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Nie vergessen werde ich, wie die New Yorker die bittersten Tage ihrer Geschichte nach dem Twin-Tower-Jumboinferno von 9/11 mit Bravour meisterten. Oder wie sie nach dem großen Blackout im Sommer 2003 kilometerweit durch die schwüle Hitze und totale Finsternis nach Hause marschierten oder sich selbst aus feststeckenden Subway-Garnituren befreiten. Auch sonst übertauchen New Yorker die Dauerstrapazen des nervigen Alltag im hektischen und besonders im Sommer glutheißen Großstadt-Dschungel mit Abgebrühtheit und Galgenhumor.

NYTimes
New York Times: Leere Versprechen der Subway-Betreiber

Doch Mittwoch platzte ihnen mal echt der Kragen! Ein Riesengewitter samt Tornado-Touchdown in Brooklyn (in nur einer Stunde fielen 43 Millimeter Regen) hatte New York in die Knie gezwungen, wie die New York Times am Folgetag verblüfft feststellte: Und schuld daran ist zu 95% die “Metropolitan Transit Authority” (MTA), der Betreiber des 1056 Kilometer langen Subway-Netzes und zahlreicher Regionallinien. Die Flut setzte prompt die teils uralten, baufälligen Tunnel unter Wasser und brachte den Großteil der Linien zum aprupten Stilstand, darunter die Linien 1, 2, 3, 4, 5, 6, N, R, S, Q, W, V, F, I, J, 7.

New York stürzte ins totale Chaos: Millionen gestrandete Pendler versuchten die wenigen U-Bahnzüge und Busse zu stürmen, wachelten Taxis hinterher (was selbst bei Schönwetter oft aussichtslos ist). “Bitte finden sie andere Transportmittel”, teilten die MTA-Leute per Megafon den Gestrandeten lapidar mit. Es klang wie eine Verhöhnung. Regionalzüge aus den “Westchester”-Suburbs mit der Destination Grand Central, Midtown, stoppten plötzlich in der Bronx. “Steigen Sie in die Subway um”, wurde geraten. Doch die war natürlich längst eingestellt. Tausende Wallstreet-Leute mit Anzug und Krawatte irrten, vom Schweiß völlig durchnässt, durch die Straßen am schwülsten Tag des Jahres, vielleicht sogar der letzten Jahre (denn kaum waren die Tornado-Warnungen erloschen, schob der Wetterdienst ein “Heat Advisory” nach mit gefährlicher “Anfühltemperatur”, einer Kombo aus Echt-Temperatur und Luftfeuchtigkeit, von 40 º C).

In der U-Bahn kam es mitunter zu lebensgefährlicher Überfüllung auf den auch ohne Luftfeuchtigkeit meist über 40 º heißen Bahnsteigen. Mitunter brachen fast Prügeleien aus. Was am Day After die New Yorker noch wütender macht: Genau das Gleiche passierte am 8. September 2004, als nach der exakt gleichen Regenmenge in ebenfalls einer Stunde das MTA-Netz kollabierte. Die Öffi-Tölpel versprachen damals, mehr Pumpen zu installieren. “Das wird nicht wieder vorkommen”, sagten sie damals zerknirscht. Well? Offenbar genau bis zum 8. 8. 2007. New-York-Gouverneur Eliot Spitzer ordnete prompt eine Investigation an.

Und während Bürgermeister Michael Bloomberg die City für das Verscherbeln der teueren Condo-Türme allerorten behübscht (inklusive verschiedenfarbiger Granitplatten als Zebrastreifen vor unserer Haustüre), ist das darunter liegende, antiquierte und vergammelte U-Bahn-System für eine Weltmetropole vom Rang New Yorks eine Blamage. Dazu sind die MTAler meist garstig und ahnungslos, überall tropfte es rein, Stahlträger sind verrostet, Subway-Garnituren quietschen, dass das Trommelfell fast platzt. Am Wochenende wird durch Dauer-Umleitungen das U-Bahn-Fahren ohnehin zu Abenteuer – oftmals landete ich irrtümlich bereits in Queens oder Brooklyn. Über die Lautsprecheranlagen kommen dann Durchsagen á la “La.., G-man, ca .., struc ..a .trai…. l-line, expr… brookl… d…own”. Und jedes Wort davon wäre wichtig gewesen! Dabei knallt die MTA – wegen angeblicher konstanter Pleite trotz steigender Einnahmen gepaart mit Personalabbau – ständig die Fahrpreise nach oben. $2 kostet inzwischen die einfache Fahrt.

Und, by the way: Sicher, es hat recht fest geregnet. Doch in Miami würde wegen einem ähnlichen Platzregen niemand die Mine verziehen, geschweigedenn die Stadt lahmgelegt werden. Die nächste Al-Kaida-Attacke auf New York kommt vielleicht mit Regenmaschinen…