhen und Tiefen samt ständiger Völkerwanderungen erlebt wie kein Ort der Erde.